Die Entwicklung der Identität  Wer ich bin, und wenn ja, wann 

Bild von Alexandra M. Freund

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Ausbildung, Beruf, Familie, Karriere: Was man in welchem Alter erreicht haben sollte, ist nicht nur Klischee. Es ist eine machtvolle soziale Erwartung - und beeinflusst die Identitätsbestimmung. Wenn sich aber mit jedem Lebensalter die Selbstdefinition ändert, was taugt sie dann? 

Wer bin ich? Eine Frage, die viele von uns nicht nur in der Pubertät beschäftigt, wenn wir zum ersten Mal über unsere Identität als eine, vielleicht überhaupt die Kernfrage unserer Existenz reflektieren, sondern die uns unser Leben lang begleitet - und zwar immer wieder mit anderen Antworten. Dass sich unsere Identität, also die Selbstgleichheit, im Lauf unseres Lebens verändert, ist ein interessantes Paradoxon.

Wie verändert sich die Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ über die Lebensspanne? Welche Aspekte unseres Lebens, unserer sozialen Beziehungen, unserer Persönlichkeit, Ziele, Wünsche und Träume, wie viel Vergangenheit oder Zukunft ziehen wir in einer bestimmten Lebensphase dazu heran, unsere Identität zu charakterisieren? Wie denken nun Menschen über sich selbst und ihr Leben nach und wie verändert sich dies über die Lebensspanne?

Wir erachten nur Merkmale als Teil unserer Identität, die uns persönlich wichtig sind. 

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Ganz allgemein ziehen wir für die Selbstdefinition, also den Teil der Identität, der sich von uns selbst in Worte fassen lässt, Merkmale unserer Person und unseres Lebens heran, die uns einerseits einzigartig machen. Es ist wahrscheinlicher, sich über ein sehr seltenes Hobby zu definieren, während wohl kaum jemand seine Identität daran festmacht, Lungenatmer zu sein. Andererseits sind auch solche Charakteristika identitätsstiftend, die uns als Teil einer für uns wichtigen sozialen Gruppe ausweisen, auch dies jedoch in Abgrenzung von anderen sozialen Gruppen, also beispielsweise als Hundenarr (im Gegensatz zu den Katzenfreunden). Außerdem sind dies Merkmale, die eine gewisse zeitliche und situative Konstanz besitzen. Man wird sich kaum darüber definieren, dass man im Moment gerade ärgerlich auf den Vordrängler in der Kassenschlange ist, sondern eher darüber, dass man sich in verschiedenen Situationen leicht ärgert. Und schließlich erachten wir nur solche Merkmale als Teil unserer Identität, die uns persönlich wichtig sind.

Die zentrale Frage ist nun, was es denn ist, was uns in einer bestimmten Lebensphase wichtig ist. In der Lebensspannenpsychologie wird in diesem Kontext das Konstrukt der Entwicklungsaufgaben herangezogen, das der Pädagoge Robert J. Havighurst in den 1950er Jahren entwickelte. Entwicklungsaufgaben beschreiben Aufgaben oder Themen, die in einer bestimmten Lebensphase aufgrund sozialer und kultureller Anforderungen und biologischer Faktoren auftreten und mit der Persönlichkeit und persönlichen Wertvorstellungen verbunden sind, die ihrerseits in den jeweiligen sozialen und kulturellen Rahmen eingebettet sind. So sind beispielsweise nach Havighurst im jungen Erwachsenenalter die zentralen Entwicklungsaufgaben, der Einstieg ins Berufsleben, der Aufbau einer Lebenspartnerschaft und die Familiengründung. Wir orientieren uns an diesen Aufgaben, um festzumachen, was uns in jeder Lebensphase besonders wichtig ist. In der Tat zeigen empirische Studien zum Inhalt der Selbstdefinition, dass die Themen Berufseinstieg, Partnerschaft und Familiengründung im jungen Erwachsenenalter besonders prävalent sind.

Wir orientieren uns an Entwicklungsaufgaben um festzumachen, was uns in jeder Lebensphase besonders wichtig ist. 

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Die Entwicklungsaufgaben sind uns allen als kulturell-gesellschaftliches Wissen gut bekannt. Befragungsstudien zeigen, dass es eine hohe soziale Übereinstimmung in den Erwartungen gibt, in welchem Alter man bestimmte Dinge erreicht haben sollte. Diese Studien zeigen zwar über Länder und die historische Zeit hinweg gewisse Variationen in den spezifischen Altersangaben, aber die Sequenz der Entwicklungsschritte ist sehr konstant. Im jungen Erwachsenenalter sollte man zunächst seine Ausbildung abschließen, dann in den Beruf einsteigen und dann eine Familie gründen. Im mittleren Erwachsenenalter sollte man seinen Karrierehöhepunkt erreicht haben und im höheren Alter sollte man in den beruflichen Ruhestand gehen und mit Enkeln spielen.

Altersbezogene Erwartungen stellen soziale Normen dar, deren Überschreitung gesellschaftlich sanktioniert werden. Diese Sanktionen können rechtlicher und institutioneller Natur sein (beispielsweise Altersvorgaben bezüglich des Schul-, Pensionsaltes oder des Alters, bis zu dem man ein Kind adoptieren kann) oder in sozialer Missbilligung liegen. Wer mit dem Berufseinstieg bis zum mittleren Erwachsenenalter wartet, hat nicht nur mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen, sondern wird auch im Allgemeinen mit negativen Reaktionen des sozialen Umfeldes zu rechnen haben. Studien haben gezeigt, dass uns diese Normen und die Konsequenzen bewusst sind, wenn wir sie nicht erfüllen. Da Menschen im Allgemeinen versuchen, negative Bewertungen durch andere und gesellschaftliche Sanktionen zu vermeiden, bilden die altersbezogenen Erwartungen einen mächtigen Standard, an dem wir uns orientieren.

Für die Identität in einer Lebensphase arbeiten wir die altersbezogenen sozialen Erwartungen ab. 

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Wenn wir also in einer bestimmten Lebensphase über unsere Identität nachdenken, arbeiten wir uns mit großer Wahrscheinlichkeit an den altersbezogenen sozialen Erwartungen ab. Bernice Neugarten, eine 2001 verstorbene Psychologin, hat dies die „soziale Uhr“ genannt und postulierte, dass wir meist versuchen, „pünktlich“ zu sein. Sind wir der sozialen Uhr voraus, dann wird dies in Bezug auf Leistungen meist positiv bewertet (etwa den Master-Abschluss schon mit 20 Jahren geschafft zu haben), aber in Bezug auf die Familie eher negativ (mit 16 Jahren schon ein Kind zu haben).

Hinken wir der sozialen Uhr hinterher, dann ist die Toleranz inzwischen bei familiären Übergängen toleranter im Vergleich zu den viel engeren Normen der 1950er Jahre. Eine Frau wird heutzutage nicht mehr allzu schief angeschaut, wenn sie mit 35 Jahren noch keine Kinder hat. In beruflicher Hinsicht erlauben die sozialen Erwartungen hingegen keine starken Verzögerungen, auch wenn man Studierenden vielleicht insgesamt heutzutage eine längere Phase zugesteht, in der sie einen Lebensstil von Jugendlichen statt von jungen Erwachsenen pflegen.

Letzteres bringt mich zu der Frage, wie wir uns in Bezug auf bestimmte Lebensphasen hin identifizieren. Wann fühlt man sich der Gruppe der Jungen, Mittelalten oder Alten zugehörig? In Bezug auf die Gruppe der Alten wurde sehr treffend von Jonathan Swift formuliert: Jede/-r will alt werden, aber niemand will alt sein. Wer würde sich schon darüber freuen, von den ehemaligen Mitschülern beim Klassentreffen zu hören „Mensch, bist du alt geworden“? Mit anderen Worten: Wir verbinden das Alter vor allem mit negativen Eigenschaften, mit physischem und kognitivem Abbau, mit mangelnder Leistungsfähigkeit und Nutzlosigkeit.

Die negative Sicht auf das Alter führt dazu, dass man dieser Gruppe möglichst nicht angehören möchte. 

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Diese negative Sicht auf das Alter, die übrigens entgegen dem hartnäckigen Glauben vieler nach systematischen Meta-Analysen auch in asiatischen Ländern wie Japan sehr verbreitet ist, führt dazu, dass wir möglichst nicht dieser Gruppe zugehören wollen. Studien zeigen, dass sich Personen meist auch im fortgeschrittenen Alter erst dann selbst als „alt“ bezeichnen, wenn sie starke gesundheitliche Einschränkungen erfahren. Bis dahin gilt für viele das Diktum, man sei nur so alt, wie man sich fühle. Und da es keine eindeutigen subjektiven Zustände - außer spürbarem physischem oder kognitiven Abbau - gibt, die einem anzeigen, dass man alt sei, fühlt man sich eben wie seit Eintritt ins Erwachsenenalter: ziemlich jung.

Bereits das mittlere Erwachsenenalter scheint vielen keine attraktive Altersphase, weil da - außer vielleicht der wissenschaftlich stark umstrittenen „Midlife-Crisis“ - nicht viel zu passieren scheint. Viele der aufregenden, großen Lebensereignisse wie der Abschluss der Schule und der Ausbildung, der Berufseintritt, Auszug aus dem Elternhaus, Eingehen einer Lebenspartnerschaft, Gründen einer eigenen Familie, finden im jungen Erwachsenenalter statt. Im mittleren Erwachsenenalter, so unser Bild dieser Lebensphase, geht es vielleicht noch um einen Karriereaufstieg, aber sonst primär um Konsolidierung und Stabilität. In einer kapitalistischen Gesellschaft, in der es um permanentes Wachstum geht, ist Stabilität fast mit Rückschritt gleichbedeutend und diese Denkweise wenden wir häufig auch auf den Lebensverlauf an.

Dabei haben Studien meiner Arbeitsgruppe gezeigt, dass im mittleren Erwachsenenalter die Stabilität in vielen Lebensbereichen keineswegs negativ bewertet wird und auch mit hohem Wohlbefinden zusammenhängt. Einerseits kommt das daher, dass wir im mittleren Erwachsenenalter schon häufig sehr vieles erreicht haben, was uns lieb und teuer ist und dessen Aufrechterhaltung sich lohnt.

Im mittleren Erwachsenenalter sind viele Unsicherheiten bezüglich sich selbst und der Lebensgestaltung überwunden. 

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Eine gute Beziehung zu Freunden, Partner/-in, Kindern aufrechtzuerhalten, ist durchaus positiv und ist auch keine statische Angelegenheit. Im Gegenteil: Stabile soziale Beziehungen erfordern von uns, dass wir etwas für die Beziehungen tun, etwas mit den Menschen, die uns wichtig sind, unternehmen und uns mit ihnen austauschen. Ähnlich ist es im Beruf. Die bisherige Leistung aufrechtzuerhalten, geht sehr oft mit kontinuierlicher Weiterbildung einher und verlangt das Erlernen von neuem Wissen und neuen Technologien. Die scheinbare Langeweile des mittleren Erwachsenenalters ist ziemlich interessant, wenn man sie näher beleuchtet, und auf jeden Fall ist diese Altersphase besser als ihr Ruf. So ist es nicht erstaunlich, dass in Studien ältere Erwachsene sich häufig diese Lebensphase aussuchen würden, hätten sie die freie Wahl. Viele Unsicherheiten bezüglich sich selbst und wie man sein Leben gestalten will, sind überwunden, viele Entscheidungen gefällt, es geht einem körperlich und geistig meist sehr gut, viele haben eine sichere finanzielle Situation erreicht - insgesamt also nicht verwunderlich, dass diese Lebensphase wegen der vielen Ziele, die wir gleichzeitig verfolgen, zwar als fordernd erlebt wird, aber eben auch als erfüllt.

Und die Jungen? Fühlen die sich wenigstens jung? Ja, aber ... selbst junge Erwachsene fühlen sich häufig nicht „erwachsen“, solange sie noch in der Ausbildung sind und noch keine eigenen Kinder haben. Da diese Phase in westlichen Ländern mit langen Ausbildungszeiten und insbesondere bei Studierenden bis in die späten 20er Lebensjahre andauern kann, scheint selbst bei den Jungen die Identifikation mit dem Erwachsenenalter oft erst recht spät zu kommen. In westlichen Ländern herrscht geradezu eine Idealisierung des jungen Erwachsenenalters mit all seinem riesigen Potenzial, den vielen Möglichkeiten, der Offenheit der Zukunft, der physischen Attraktivität und (vermeintlichen) Unbeschwertheit. Dass man in dieser Lebensphase oft mit Unsicherheiten zu kämpfen hat, eben weil man noch im Potenzial, in den Möglichkeiten lebt und diese noch nicht eingelöst hat, oft auch noch nicht genau weiß, wo man eigentlich hinwill, wie man sein Leben gestalten will und ob man dies dann auch kann, das scheinen vor allem die Alten zu wissen, die sich ins mittlere und nicht ins junge Erwachsenenalter zurückwünschen.

Junge Erwachsene sind primär gewinn- und wachstumsorientiert. 

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Welchen Einfluss hat das darauf, wie wir über uns selbst nachdenken, auf unsere Identität in den verschiedenen Lebensphasen? Jüngere Erwachsene sind primär gewinn- und wachstumsorientiert. Die Zukunft scheint grenzenlos und voller Möglichkeiten, die eigenen Ziele und Vorstellungen in den verschiedenen Lebensbereichen umzusetzen. Da sich junge Erwachsene in vielerlei Hinsicht als am Anfang stehend wahrnehmen, sehen sie diese Dinge, die sie bisher erreicht haben, wahrscheinlich im Vergleich mit dem Startpunkt als einen enormen Zuwachs an. Ich habe den Ausbildungs-/Uniabschluss geschafft, ich habe eine erste Stelle, ich habe eine/-n Partner/-in ... In dieser Altersphase zählt man sein Leben von der Geburt an und identitätsstiftend ist neben dem Potenzial, das vielleicht etwas nebulös in der Zukunft liegt, was schon erreicht wurde

Dies kippt im mittleren Erwachsenenalter, in dem man nach Bernice Neugarten eher beginnt, seine Lebenszeit vom Ende her zu denken. Wie viel Zeit habe ich noch? Besonders deutlich ist dies im Beruf, dem die Pensionierung ein klar sichtbares Ende setzt. Was kann, was will ich bis zur Pensionierung in meinem Beruf noch leisten? Wie stelle ich mir den Rest meines Lebens vor?

Im mittleren Erwachsenenalter holt einen - oft plötzlich - die Erkenntnis ein, dass man nicht mehr zu den Jungen gehört. Spätestens wenn man in den Spiegel schaut, der irgendwie hartnäckig ein ungünstiges Bild von mir widergibt, das ich nicht so recht als mich selbst erkennen will, muss ich mir aber wohl doch irgendwann eingestehen, dass ich nicht mehr jung bin. Führt dies zu der populären „Midlife-Crisis“? Die psychologische Evidenz spricht dagegen, auch wenn sich der Mythos weiter großer Beliebtheit erfreut. Im mittleren Erwachsenalter hat man viele Weichen des eigenen Lebensverlaufs gestellt, vieles von dem, was man erreicht hat, wertschätzt man, und so denkt man nicht nur darüber nach, was man noch erleben und erreichen möchte, sondern auch sehr stark darüber, was man aufrechterhalten möchte.

Die Identität älterer Erwachsener ist im Sein, die der jüngeren Erwachsenen im Erreichen. 

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Im höheren Alter schließlich ist die Identität bedroht durch den Statusverlust aufgrund der Pensionierung, durch die zunehmende Wahrscheinlichkeit von physischen Einschränkungen und durch negative Altersstereotype, die ein unrealistisch negatives Altersbild an die Wand malen. Diese von vielen subjektiv erlebte Bedrohung führt dazu, dass ältere Menschen sich stärker daran orientieren, Verluste zu vermeiden. Darüber hinaus ist die Wahrscheinlichkeit geringer als in früheren Lebensphasen, dass man außer an Lebenserfahrungen noch weitere Zugewinne erreicht, wie neue Freundschaften zu schließen oder körperliche und kognitive Leistungsgewinne zu erzielen. Daher ist es nicht erstaunlich, dass sich ältere Erwachsene stärker auf den Prozess der Zielverfolgung fokussieren als auf deren Ergebnis. Es geht ihnen beispielsweise vor allem darum, wie sie ihren Hobbys nachgehen, und weniger darum, was sie damit erreichen können. Die Forschung meiner Arbeitsgruppe zeigt, dass junge Erwachsene hingegen stärker auf das Ergebnis als auf den Prozess fokussieren. Man könnte sagen, die Identität der älteren Erwachsenen ist mehr im Sein, die der jüngeren Erwachsenen mehr im Erreichen.

Wie kommt es nun, dass sich die Identität, unser Gefühl dessen, was uns ganz zentral ausmacht, so stark über die Lebensspanne hinweg verändert? Bin ich im strengen Sinn mit 25 Jahren dieselbe Person, die ich mit 45 oder 75 Jahren sein werde? Meine Lebenswelt wird eine andere sein, viele meiner persönlichen Merkmale werden sich verändert haben, meine Ziele und Wünsche werden größtenteils nicht mehr dieselben sein - und dennoch, im Kern haben wir das Gefühl, dieselbe Person zu sein. Dieses Paradoxon hat einer der Begründer der Persönlichkeitspsychologie, Gordon Allport, so beschrieben: Identität entsteht durch die Konstanz des Ich als das wahrnehmende Subjekt, auch und gerade wenn sich all das, was ich an mir selbst als identitätsstiftend wahrnehme, verändert. Unser Identitätsgefühl kommt also nicht zu einem unerheblichen Maße dadurch zustande, dass wir selbst wahrnehmen, wie sich der Inhalt unserer Identität über die Lebensspanne so stark verändert. Und ist es nicht enorm spannend, diese Veränderungen unserer Identität immer wieder zu bemerken?

 

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