Wie viel Islam steckt im Terror? "Wir können den Terror nicht ohne die Religion erklären"

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Psychologe und Autor

Expertise:

Ahmad Mansour ist ein israelisch-arabischer Psychologe, der seit 2004 in Deutschland lebt. Von ihm erschien zuletzt "Generation Allah - Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen" (S. Fischer 2015). Er ist Programmdirektor der European Foundation for Democracy, einer Non-Profit-Organisation in Brüssel, die sich für den Erhalt der Europäischen Grundwerte einsetzt, und Sprecher des Muslimischen Forums Deutschland.

Der Psychologe Ahmad Mansour erklärt im Interview, warum die Politik bislang kein Konzept für den Kampf gegen die Radikalisierung von Jugendlichen hat - und welche Schuld die Islamverbände trifft.

Herr Mansour, zu dem Zeitpunkt, zu dem wir sprechen, ist noch nicht viel über den Täter von Nizza bekannt. Bislang gibt es keine konkreten Hinweise, dass er Teil eines islamistischen Netzwerkes war – auch wenn der IS ihn als einen seiner „Soldaten“ reklamiert. Rechnen Sie mit einem Einzeltäter?

Zum jetzigen Zeitpunkt ist das noch Spekulation – aber allgemein gesprochen, ja, wir werden immer wieder Einzeltäter sehen. Ob sich jemand entscheidet, das allein zu machen oder Anschluss an eine Gruppe sucht, hängt von der Persönlichkeitsstruktur ab, aber auch von den Möglichkeiten. Wenn – wie in Frankreich – Notstandsgesetze in Kraft sind und die Sicherheitsbehörden besonders aufmerksam und präsent sind, bleibt praktisch nur noch die Möglichkeit, es allein zu tun.

Terroristen sind immer psychisch labil. Ohne starke religiöse Ideologie aber könnten sie ihre Taten nicht begehen.

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Bislang ist nicht einmal geklärt, ob er überhaupt radikalisiert war. Seine Nachbarn beschreiben ihn als nicht religiös. Dafür stand er kurz vor der Scheidung, war wegen Gewaltdelikten verurteilt. Ein Nachbar sagte „Le Monde“, dem seien sicher einfach „die Sicherungen durchgebrannt“. Auch der Attentäter von Orlando, Omar Mateen, wurde von seiner Ex-Frau als psychisch krank und labil beschrieben. Wie viel Psychopathologie steckt im Terror?

Terroristen sind immer labil. Aber wir können auch bei Omar Mateen nicht nur von Labilität reden. Ein labiler Mensch würde Selbstmord begehen. Warum entscheidet man sich, stattdessen 50 Menschen, die in einem Club feiern, zu ermorden? Diese Aggressivität, mit der man wahllos Menschen ermordet, kann man nur mit einer Ideologie erklären. Diese Ideologie müssen wir benennen.

Das Internet kann die Radikalisierung beschleunigen, bedeutsamer aber sind fast immer reale Bezugspersonen.

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Das Phänomen Einzeltäter ist auf grausige Art besonders rätselhaft – sie werden nicht von einer Gruppe „mitgezogen“, sind nicht von einer Organisation gesteuert, sondern machen ihre Anschlagspläne mit sich selbst aus.

Die Ideologie, die Motive sind die gleichen wie bei Tätern, die in Gruppen vorgehen. Das Bild vom Einzeltäter, der sich einsam und allein im Internet radikalisiert, ist nicht zutreffend. Das Internet kann sicherlich ein Beschleunigungsmittel sein. Doch an der Radikalisierung sind eigentlich immer andere, reale Personen beteiligt. Radikalisierungsprozesse sind tiefgreifend und langwierig. Damit es dazu kommt, dass jemand andere Menschen ermordet, muss eine sehr gefestigte Ideologie da sein, die das Gegenüber total entmenschlicht.

Wie läuft die Radikalisierung ab?

Zum einen gibt es die psychologische und die soziologische Ebene. Da sind Menschen, die eine Krise durchmachen, ein wichtiger Mensch ist gestorben, jemand wird in der Schule gemobbt oder ist arbeitslos, er hat eine psychische Störung, leidet unter einer persönlichen Last oder ist einfach unzufrieden. Dann öffnet sich ein Fenster, die Jugendlichen sind auf der Suche, sie wollen sich von dieser Depression, dieser Last befreien. Die entscheidende Frage ist dann, wer ihnen ein Angebot macht. Sind das Sozialarbeiter, Eltern, Psychologen? Oder sind das die Radikalen? Wenn diese Fenster offen sind, erkennen das die Radikalen sehr schnell. Sie interessieren sich vermeintlich für die Biografie, für den Menschen, sie sind da für die Jugendlichen. Wenn dann eine emotionale Bindung und Vertrauen hergestellt ist, beginnt die Radikalisierung.

Sie selbst haben einmal geschrieben: Die Salafisten machen die bessere Sozialarbeit.

In vielen Fällen! Es gibt viele Videos, die belegen, wie Jugendliche vor Justizvollzugsanstalten angesprochen werden – das Gefängnis ist ein Tiefpunkt im Leben eines Menschen. Auch unbegleitete minderjährige Flüchtlinge werden angesprochen, Schulschwänzer, junge Männer, die gerade im Casino ihren letzten Euro verloren haben. Die Religion ist dann ein Neuanfang. Die jungen Männer und Frauen sind plötzlich die besseren Muslime. Gott liebt sie. Gott verzeiht ihnen. Die Gesellschaft verzeiht ihnen nicht.

Wurzel des Terrors ist u.a. ein konservatives Religionsverständnis, von dem sich die Islamverbände nicht genug abgrenzen

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Sie wehren sich stets dagegen, die psycho- soziale Ebene losgelöst von der Religion zu betrachten. Der Fall des Attentäters lädt nach dem, was bekannt ist, aber auch wieder zum Psychologisieren ein – ein einsamer Franko-Tunesier, ein gesellschaftlicher Außenseiter.

Bei der Radikalisierung spielen alle drei Ebenen – die psychologische, die gesellschaftliche und die religiöse – zusammen. Ein Faktor allein erklärt den Terror nicht. Ein Religionsverständnis, das auf Ablehnung, auf Angst, auf der Tabuisierung der Sexualität beruht, trägt zur Radikalisierung bei. Auch Verschwörungstheorien sind eine Plage geworden unter den Jugendlichen. Es gibt Facebook-Gruppen mit Hunderttausenden von Mitgliedern, die die Welt als einen Ort zeichnen, an dem übermächtige Koalitionen ständig den Islam bekämpfen. Die Muslime werden als Opfer dargestellt. Wenn Leute das verinnerlichen, dann sehen sie den IS und Al Qaida als Bestätigung ihres Weltbildes: Die Muslime sind schwach, und der Terror ist ihr letztes Mittel, sich zu wehren. Die Muslime müssen sich unbedingt von dieser Liebe zum Tod und der Verachtung des Lebens befreien. Aber jetzt wird es wieder heißen: Das ist wegen der Ghettos in Frankreich.

Deutschland ist bislang von größeren Anschlägen verschont geblieben. Liegt das nicht tatsächlich auch daran, dass die Integration hierzulande insgesamt besser funktioniert als in Frankreich?

In Frankreich gibt es insgesamt eine größere Gruppe von Islamisten als in Deutschland. Aber dass es hier bislang keine vergleichbar großen Anschläge gegeben hat, ist ein absoluter Glücksfall. Die Strukturen sind da. Die Unterstützer sind da. Die Frage ist nicht, ob hier Anschläge passieren, sondern wann und wie. Und auch hierzulande verläuft die Radikalisierung nicht völlig losgelöst von Entwicklungen in der muslimischen Community. Sie fängt auch nicht erst bei der Begegnung mit den Islamisten an. Sie fängt mit Eltern an, die die europäische Lebensweise und die Freiheit als unmoralisch verteufeln. „Europäischer Islam“ – das ist in konservativen muslimischen Kreisen in Deutschland ein Schimpfwort. Wir können nicht sagen: Das hat nichts mit unserer Religion zu tun, wenn manche muslimische Verbände und Organisationen täglich diese Feinbilder pflegen. 

Nach jedem Anschlag verurteilen muslimische Verbände die Gewalt – auch jetzt, nach den Anschlägen von Nizza.

Ja, aber sie sagen auch: Das hat nichts mit der Religion zu tun. So hat sich etwa der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mayzek, nach den Terroranschlägen von Brüssel geäußert. Das ist unverschämt – die Opfer und die Ursachen der Gewalt interessieren sie nicht! Sie wollen ihre Religion beschützen. Aber eine Religion, die beschützt werden muss, ist eine schwache Religion.

Muss man nicht anerkennen, dass die Situation der Islamverbände nach einem Terroranschlag sehr schwierig ist? Es droht die Instrumentalisierung durch Rechtsaußen.

Ich glaube, dass die AfD und die Radikalen an Stärke und Macht erst gewonnen haben, weil wir diese Themen tabuisiert haben, weil wir es nicht geschafft haben, eine echte, mutige Debatte in der Mitte der Gesellschaft differenziert zu führen. Es muss möglich sein, kritisch zu begründen, warum man der Meinung ist, Richterinnen sollten kein Kopftuch tragen oder darüber zu diskutieren, ob der Terror mit einem bestimmten Islamverständnis zu tun hat oder ob ein Vater einer Lehrerin die Hand schütteln sollte oder nicht. Wenn diese Themen nicht besetzt werden, darf man sich nicht wundern, wenn sie undifferenziert am Rande der Gesellschaft diskutiert werden.

Marine Le Pen hat am Freitag nach den Anschlägen gefordert, dem radikalen Islam den „Krieg“ zu erklären – Was bewirkt es bei jenen, die radikalen Strömungen bereits nahestehen, wenn Politiker die Kriegsrhetorik der Islamisten aufgreifen?

Das ist genau das, was der Terror erreichen will. Natürlich müssen wir den Terrorismus bekämpfen. Aber wir bekämpfen ihn nicht mit Drohnen über den IS-Gebieten in Syrien und dem Irak. Ich glaube und hoffe, dass es in diesem Jahr mit dem IS zu Ende geht. Aber das bedeutet nicht, dass wir den Kampf gewonnen haben. Den Kampf gegen den Islamismus gewinnen wir in den Schulen in Nizza, in Berlin, in Hamburg, in München. Das ist ein pädagogischer, ein politischer „Krieg“.

Deutschland hat kein flächendeckendes Konzept für die Bekämpfung des Islamismus.

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Was heißt das konkret für die Schulen?

Das kritische Denken fördern, über aktuelle politische Themen reden, Wertevermittlung, die Lehrer besser auf die Situation vorbereiten. Wir brauchen Aufklärung über den Koran. Die Radikalen sagen den Jugendlichen: Ihr müsst die Texte wörtlich verstehen, das ist Gottes Wort. Wir müssen ihnen deutlich machen, dass sie die Texte lokal und historisch einordnen müssen. Auch da sind die Verbände gefordert – denn auch sie propagieren teilweise eine wörtliche Auslegung des Korans. Und die Politik muss auch Farbe bekennen. Die Politik ist aus Angst vor den Rechtsradikalen sehr unkritisch geworden. Nach jedem Anschlag werden ein paar Millionen für Präventionsarbeit freigegeben. Aber einen Plan, ein flächendeckendes Konzept für die Bekämpfung von Islamismus gibt es nicht.

Das Interview führte Anna Sauerbrey.

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Dieser Text ist Teil einer Debatte auf Tagesspiegel Causa, dem Online-Debattenmagazin des Tagesspiegels. Antworten finde Sie in Kürze hier.

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