Machen Kinder unglücklich? Mein Mütter-Gewissen ist ein dauernd schlechtes

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berufstätige Mutter

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Anja Schmidt ist berufstätige Mutter von zwei Kindern im Teenageralter. Anja Schmidt ist ein Pseudonym.

Ich liebe meine Kinder, aber ich liebte auch mein selbstbestimmtes Leben, und deshalb habe ich in meinem nächsten Leben lieber zwei Hunde.

Ich bin es leid, mit einem schlechten Gewissen aufzuwachen; leid, mich meinem Gegenüber zu verstellen, Liebe darzustellen, leid, mich den Zwängen der Gesellschaft verpflichtet zu fühlen - und damit mir untreu zu werden.

Ich habe Kinder, ich habe sie auch gewollt, und ich liebe sie natürlich, aber ich habe es mir ganz anders vorgestellt. Mein Leben war sehr schön vor den Kindern - deshalb dachte ich, ich würde dem Ganzen mit den Kindern noch die Krone aufsetzen. Das war nicht der Fall.

Ich habe nicht "alles vergessen", wenn mich mein Kind das dritte Mal nachts aus dem Bett holte und dann anlächelte. Ich habe kein Gefühl der völligen Glückseligkeit erreicht, als die Familie mit dem zweiten Kind "perfekt" war. Ich habe mein Leben für die Kleinen aufgegeben, und am Anfang habe ich es gerne getan. Mit der Zeit jedoch stellte ich fest, dass ich eine andere Vorstellung vom Leben mit Kindern gehabt habe und noch immer habe. Mir fehlt Geduld. Mir fehlt Dankbarkeit und Anerkennung meiner "Arbeit". Mir fehlen andere Mütter, die ähnlich denken, die ehrlich sind, und mutig genug, um sich mit ihnen auszutauschen. Andere Rabenmütter. Ich habe aber eher den Eindruck, dass ich die einzige Mutter mit solchen Gefühlen bin - jedenfalls die einzige, die es auch laut ausspricht: Meine Kinder strengen mich maßlos an, denn ich muss mich total zurücknehmen.

Der Druck, den Kindern etwas zu bieten, ist enorm

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Ich kann wohl behaupten, aus "gutem Hause" zu sein. Ich bin unbeschwert, und rückblickend betrachtet, sehr wohlbehütet aufgewachsen. Ich musste keinen Verzicht üben, durfte die Welt bereisen und mich frei entfalten. Mein Leben war super. Heute mag ich mir gar nicht vorstellen, was meine Eltern mit mir durchmachen mussten.

Tatsache ist, dass man heute als Mutter meist Kinder und Beruf bewältigen muss. Dazu der Stress, den man sich mit den Kindern macht, damit diese sich auch gesellschaftskonform entwickeln (können). Im meiner Elternzeit war Pekip hip. Was für ein Stress war das für mich! Eine Stunde in einem total überhitzten Raum sitzen und dem drei Monate alten Kind mit raschelndem Papier die Happtik dieses Objekts beibringen. Das verknüpft nämlich die Synapsen, und wir wollen ja ein intelligentes Kind, das mit links Abitur macht. Da wollen wir nicht durch Faulheit oder das Schwänzen eines solch elementar wichtigen Kurses die Zukunft des Kindes gefährden! Hier habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass ich anders bin als andere Mütter- nämlich genervt.

Kein Pekip fürs zweite Kind? Ich wurde als Egoistin beschimpft

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Nun kann man mir vorwerfen, ich hätte mich ja auch gegen Pekip-Kurse und Babyschwimmen entscheiden können. Sicher. Ist es nicht aber so, dass man beim ersten Kind alles richtig machen will, und dem Zweiten nicht weniger zuteil kommen lassen möchte? Es wäre doch unfair, wenn das eine Kind das Gymnasium besucht, das Andere aber nicht - womöglich, weil die Mutter zu träge und erziehungsfaul war. Ein Skandal wäre das. Oder nicht?

Mit dem zweiten Kind war ich dann nicht bei Pekip, und es macht sich in der Schule sogar besser als mein Erstgeborenes. Die Anfeindungen der Eltern aus der Erstkindzeit, mit denen ich da noch Kontakt hatte - einige von denen bekamen auch gerade ein zweites Kind -, waren erschreckend. Da gab es kein Vertun, sie waren alle ganz sicher: Mein Handeln war total egoistisch und unfair gegenüber dem zweiten Kind.

Meine Unzufriedenheit wuchs, niemand hatte Verständnis, man riet mir zu Johanniskraut

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Mit der Zeit merkte ich, wie ich wegen meiner Unzufriedenheit meinen Kindern gegenüber zunehmend ungerechter wurde. Dies äußerte sich zunächst in Ungeduld, dann in totalem Gestresstsein. Im Bekanntenkreis gab es niemanden, der dies so richtig nachvollziehen wollte, und es wurde mir zu Johanneskraut geraten.

Um meine Kinder vor mir und meinen Launen zu schützen, nahm ich Kontakt zu sozialen Einrichtungen auf, da ich fürchtete meinen Kindern nicht gerecht zu werden.  Man schickte mich zu einer Mutter-Kind-Kur, wohl bemerkt: mit den beiden Kindern, damals ein und drei Jahre alt.
Was für ein sensationeller Plan! Am Ende meiner Nerven wurde ich also allein mit zwei Kindern losgeschickt.

Statt Erziehungsberatung bekam ich eine Kur - mit den Kindern

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Ich sollte Kurse besuchen, mich schulen und bei Anwendungen erholen.
Ich möchte mich nur stichwortartig an diese Zeit erinnern: Überfüllter Frühstücksraum mit völlig überforderten Müttern, die alle allein mit meist zwei Kleinkindern kämpften und diese bei jeder Gelegenheit anschrien. Überforderte, fremdelnde Kinder, die heulend in der angeschlossenen Kita zurückgelassen wurden, um total gestresst, gehetzt und mit schlechtem Gewissen die jeweiligen Termine einzuhalten. Heulende Kinder und Mütter mit Nervenzusammenbruch auf der ganzen Anlage. Personal, welches nur in geringem Maße unterstützte. Der Zuspruch "Ach, so schlimm ist das doch gar nicht" hilft in so einer Situation gar nicht. Eines der schlimmsten Erlebnisse meines Lebens, und niemand, der nicht dort gewesen ist, kann dies nachvollziehen.

Vielleicht hätte ich besser keine Kinder bekommen? Bei dem Satz erstirbt jedes Gespräch

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Die verstörten Gesichter der Mütter, die scheinbar Alles immer und ganz selbstverständlich hinbekommen, wenn man erzählt dass man Hilfe in Anspruch genommen hat: "Wo warst Du? Aha..." Hilfe einfordern? Nein, das ist doch peinlich. Darüber spricht man nicht. Klappt doch alles wunderbar. Solange man nicht drüber spricht, liegt auch nichts im Argen.

Den Ansprüchen der Gesellschaft und nicht zuletzt auch Meinen nicht zu genügen, frustrierte mich. Ich sah in meinem Umfeld auch andere Mütter, die Schwierigkeiten hatten, den Anforderungen, die das Leben mit Kleinkinder stellt gerecht zu werden, aber offenbar stellte sich keine so an wie ich. Jedenfalls konnte mir niemand einen Rat geben oder anders als geschockt reagieren, wenn ich eröffnete, daß ich keine Erfüllung im Mutterdasein fand, und das Kinderkriegen für mich vielleicht ein Fehler war. Das sind harte Worte, mit denen man sich nicht auseinandersetzen möchte. 

Elternstammtische beraten und planen Schülerkarrieren. Furchtbar!

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Ich habe keinen einzigen Kontakt mehr zu einer der Mütter aus den Spielgruppen meiner Kinder. Alle haben sich abgewandt, und ich habe mich zunehmend isoliert.

Auch schulische Kontakte interessieren mich heute wenig. Auch hier erwarte ich kein Verständnis oder Offenheit. Meine Kinder gehen beide auf ein Gymnasium. Darauf kann man sich aber dieser Tage nichts mehr einbilden. Denn auch hier gilt es als Elternteil, immer am Ball zu bleiben. Die Eltern müssen unterstützend zur Seite stehen. Das wird sogar öffentlich bei der Einschulung propagiert: "... und freuen wir uns auch über engagierte Eltern die Dieses und Jenes nicht nur finanziell, sondern auch mit persönlichem Einsatz unterstützen!.." Bitte?!

Ich habe die Schule früher nicht gemocht, und das hat sich bis heute nicht geändert. Ich habe also keine Motivation, hier immer einen Schritt voraus sei. Ich kenne Eltern, die sich auf semi-kriminellen Abwegen Lösungshefte organisieren, damit die Kinder in der Schule glänzen. Da werden freie Wochenenden geopfert um Landschulheime zu putzen, ja ganze Elternstammtische (und zwar jeden Monat!) organisiert, um sich auszutauschen. Aber nur über die Kinder. Keiner tauscht sich mal darüber aus, wo man die Reißleine zieht zwischen Unterstützung und Selbstaufgabe.

Frustrierte Mütter haben kein Forum

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Also habe ich aufgegeben und mich damit arangiert, angestrengter zu sein als jede andere Mutter die ich kenne. Frustrierte oder überforderte Mütter haben kein Forum. Weder auf dem Spielplatz, noch am Elternstammtisch, noch in der Gesellschaft.

Einzig die Zeit hilft, mein Problem zu bewältigen. Meine Kinder wachsen und werden selbstständiger. Das hilft. Nun werden sie groß, und wieder bin ich nicht eine, die sagt "wo ist die Zeit geblieben?" , sondern "Warum eigentlich dauert das bei Menschen so lange, und im Tierreich maximal vier Jahre?" Hunde zum Beispiel werden mit zwölf Wochen abgegeben.

Ich liebe meine Kinder, aber ich liebte auch mein selbstbestimmtes Leben, und deshalb
habe ich in meinem nächsten Leben zwei Hunde.

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