Brauchen wir eine neue Aufklärung? Was tun gegen den Rechtspopulismus? Soziale Ungleichheit bekämpfen!

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Autorin, Filmemacherin und Kulturwissenschaftlerin Humboldt-Universität zu Berlin

Expertise:

Christina von Braun ist Kulturtheoretikerin, Autorin und Filmemacherin. 1994 wurde sie auf den Lehrstuhl für Kulturtheorie mit dem Schwerpunkt Geschlecht und Geschichte am Institut für Kulturwissenschaft an der HU Berlin berufen. Sie ist u.a. Mitglied im Beirat des Forums für Interkulturellen Dialog e.V. und im Vorstand der Deutschen Orientstiftung sowie Vizepräsidentin des Goethe-Instituts.

Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander, die Eliten bleiben unter sich; vielen bleibt der Zugang zu Bildung, Politik und Wirtschaft verwehrt. Das hat sowohl psychologische als auch gesellschaftliche Folgen: Die Zukurzgekommenen äußern ihren Unmut, indem sie mit Pegida auf die Straße gehen und AfD wählen. Wer den Populisten das Wasser abgraben will, sollte die Warnungen der Sozialforschung zur wachsenden sozialen Ungleichheit ernst nehmen.

Natürlich brauchen wir eine neue  Aufklärung – aber welche? Seit Jahren machen Soziologen und Bildungsforscher darauf aufmerksam, dass die soziale Mobilität in diesem Land zu einem gefährlichen Stillstand gekommen ist. Seit Jahren weisen Untersuchungen darauf hin, dass die Schere zwischen Vermögenden und Unvermögenden, zwischen hohen und niedrigen Einkommen immer weiter auseinanderklafft. Auf die Folgen für die Volkswirtschaft hat Michael Fratzscher kürzlich hingewiesen.

Die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer - mit Folgen für Wirtschaft, Bildung und Politik

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Aber es gibt auch psychologische und politische Folgen. Die Rekrutierung der Eliten, so zeigen die Untersuchungen des Soziologen Michael Hartmann, findet in einem immer engeren Kreis von Privilegierten statt. Und zwar in allen Sektoren: Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Verwaltung und Medien. Am homogensten ist der Sektor der Wirtschaft. Leistung? Aufstieg? Vergiss es, wir rekrutieren aus den eigenen Reihen! Auch die Politik, die bisher noch gewisse soziale Aufstiegschancen bot, ist seit 2000 immer bürgerlicher geworden: In den Parteien sank der Anteil an Arbeiterkindern. (Das erleichtert freilich den Wechsel von der Politik in die Wirtschaft!) 

In den Eliten sind die Ostdeutschen unterrepräsentiert; der Weg nach oben ist für sie noch schwieriger als für Frauen!

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In keinem anderen Land der EU ist die soziale Stagnation so ausgeprägt wie in Deutschland; in der Bildung zeigt sie sich besonders deutlich. Die ökonomische Benachteiligung ist nur eine der Folgen; die andere ist politischer Art: Auf die Frage nach der Schuld für die Finanzkrise nannte eine breite Mehrheit der Bevölkerung die Bankenderegulierung. Die Elite, die sich überwiegend aus Mitgliedern mit bürgerlicher und großbürgerlicher Herkunft zusammensetzt, hatte eine andere Deutung: die Staatsverschuldung. Diese Art von Erklärung hat irgendwie ein Gschmäckle. Zudem die Staatsverschuldung erst mit der Bankenrettung richtig einsetzte. Für den Rechtsruck in den neuen Bundesländern muss die Floskel vom ‚dunklen Deutschland’ herhalten. Aber hat sich mal jemand die Zahlen zur Repräsentation der Ostdeutschen in den deutschen Eliten angeschaut? Neben Merkel und Gauck gibt’s für die Ostdeutschen eine ‚Glasdecke‘, die noch undurchlässiger ist als die für Frauen – und da ist Deutschland schon Schlusslicht.

Viele Nichtwähler gehen jetzt zur Wahl, um gehört zu werden - um jeden Preis. Populisten von AfD und Co profitieren

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Pegida und AfD verdanken ihren Zulauf keineswegs nur den Arbeitslosen; es sind auch viele mit gesicherten Einkommen dabei, die ‚einfach nur‘ ein Missbehagen verspüren. Dass zum ersten Mal seit Jahren wieder so viele Nichtwähler an die Urnen gegangen sind, hat einen einzigen Grund: Hier wollen Menschen gehört werden. Egal wie. Nicht nur hierzulande greifen die Populisten ein solches Potential gerne ab. In den USA macht es Donald Trump nicht anders. Man erwartet immer, dass soziale Ungleichheit von Links bekämpft wird. Und wenn die Umwälzung aus der konservativen Ecke käme?

Wer Populismus bekämpfen will, muss sich mit der wachsenden sozialen Ungleichheit auseinandersetzen

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Wer den Populisten das Wasser abgraben will, wäre gut beraten, auf die Aufklärungsangebote der Sozialforschung zu hören und sich deren Warnungen zur wachsenden sozialen Ungleichheit zu Herzen zu nehmen.

--- Lesen Sie hier weitere Beiträge zu unserer Debatte Rechtspopulismus als Gefahr für die Demokratie: Brauchen wir eine neue Aufklärung?

--- Wie steht es um die Volksparteien in Deutschland? Hier geht es zur Debatte mit Beiträgen u.a. von Kurt Beck, Wolfgang Merkel vom Wissenschaftszentrum für Sozialforschung und Ursula Münch, Direktorin der Akademie für Politische Bildung.

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