Terrorismus und Integration  Der Terror ist nicht muslimisch 

Bild von Andreas  Bock
Politikwissenschaftler

Expertise:

Prof. Dr. Andreas M. Bock ist Professor für Politikwissenschaft an der Akkon-Hochschule für Humanwissenschaften Berlin und Lehrbeauftragter für Friedens- und Konfliktforschung an der Universität Augsburg.

Mit schnelleren Abschiebungen und Panikmache kann man den Terror nicht stoppen. Die Ausgrenzung von Muslimen spielt den Terroristen nur in die Karten. 

Willkommenskultur war gestern. Was es nach dem mutmaßlich islamistischen 
Selbstmordanschlag von Ansbach braucht, ist eine neue Abschiedskultur: 
abgelehnte Asylbewerber müssen konsequenter abgeschoben werden; selbst 
Eigentumsdelikte und Bewährungsstrafen sollen ein schwerwiegendes 
Ausweisungsinteresse begründen. Zumindest wenn es nach dem 
CDU-Innenexperten Armin Schuster und dem innenpolitischen Sprecher der 
SPD-Bundestagfraktion, Burkhard Lischka, geht. Hierbei handelt es sich 
um einen (weiteren) populistischen Fehlschluss, der - mal abgesehen 
davon, dass er sich als Populismus ohnehin selbst disqualifizieren 
sollte - ebenso unhaltbar ist, wie er sinnlos wäre.

Die Forderung von Schuster und Lischka behauptet einen kausalen 
Zusammenhang zwischen der angedrohten Abschiebung von Mohammad Daleel 
und dem Anschlag von Ansbach: weil Daleel die Abschiebung drohte (aber 
nicht schnell genug vollzogen wurde), konnte es erst zum 
Selbstmordanschlag kommen. Folglich erhöht schnelleres Abschieben die 
Sicherheit!

Schnellere Abschiebungen verhindern den Terror nicht 

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Erstens ist dieser kausale Zusammenhang völlig unhaltbar, extrapoliert 
er doch von einem einzigen Einzelfall auf alle Personen, denen einen 
Abschiebung angedroht wird, und ignoriert gleichzeitig die Erfahrung von 
Jahrzehnten, in denen Abschiebungen bereits, zum Teil auch unter 
Verwendung polizeilichen Zwangs, vollstreckt wurden - ohne dass es je zu 
einem vergleichbaren Gewaltereignis seitens der betroffenen Personen 
gekommen wäre. Dieser Logik von Schuster und Lischka folgend müsste man 
auch die bundesdeutsche Bevölkerung unter Extremismusverdacht stellen; 
nur würde man hier nicht von nur einem Ereignis auf alle potenziellen 
Täter schließen, sondern - laut Kriminalstatistik 2015 - von 1485 
rechten Gewalttaten auf alle potenziell rechten deutschen Täter. 
Spätestens hier sollte jedem klar werden, warum die Verallgemeinerung 
von Schuster und Lischka  Unsinn ist.

Zweitens wäre die Forderung nach schnelleren Abschiebungen auch sinnlos 
- wenn der behauptete Zusammenhang zwischen drohender Abschiebung und 
Anschlagsrisiko korrekt wäre: Denn dann würden kompromisslosere und auch 
bei geringeren Vergehen drohende Abschiebungen - der falschen aber 
populistischen Logik von Schuster und Lischka folgend - doch zu mehr und 
nicht zu weniger Anschlägen in Deutschland führen müssen. Folglich 
würden mehr Abschiebungen nicht die Sicherheit erhöhen, sondern nur das 
Anschlagsrisiko.

Terrorismus ist nicht muslimisch

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Eigentlich müsste man die Forderung von Schuster und Lischka ignorieren, 
wäre sie nicht ein weiteres Beispiel für die perzeptive Verkürzung 
sozialer Wirklichkeit, mit der von großen Teilen der Politik Flüchtende, 
Muslime und Terrorismus diskursiv in einen Topf geworfen werden. Der 
republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump schwadroniert von 
einem Einreisestopp für Muslime (eine Forderung, der übrigens auch 24 
Prozent der Deutschen zustimmen würden), Ungarns Ministerpräsident 
Viktor Orban macht alle Migranten zu Terroristen und der 
CSU-Eurpaabgeordnete Albert Dess twitterte: "[A]lle Terroristen sind 
Moslems". Dass diese Verkürzungen falsch sind, zeigt in Deutschland 
beispielsweise der „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) oder die 
sächsische Bürgerwehr FTL360. Aber auch der islamistische Terrorismus, 
der nur eine Unterform terroristischer Gewalt darstellt, ist kein 
Orbanscher „Migrationsterrorismus“. Die islamistischen Anschläge von 
Madrid 2004, London 2005 wie auch Paris 2015 und Brüssel 2016 wurden 
fast ausschließlich von Bürgern der Staaten verübt, gegen die sich die 
Anschläge richteten.

Tatsächlich sehe ich in dieser perzeptiven Verkürzung, die Flüchtende und 
Muslime pauschal stigmatisiert, und die in Teilen der 
Politik aber auch im gesellschaftlichen Diskurs zu beobachten ist, die 
aktuell größte Gefahr: uns droht eine tiefe Spaltung der Gesellschaft, 
welche die Gewaltbereitschaft an den extremen Rändern tendenziell weiter 
erhöhen wird.

Zudem spielt der Fokus auf die scheinbar omnipräsente islamistische 
Bedrohung - der dafür die Gefahren des Rechtsterrorismus beinahe völlig 
ignoriert - den islamistischen Gruppierungen nur in die Hände. Das 
jüngste Beispiel dürfte wohl die islamistische Al-Shabaab sein, die in 
einem fast einstündigen Propaganda-Video die anti-islamische Rhetorik 
Trumps nutzt, um neue Rekruten für den bewaffneten Kampf zu werben.

Die Terroristen sagen nichts über den Islam aus

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Was also tun? Statt auf auf Ausgrenzung und Stigmatisierung sollten wir auf 
Integration setzen. Wir müssen uns endlich klar machen, dass die 
anti-islamische Rhetorik das Beste ist, was islamistischen Gruppierungen 
wie dem "Islamischen Staat" passieren kann. Es ist buchstäblich 
Gratis-Werbung!

Als politisch mündige Bürger sind wir alle aufgefordert uns zu fragen, 
inwieweit unsere subjektive Bedrohungswahrnehmung, unser 
Bedrohungsempfinden mit der empirisch überprüfbaren Realität 
zusammenpassen. In Deutschland leben mehr als vier Millionen Muslime und 
aktuell noch rund eine Million Flüchtende. Und so wenig wie die 
Brandanschläge auf Asylunterkünfte oder die Übergriffe auf Flüchtende 
etwas über „die Deutschen“ aussagen, sagen die Anschläge von Paris, 
Brüssel, Orlando oder Ansbach etwas über „die Muslime“ oder "die 
Flüchtenden" aus.

Integration ist der beste Schutz gegen Terrorismus

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Wenn wir es schaffen, diese perzeptive Verkürzung zu reflektieren, 
reduzieren wir unsere Bedrohungswahrnehmung und gewinnen 
Handlungsfreiheit zurück. Umgekehrt sind wir, wenn wir uns von den 
Schreckensbildern aus Orlando oder Ansbach unsere Reaktion diktieren 
lassen, nicht frei, sondern getrieben.

Der vielgescholtene frühere Bundespräsident Christian Wulff hat mit 
seiner Feststellung, dass der Islam zu Deutschland gehört, nicht nur 
Recht – er hat damit die Forderung, dass man die Herzen der Menschen 
gewinnen müsse, auf eine begrifflich-inhaltliche Formel gebracht: 
Muslime sind integraler Bestandteil unserer Gesellschaft. Und Flüchtende 
wollen es sein! Als solche sind sie Verbündete im Kampf gegen den 
Terrorismus. Wenn Staat und Gesellschaft aber bei der Integration 
versagen, wenn wir es zulassen, dass eine Differenz konstruiert wird 
zwischen „uns“ und „den Anderen“, dann wächst bei diesen „Anderen“ auch 
tendenziell die Bereitschaft, sich von dem Staat und der Gesellschaft 
abzuwenden, zu denen sie ja nicht gehören sollen. Kurz: Integration ist 
der beste Schutz gegen Terrorismus.

Sie können an dieser Stelle derzeit keinen Kommentar schreiben.