Künstliche Schönheitsideale Wir müssen aufhören, immer allen gefallen zu wollen!

Bild von Catja Günther
Marketing Managerin im E-Commerce

Expertise:

Catja Günther hat Medienmangement mit Schwerpunkt Filmkommunikation und -PR studiert. Seit 2007 befasst sie sich intensiv mit Ernährung, Fitness und der Auswirkung von Werbung und Film auf das eigene Selbstbild. Auf den Social Media Kanälen Instagram und Youtube dokumentierte sie ihre Abnahme von 25 Kilogramm und setzt sich aktuell für mehr Körper- und Selbstbewusstsein im Sinne der „Body Positive“-Bewegung ein.

Unser Schlankheitswahn ist verantwortungslos. Uns selbst gegenüber und auch gegenüber den Generationen nach uns. Wir müssen aufhören, den künstlich erzeugten Schönheitsidealen nachzueifern, die uns Tag für Tag gezeigt werden. Nur so können wir ein gesundes Körperbewusstsein entwickeln.

Mein Körper war lange Zeit mein Feind. Ich war sauer auf ihn und habe ihn gehasst. Ich bin nicht mit zum Schwimmen gegangen; habe ständig Jäckchen getragen, um so viel wie möglich zu kaschieren; habe mehrere Sommer nur lange Hosen angehabt; wollte nicht ins Fitnessstudio aus Scham. Diese Liste der Traurigkeit könnte noch um einiges ergänzt werden. 

In unserer Gesellschaft wird das Bild eines schlanken Frauenkörpers verherrlicht.

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Ich wurde nie geärgert oder war in einer unangenehmen Situation aufgrund meines Gewichts. Meine Eltern haben mich in allen sportlichen Aktivitäten unterstützt und mir vorgelebt, dass der Körper keine große Rolle für das persönliche Glück darstellt. Somit kann ich den ganzen Stress nur auf mich selber schieben und auf das quere Bild, das in unserer Gesellschaft als Ideal präsentiert und verherrlicht wird: Schlanke Personen sind definitiv fleißiger, gesünder, gepflegter, ehrgeiziger, disziplinierter und generell bessere und erfolgreichere Menschen.

Wie jede Freundin in meinem Umfeld war ich irgendwie immer dabei abzunehmen, denn schließlich ist der perfekte Körper der Schlüssel für all meine Lebensträume. Wie glücklich kann ich mich schätzen, dass mir meine Abnahme so unfassbar schwer fiel. Denn ich lebe in einem Land in dem wir Nahrung jeglicher Art zu jeder Tages- und Nachtzeit zur Verfügung haben und das im Überfluss. Natürlich schrie alles in mir ständig nach Pizza, hatte ich mir doch jegliches Fast Food verboten und wie eine Belohnung angewendet. Konditionierung pur – Pawlow wäre stolz auf mich gewesen.

Wer sein Lieblingsessen zur Belohnung macht, verstärkt den Drang danach nur.

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Durch wie viele Stunden Sport, der mir keinen Spaß gemacht hat, habe ich mich gequält, nur weil er viele Kalorien verbrennt? Wie oft habe ich etwas gegessen, worauf ich keine Lust hatte oder wovon ich sogar der Meinung war, dass es nicht besonders gesund ist? Nur um maximal viel Essen mit minimaler Anzahl an Kalorien oder Punkten in meinen Tag zu bekommen. Jeden einzelnen Morgen bin ich spätestens beim Zähne putzen meinen Tagesplan durchgegangen und habe mir überlegt, was ich wann essen könnte bzw. sollte. Und irgendwann habe ich es tatsächlich geschafft. 25 Kilogramm waren schließlich nach vielen mühsamen Jahren weg. Die Zweifel an mir blieben jedoch.

Wir leben in einem Science-Fiction-Film und merken es gar nicht mehr. Im Fernsehen laufen Werbungen mit Frauen aus dem Computer, die uns zeigen warum wir nicht perfekt sind und dass wir alle unsere vermeintlichen Fehler sofort mit Geld verschwinden lassen können: makellose Haut durch Mizellen-Technologie, fülliges Haar durch Fibralogy und Collagen, verführerischer Augenaufschlag durch Wimpern-Booster und optimale Körperproportionen durch Aminosäuren und Sojashakes.

Wir leben in einem Science-Fiction-Film mit künstlich erzeugten Schönheitsidealen.

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Die Medien werden sich nicht ändern, solange ich mein Geld weiterhin den Leuten gebe, die von meiner Unzufriedenheit profitieren. Und das ist eigentlich der schwere Part an meinem Lebenswandel. Ich möchte aktiv einen Teil dazu beitragen, diesen Wahnsinn zu beenden und mit der Entscheidung, was ich einkaufe den richtigen Firmen meine Stimme geben. Und das erfordert viel Recherche, Zeit und Disziplin – mal kurz auf dem Weg eine neue Handcreme kaufen ist plötzlich eine Herausforderung.

Aber wir haben Verantwortung! Die nächste Generation Mädchen ist dabei, sich auf den falschen Weg des Körperbewusstseins zu begeben. Und noch jemand: Der Mann! Folgender Gedanke mag verlockend klingen: „Sollen die doch auch mal merken, wie das für uns schon Jahrzehnte lang ist“. Aber wir müssen über diesen Dingen stehen. Ab jetzt geht es nicht mehr um den ständigen Vergleich mit anderen. Ab jetzt geht es nur noch um uns selbst und darum, anderen die Augen zu öffnen für das was wirklich wichtig ist. Denn die Zeiten, in denen wir Schicksalsschläge brauchen, um das zu erkennen, müssen endlich vorbei sein!

Um wirklich glücklich zu sein, müssen wir damit aufhören, allen gefallen zu wollen. Der erste Schritt ist anzufangen, sich selbst zu vertrauen, wieder ohne schlechtes Gewissen zu essen und das Leben zu genießen.

Wir müssen aufhören, immer allen gefallen zu wollen.

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Die Entscheidung, eine Freundin in einen Kinofilm zu begleiten war der Tropfen der mein bis zum Anschlag gefülltes emotionales Fass zum Überlaufen brachte. Wie war das nochmal mit dem Flügelschlag eines Schmetterlings der einen Tornado auslösen kann? Skeptisch saß ich im Kino umzingelt von Frauen und erwartete eine Emanzensaga die mir eine Wir-Frauen-Sind-Nicht-Nur-Geburtsmaschinen-Litanei eintrichtern will. Kein Wunder, denn meine Freundin hatte mir Embrace mit „Sonderdokumentation bezüglich der weiblichen Zufriedenheit“ angekündigt.

Der Film startete und schon die ersten Minuten ließen mich das Geraschel aus den Popcorntüten um mich herum vergessen. Ich hörte zu und schaute zu. So wie ich es schon lange nicht mehr getan hatte. Nichts, was mir gezeigt oder gesagt wurde, war neu. Ich wusste das alles. Ich wusste es schon lange und trotzdem ging es erst im Kino ganz tief hinein und ich fühlte mich verstanden, erleichtert und war fassungslos. Fassungslos darüber, dass ich das so spät erst wirklich begreife.

Ich wollte mitschreiben; will, dass jeder diese Dokumentation sieht. Ich will niemanden mehr über dieses Thema reden hören und gleichzeitig will ich, dass es jeder tut.

Ich wollte, dass der Film nie endet und gleichzeitig konnte ich den Schluss nicht abwarten, um mein neues und echtes Ich zu starten.

Mein Leben steht Kopf und ich fühle mich befreit. Und ich wünsche mir in diesem Moment für mich selber ganz fest: Bitte lass dieses Gefühl nie wieder los!

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