Religion und Gesellschaft Keine Religion muss sich verstecken

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SPD-Politikerin SPD

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Kerstin Griese MdB ist Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Arbeit und Soziales, Beauftragte der SPD-Bundestagsfraktion für Kirchen und Religionsgemeinschaften, sowie Mitglied der Synode und Mitglied im Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Der offene interreligiöse Dialog ist ein entscheidender Faktor für eine erfolgreiche Integrationspolitik. Das Staatskirchenrecht gewährt dabei allen Religionsgemeinschaften die Möglichkeit, ihren Glauben unbeschadet in die Öffentlichkeit zu tragen. 

Unser Religionsverfassungsrecht ist aufnahmefähig für die Vielfalt der Religionen, denn es gilt für alle Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften gleichermaßen, nicht nur für die christlichen Kirchen. Es gewährleistet die Freiheit und Gleichheit aller Bürgerinnen und Bürger. Alle religiösen Gemeinschaften können in und mit unserem Staat leben, solange sie unsere Regeln einhalten. Die individuelle Religionsfreiheit hat einen hohen Stellenwert. Das Grundgesetz garantiert in Artikel 4 die Freiheit des Glaubens ganz genauso wie die Freiheit, ohne Religion und Glauben zu leben.

Deutschland ist ein säkularer Staat, es gilt die Trennung von Staat und Kirche. Aber wir sind kein laizistischer Staat, wie es ihn bei unseren französischen Nachbarn gibt. Frankreich ist zwar kein explizit antireligiöser Staat, aber er tut alles, um Religiosität aus der Öffentlichkeit und dem gesellschaftlichen Leben zu verbannen. Deutschland hat in dieser Hinsicht eine andere Tradition, was ich gerade im Blick auf die Integration des Islams für einen ganz großen Vorteil halte. Bei uns haben Kirchen und Religionsgemeinschaften weitreichende Möglichkeiten, sich im öffentlichen Raum zu entfalten. Der säkulare und neutrale Staat bewertet Religionen nicht.

Allen Religionsgemeinschaften steht es offen, Kooperationen mit dem Staat einzugehen.

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Nicht nur die katholische und die evangelische Kirche besitzen den Status der Körperschaft des öffentlichen Rechts, sondern auch der Zentralrat der Juden in Deutschland und viele kleinere Religionsgemeinschaften. Auch muslimischen Verbänden steht es offen, diesen Weg zu gehen. Seit 2013 hat die Ahmadiyya Muslim Jamaat in Hessen als erste islamische Religionsgemeinschaft den Status einer Körperschaft. Es ist ein Vorurteil, dass nur christliche Kirchen eine nachvollziehbare Organisationsstruktur mit festen Mitgliedschaften bilden können. Niemand verlangt vom Islam, sich in Bistümern oder gar in den komplexen landeskirchlichen Strukturen des deutschen Protestantismus zu organisieren. Aber grundlegende Anforderungen, wie Transparenz und Nachvollziehbarkeit der Mitglieder, können von islamischen Verbänden genauso verlangt werden, wie von jeder anderen Religionsgemeinschaft.

Unser Religionsverfassungsrecht, das sich gegenüber dem Bekenntnis völlig neutral verhält, sorgt dabei für einen verlässlichen Rechtsrahmen, so dass sich jede Gruppe auf Gleichbehandlung verlassen kann. Es liegt im Eigeninteresse des Staates, die Zusammenarbeit mit den Religionen auf rechtlich überprüfbare Strukturen zu bauen, gerade um das Aufkommen nicht gesetzeskonformer Gruppierungen zu verhindern.

Ich will den Weg der Anerkennung islamischer Gemeinschaften trotzdem nicht beschönigen. Der Islam kennt nun mal nicht die Traditionen und Organisation einer Kirche. Außerdem wurde er bei uns ganz bewusst jahrzehntelang in die Hinterhöfe verbannt. Deutschland war viel zu lange der Überzeugung, dass die Menschen islamischen Glaubens bei uns nur übergangsweise zu Gast seien. Das war ein Fehler. Wenn wir keine Parallelgesellschaften wollen, müssen wir Integration gestalten, dazu gehört auch die religiöse Vielfalt.

Islamunterricht an deutschen Schulen anzubieten, ist wichtig und ohne weiteres möglich.  

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Wenn es um den Auf- und Ausbau des islamischen Religionsunterrichts und die Theologieausbildung geht, stehen Alternativen jenseits des Status der Körperschaft des öffentlichen Rechts zur Verfügung, die wir nutzen sollten. In NRW wurde beispielsweise ein Beirat für den Religionsunterricht und die Religionslehrerausbildung eingerichtet, in dem die islamischen Verbände, aber auch ungebundene islamische Theologen vertreten sind.

Das ist deshalb so wichtig, weil es ja absurd ist, dass wir die islamischen Kinder in die Freistunde schicken, während ihre Mitschülerinnen und Mitschüler am Religionsunterricht teilnehmen können. Ein flächendeckender Islamunterricht für alle Bundesländer, in denen es verpflichtenden Religionsunterricht gibt, ist lange überfällig. Wir brauchen mehr religiöse Bildung, weil wir nur so eigene Traditionen und Werte im Dialog vertreten und andere Positionen begreifen können.

Die Erfahrung der Kirchen im interreligiösen Dialog können der Gesellschaft helfen, Flüchtlinge zu integrieren. 

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Während der großen Flüchtlingszuwanderung in den letzten Monaten hat es einen ungeahnten Aufschwung des ehrenamtlichen Engagements gegeben. Sehr oft waren Mitglieder der Kirchengemeinden die Basis für die freiwillige Flüchtlingshilfe. Sie waren es, die ihre Türen und Herzen geöffnet haben und mit ihrem Engagement und ihrer Begeisterung viele Menschen in der Mitte unserer Gesellschaft mitgezogen haben. Diesen Einsatz kann der Staat nicht ersetzen. Viele persönlichen Begegnungen haben unser Land verändert.

Nach der ersten Hilfe für die neu Angekommenen stehen wir jetzt vor der ungleich größeren Herausforderung der Integration. Dazu gehört auch, die religiöse Vielfalt in unserem Land anzuerkennen und zu gestalten. Hier kommt den christlichen Kirchen eine sehr wichtige Aufgabe zu. Schon heute stehen sie im regelmäßigen Austausch mit muslimischen Vereinen, mit jüdischen Gemeinden und auch christlich-aramäischen oder orthodoxen Gemeinden, die ihre Wurzeln im Nahen Osten haben. Sie haben Erfahrung im interreligiösen Dialog.

Wenn Integration gelingen soll, müssen wir uns kennen und verstehen, unsere Werte und Prägungen, auch unseren Glauben oder Nicht-Glauben. Das Grundgesetz als Rechtsrahmen ist unser Leitbild und bietet die Chance, die religiöse Vielfalt in unserem Land positiv zu gestalten.

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