Müssen wir mit Terrorismus leben lernen? Terrorismus als eine Art Naturkatastrophe

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Soziologe und Gründer des NTF - Netzwerk Terrorismusforschung

Expertise:

Stephan G. Humer ist Gründer des Netzwerk Terrorismusforschung e. V. und Leiter des Forschungs- und Arbeitsbereichs Internetsoziologie an der Hochschule Fresenius in Berlin.

Der Einzelne wird, wenn überhaupt, eher zufällig Opfer von Terroristen. Dagegen kann man sich kaum wehren. Gefragt ist ein Risikomanagement, ds selbstkritisch, rational und besonnen vorgeht. Beobachten lässt sich aber eher das Gegenteil.

Die Antwort auf die Frage, ob wir uns an den Terror gewöhnen müssen, kann nur lauten: selbstverständlich. Terrorismus zielt auf die Macht des Schreckens. Wer jetzt vor die Tür geht und meint, er müsse sich ängstigen, der erfüllt nur die Wünsche der Terroristen, ändert jedoch gar nichts am tatsächlichen Phänomen. Es ist nun einmal – glücklicherweise - so, dass Terrorismus in Deutschland keine besondere Bedrohung darstellt. Es ist sehr viel realistischer, vom Blitz oder von einem Dachziegel getroffen zu werden als bei einem Terroranschlag zu sterben. Manche mögen jetzt einwenden, dass damit Terrorismus auf eine Stufe mit Naturkatastrophen oder purem Pech gestellt wird und das nicht richtig sei, wahrscheinlich wegen der daraus resultierenden Feststellung, dass man dann gegen Terrorismus letztlich machtlos sei, denn Pech und Naturkatastrophen sind bekanntlich nicht steuerbar.

Durchschnittsbürger erreicht der Terror meist  zufällig - und den Zufall kann man nicht ausschließen.

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Die einzig valide Entgegnung auf dieses Argument kann aber nur lauten: Genau so müssen wir als Betroffene Terrorismus sehen. Hundertprozentige Sicherheit ist unmöglich. Wir als Durchschnittsbürgerinnen und Durchschnittsbürger sind eben nicht – wie beispielsweise viele Staatschefs, Minister oder Polizeiführer – gezielt im Visier mordender Banden, uns erreicht der Terror meist rein zufällig. Und den Zufall kann man nicht ausschließen, auch wenn man es sich noch so sehr wünscht. Gefragt ist also ein Risikomanagement, welches selbstkritisch, rational und besonnen vorgeht. Rationalität nimmt dem Phänomen den Schrecken, uns die Angst und den Terroristen ihr mächtigstes Werkzeug.

Statt Auseinandersetzung auf Faktenbasis wird Furor geschürt.

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Klingt einfach – ist es aber nicht. Denn Rationalität ist gerade in der heutigen Zeit eine besondere Herausforderung, Auseinandersetzungen auf einer stabilen Faktenbasis haben einen schweren Stand. Für das Schüren des gesellschaftlichen Furors reicht es heute schon, eine inhaltlich vielleicht eher harmlose, aber unbequeme Position einzunehmen. Dazu drei Beispiele: Das erste Beispiel, „Killerspiele“, war einer der ersten Einfälle einiger Politiker nach den Ereignissen in München. Eigentlich lässt sich dieses Thema aus wissenschaftlicher Sicht leicht abhaken, denn „Killerspiele“ machen keine Killer. Warum poppt dieses Thema dann aber immer wieder auf? Ganz einfach: Weil es bei vielen Menschen immer noch funktioniert. Doch Deutschland hat mindestens 20 Jahre Digitalisierung gnadenlos verschlafen, und es wäre deutlich hilfreicher, das Thema mit Rationalität, Besonnenheit und Selbstkritik zu behandeln. „Killerspiele“ pauschal als verbotswürdig zu betiteln, ist das genaue Gegenteil dessen, was wir aus internetsoziologischer Sicht brauchen.

Je lückenloser die Überwachung im Internet, desto unfreier sind wir alle.

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Noch schwieriger ist die Gemengelage beim zweiten Beispiel: dem Darknet. Über eine Anonymisierungssoftware und mithilfe handverlesener Web-Adressen eine geheime Shoppingtour in illegalen Drogen- und Waffenläden zu machen, das dürfte für die meisten Internetnutzerinnen und -nutzer weit außerhalb ihrer digitalen Lebenswelt liegen. Da spricht auf den ersten Blick doch wenig dagegen, hier mal so richtig aufzuräumen und die ganzen sinistren Seiten aufzuklären. Doch je mehr Licht ins Darknet gebracht wird, desto mehr werden auch anonyme Aktivitäten beleuchtet, die keinesfalls kriminell sind, beispielsweise die Arbeit von Dissidenten, die gegen totalitäre und diktatorische Regime kämpfen und ohne digitale Verschleierung schon längst verhaftet oder gar getötet worden wären. Ein vorschneller Schrei nach „mehr Überwachung im Internet“, beispielsweise in Form einer Ausweitung der Vorratsdatenspeicherung oder mehr „Cybercops“, ist also genau nicht das, was man am dringendsten braucht. Denn auch beim Thema Darknet im Besonderen und bei der digitalen Vernetzung im Allgemeinen gilt: besonnen, mit Augenmaß, passgenau und keinesfalls pauschalierend. Was wäre schließlich die Alternative? Je lückenloser die digitale Überwachung ist, desto unfreier sind wir alle.

Das deutsche Waffengesetz ist streng und effektiv. Es bedarf keiner Änderung.

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Doch das ist freilich eine sehr abstrakte Formel, was dieses Beispiel bereits deutlich schwieriger macht, allerdings bei weitem nicht so schwierig wie das dritte und letzte Beispiel, bei dem die Frage der (abstrakten) Freiheit mit nicht nur geringer Wahrscheinlichkeit auf die Spitze getrieben wird: Legalwaffenbesitz. Es gibt kaum ein Thema, welches in Deutschland so kontrovers diskutiert wird wie der private Besitz von Schusswaffen. Aus empirischer Sicht eigentlich – erneut – erstaunlich, denn das deutsche Waffenrecht zählt nicht nur zu den schärfsten Rechtsnormen der Welt, sondern auch zu den effektivsten. Warum also die immer gleichen Rufe nach weiteren Verschärfungen, sobald auch nur ansatzweise eine (übrigens meist illegale) Schusswaffe in den Blickpunkt der Öffentlichkeit kommt? Ganz einfach: es sind erneut dieselben Mechanismen, die hier greifen. Politikerinnen und Politiker wissen, daß es (immer noch) eine ausreichend große gesellschaftliche Gruppe gibt, bei denen diese Mechanismen funktionieren, sprich: die hier eine (objektiv unnötige) Verschärfung pauschal gutheißt.

Viele Reaktionen auf Terror erschöpfen sich in Posen, die dann verteidigt werden.

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Doch wenn die Fakten so eindeutig sind, ist ein solch oberflächliches und fehlgehendes Verhalten gefährlich, denn statt zu mehr zielführendem Realismus führt es nur zu einem inhaltsleeren Habitus. Der Soziologe Armin Nassehi beschrieb den Grund dafür sehr gut am Beispiel der Kapitalismuskritik: „Viele Kritiker, die wissen genau, was man kritisieren muss. Kapitalismuskritik ist eine Marke, die funktioniert unglaublich toll, man weiß, wer die Guten, man weiß, wer die Bösen sind, man weiß, wo man ansetzen muss. Und es ist oftmals mehr Posing als tatsächlich Theorie dahinter, das muss man leider so sagen.“ Ein realistischer Umgang mit der Welt stört also nur in der Posengestaltung. Andere Ansichten werden nicht hinterfragt, diskutiert und schließlich – bei Anerkenntnis besserer Argumente – offen und fair akzeptiert, sondern die Pose wird lang und ausdauernd verteidigt. Das Individuum erhält so zwar schnell und einfach ein lebensweltlich anwendbares Label und schützt sich so vor den unbequemen, irritierenden, überfordernden Dingen des Lebens – doch der Preis dafür ist hoch. Denn wenn Posenverteidigung gegenüber einer pragmatischen, aber auch anstrengenden Diskussion bevorzugt wird, lernt man letztlich nur noch durch Schmerz und nicht durch intrinsische Einsicht.

Hysterische Berichterstattung statt rationaler Diskurs - das muss sich ändern.

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Es kann deshalb nur dringend empfohlen werden, das Posen so schnell wie möglich aufzugeben. Die deutsche Gesellschaft leidet mit Sicherheit nicht unter einer Überrationalisierung ihrer Diskurse. Die oftmals sehr hysterische mediale Berichterstattung, das wilde Kommentieren und Diskutieren bei Facebook und das schrille Getwitter über die Terroranschläge in Deutschland zeigen eher: Mit weniger kann hier sicher mehr erreicht werden. Aber nicht durch stumpfes Ausblenden der Realität, sondern durch proaktive Klugheit. Die deutsche Gesellschaft kann das, nur sie muss es auch wollen. Dann wären wir im positiven Sinne auf den Terror eingestellt – und deutlich weniger ängstlich als je zuvor.

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