Rechtspopulismus: Brauchen wir eine neue Aufklärung? Aufklärung heißt nicht, nur nach mehr Toleranz zu rufen!

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Professorin für Philosophie und Direktorin Einstein Forum Potsdam

Expertise:

Prof. Dr. Susan Neiman ist Direktorin des Einstein Forums. Geboren in Atlanta, Georgia, studierte sie Philosophie an der Harvard Universität und der Freien Universität Berlin. Bevor sie 2000 die Leitung des Einstein Forums übernahm, war sie Professorin für Philosophie an der Yale Universität und der Tel Aviv Universität.

Eine neue Aufklärung brauchen wir gar nicht; die alte würde völlig ausreichen - wenn wir sie nur wieder schätzen lernen könnten. Aufklärung sollte nicht bedeuten, schlicht eine tolerantere Gesellschaft zu fordern, denn der Begriff Toleranz heißt nur, etwas hinzunehmen, was man eigentlich ablehnt. Für eine aufgeklärte Gesellschaft ohne Rechtspopulismus bedarf es robusterer Werte.

Eine neue Aufklärung brauchen wir gar nicht; die alte würde völlig ausreichen, wenn wir sie wieder schätzen lernen könnten. Dazu müssten wir mit den Klischees aufräumen, mit denen die Aufklärung überfrachtet ist.

Wir müssen mit den Klischees aufräumen, mit denen die Aufklärung überfrachtet ist

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Gerade jene linksliberalen Bürger, die die Aufklärung verteidigen sollen, sehen in ihr den Ursprung des Eurozentrismus, gar des Rassismus und Kolonialismus. Dabei wird vergessen, dass der Begriff des Eurozentrismus der Aufklärung entstammt, deren Autoren Europa aus der Perspektive der Muslime oder der Chinesen zu kritisieren pflegten – oft unter Todesgefahr. Und Kants "Zum ewigen Frieden" nennt den Kolonialismus ‚böse’ und lobt die Japaner und Chinesen dafür, dass sie den Europäern den Eintritt ins Land verweigerten.  

Aufklärung sollte nicht bedeuten, mehr Toleranz zu fordern, denn Toleranz heißt nur, etwas hinzunehmen, was man ablehnt

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Die Aufklärung wieder zu entdecken, heiß aber nicht, nach mehr Toleranz zu rufen. Der Begriff stammt aus der Zeit vor der Aufklärung. Er ist wichtig, vielleicht, um bestimmte Fehlentwicklungen wie Religionskriege in Grenzen zu halten, doch viel zu fade, um irgendetwas zu beflügeln. Wie Goethe schrieb: „Toleranz ist eine Beleidigung.“ Man toleriert, was man nicht begrüßt, viel schlimmer noch das, wogegen man nichts tun kann. Die Musik der Nachbarn, die auf Heavy Metal stehen. Das Geschrei eines Kindes im Flugzeug, wo man so gern geschlafen hätte.

Wer die Aufklärung verteidigen will, muss robustere Werte suchen als "nur" Toleranz

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Ein Rechtsradikaler, der zur Toleranz ermahnt wird, ist dabei an seine Machtlosigkeit erinnert. Die Fremden sind schon da. Das hat er noch zu tolerieren – neben den vielen anderen Tatsachen, die er nicht gesucht und nicht gewählt hat, die dennoch sein Leben bestimmen. Er kann nichts gegen den globalisierten Konsumzwang ausrichten, der mit der wachsenden gesellschaftlichen Ungleichheit so monströs gekoppelt ist – aber ein paar Fremde zusammenschlagen wird er noch können. Wer die Aufklärung verteidigen will, muss robustere Werte suchen.

Weitere Meinungen:

--- Gegensätzliche Interessen gehören zu einer Demokratie dazu. Doch dürfen die etablierten Parteien das rechtskonservative Milieu nicht politischen Hasardeuren und Demagogen überlassen, fordert Ute Frevert, Direktorin des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung.

--- Lesen Sie hier alle Beiträge zu unserer Debatte Rechtspopulismus als Gefahr für die Demokratie: Brauchen wir eine neue Aufklärung?

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