Die zurückschauenden 60er Wer heute über 60 ist, hat Glück gehabt

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Journalist

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Harald Martenstein ist ein deutscher Autor und Journalist des Tagesspiegels. Er schreibt außerdem regelmäßig Kolumne für Die Zeit.

Keinen Krieg erlebt und keine Prügelstrafe, nie Angst gehabt, seine Meinung zu äußern, im Wohlstand aufgewachsen und jede Menge Jobs zur Auswahl. Was für ein Leben! Danke

Wie sich mein Leben verändert. Warum schreibe ich überhaupt diesen Text? Er ist doch längst vorhanden. Mein Kollege Sebastian Leber hat ihn verfasst, über die Menschen in ihren Dreißigern. Der redaktionelle Vorspann lautete so: „Wer die 30 überschritten hat, begreift das Leben nicht mehr als offenes Feld. Eher als enger werdenden Korridor. Die großen Ambitionen von gerade eben werden zurechtgestutzt. Was man dafür bekommt? Gelassenheit und Selbstbewusstsein. Und Abende mit Freunden, die nur um gemeinsam Erlebtes kreisen.“

Genauso fühlt das Leben sich auch bei mir an. 60 ist offenbar das neue 30. Auch den Satz „Über-30-Jährige setzen sich nicht mehr auf Fußböden“ könnte ich übernehmen. Auch ich demonstriere, wie der Kollege, nur noch selten.

Mit 60 denkt der Mensch eher in Generationen.

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Auf dem Weg von 30 zu 60 stellen sich bei vielen Menschen Kinder ein, auch bei mir, und deshalb ist mein Interesse an der Zukunft nicht kleiner als seines. Der 30-Jährige ist noch ganz auf sich und seine eigene Zukunft fixiert - das soll kein Vorwurf sein, bei mir war es auch so. Der Mensch von 60 denkt eher in Generationen. Da sind die Kinder, und da sind im Kopf auch die Eltern, die bei uns entweder schon gestorben sind oder sehr alt. Was uns unterscheidet, den Kollegen und mich, ist wohl das Bewusstsein der Endlichkeit. Wir haben den Tod bereits gesehen, bei geliebten Menschen. Er ist jetzt ein Bekannter, der draußen vor der Kneipe herumlungert, uns durchs Fenster interessiert mustert und von Zeit zu Zeit auf die Uhr schaut, während wir noch am Tresen stehen und die vorletzte Runde bestellen.

Mit meinem Kollegen Werner van Bebber, dem 50er, habe ich auch vieles gemeinsam. Das Alter ist noch nicht da, aber in Sichtweite. Wir sind noch recht fit, wir können alles machen, manches langsamer, aber nicht so langsam, dass es schon auffiele. Viele von uns haben immer noch einen ähnlichen Lifestyle wie die 30-Jährigen, Sport und Partys und so, wir schauen oft die gleichen Filme und lesen die gleichen Bücher wie sie, sogar unsere Kleidung unterscheidet sich nicht allzu sehr, auch wenn die Jeansgröße nicht mehr die gleiche ist wie früher.

Man kann sich wieder Verrücktheiten leisten, wie damals, als Jugendlicher.

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Die Jugendbewegungen des 20. Jahrhunderts haben eine Einheitsgeneration hervorgebracht, ein Leben in scheinbar immerwährender Jugend, bis irgendwann der Arzt kommt. Im 19. Jahrhundert wurden die Kinder angezogen wie kleine Erwachsene, heute ziehen sich sogar viele 70-Jährige an wie Teenies. Die 30-Jährigen nehmen Abschied von dem Jugendlichen, der sie einmal waren. Die meisten 60-Jährigen nehmen im Laufe dieses Lebensjahrzehnts Abschied vom Beruf, auch von der Rolle als Eltern. Die Last der Verantwortung wird leichter, die Zeit der Verpflichtungen geht zu Ende, wir könnten uns wieder Verrücktheiten leisten, wie damals, als wir Jugendliche waren. Im Eiskunstlauf gibt es Pflicht und Kür. Im Leben findet die Pflicht im Wesentlichen zwischen 30 und 60 statt, davor und danach ist Kür, bis einem das hohe Alter die Schlittschuhe weghaut.

Man ist weniger zu Kompromissen geneigt, wenn man weiß, dass man nicht mehr viel Zeit hat.

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Nicht alle machen von dieser Chance Gebrauch. Aber oft werden Ältere wieder rebellischer, sie haben weniger Angst - was kann uns noch passieren? Manche machen im Beruf ein wenig weiter, aber man ist entspannter, wenn nicht mehr die Karriere im Vordergrund steht. Autoren sind ein Sonderfall, weil einige von ihnen erst in ihren 70ern oder noch später ihre besten Texte schreiben. Künstler, Anwälte, Unternehmer oder Wissenschaftler stehen mit 60 besser da als Dachdecker oder Fotomodelle. Der Eigensinn, der sich mit dem Alter oft einstellt oder verstärkt, ist in diesen Jobs ein Wettbewerbsvorteil. Man ist weniger zu Kompromissen geneigt, wenn man weiß, dass man nicht mehr viel Zeit hat, das haben wir mit den jungen Menschen gemeinsam, die glauben, dass sie unbegrenzt Zeit haben.

Kein Leben erfüllt alle Träume.

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Ich bin mit meinem Leben zufrieden, es ist besser gelaufen, als ich es mir mit 30 erträumt habe. Aber egal, was du erreicht hast, du hast immer auch Niederlagen eingesteckt. Kein Leben, kein einziges, erfüllt alle Träume. Ich weiß, was ich kann, aber ich habe auch lernen müssen, was ich alles nicht kann: Ich wäre ein schlechter Chefredakteur, ich werde niemals lernen, ein Instrument zu spielen oder einfache Reparaturen im Haushalt auszuführen, vielleicht höre ich nie mit dem Rauchen auf.

Auch deshalb werden die meisten Menschen im Laufe des Lebens konservativer. Nicht nur, weil sie am Gewohnten hängen, sondern auch, weil sie oft die Erfahrung des Scheiterns gemacht haben. Mit 30 denkst du: Alles muss besser werden. Du schaust dich um und siehst überall Unvollkommenheit. In den 60ern denkst du: Alles könnte durchaus auch schlechter sein. Wie war das mit dem Jobwechsel, von dem du dir so viel versprochen hast? Ein Fehler war's. Veränderungen sind manchmal gut. Manchmal führen sie in die Irre.

Wir werden älter und sind gesünder, als es Menschen jemals waren.

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Die Errungenschaften der Vergangenheit nimmt man mit 30 als selbstverständlich, man sieht nicht, was für ein Glücksfall sie oft waren und wie zerbrechlich sie sind. In dem Weltbestseller „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ des israelischen Historikers Yuval Noah Harari rechnet der Autor vor, dass niemals in der Geschichte der Menschheit das Risiko eines Erdenbürgers, an Hunger oder durch Krieg zu sterben, so gering war wie heute, und zwar in fast allen Ländern der Erde. Wir werden älter und sind gesünder, als es Menschen jemals vergönnt war. Dies und den Sieg über den Hunger verdanken wir vor allem der Wissenschaft, nicht den diversen Weltbeglückungstheorien, die den Leuten ein Paradies auf Erden versprechen. Wo es noch Hunger und Krieg gibt, wären sie vermeidbar, meistens tragen daran unfähige, korrupte und ideologisch fixierte Regierungen die Schuld. Auch die ökologische Bedrohung, vor der wir stehen, lässt sich bewältigen, wir haben die Mittel dazu. Wir wissen, was tun ist, wir müssen es nur tun. Diesen Luxus hatte die Menschheit nie - immerhin zu wissen, wie die wichtigsten Probleme zu lösen wären.

War Deutschland jemals ein wirklich besseres Land als heute? Ich ärgere mich täglich über dieses Land, aber wenn ich an das Elend der Armen vor 200 Jahren denke oder an die Kriege und den Hass des vergangenen Jahrhunderts, beruhige ich mich ein wenig.

Das alles ist zerbrechlich. Es geht in der Geschichte nicht immer voran. Alle Hochkulturen, die es gab, sind untergegangen. Sie waren unfähig, das Vorhandene zu bewahren. Sie wollten immer mehr, von allem, meistens lag es daran.

In dieser Generation schaut man zurück und erkennt die Errungenschaften, die alles andere als selbstverständlich sind.

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Wenn ich in diesen Tagen lese, dass Deutschland eine Hölle des Rassismus und Sexismus darstellt, muss ich lachen. Waren wir nicht, vor ein paar Jahren, noch die von aller Welt teils beneidete, teils belächelte Nation der Willkommenskultur? Sind wir nicht in den letzten Jahrzehnten verdammt weit gekommen, was Weltoffenheit und Toleranz betrifft? Das, was noch zu tun bliebe, nimmt sich winzig aus im Vergleich zu der Welt von gestern, sie liegt gar nicht lang zurück, als Frauen nicht ohne Erlaubnis des Ehemanns den Führerschein machen durften, Schwule eingesperrt wurden und der schwarze Nationalspieler Jimmy Hartwig regelmäßig als „Negerschwein“ beschimpft wurde, ohne dass es deshalb einen Aufschrei gegeben hätte. Jimmy Hartwig und ich sind fast gleichaltrig. Die regelmäßigen Aufwallungen einer maßlosen Aufgeregtheit kann ich nicht nachvollziehen. Das ist vermutlich die typische Haltung eines Menschen meiner Generation, der nicht nur nach vorn schaut, sondern auch zurück, und dabei zahlreiche Errungenschaften erkennt, die, wenn man sich in der Welt umschaut, alles andere sind als selbstverständlich. Ist das Ignoranz? Ich nenne es Gelassenheit. Mal sehen, wie die nächste Sau heißt, die durchs mediale Dorf getrieben wird.

Ich gehöre als Westdeutscher zu einer glücklichen Generation. Auch Jimmy Hartwig hat, trotz dieser rassistischen Scheiße, Glück gehabt. Wir beide haben die Not der Nachkriegszeit nicht bewusst mitgekriegt, wir haben selber keinen Krieg erlebt und meistens auch keine Prügelstrafe in der Schule, anders als unsere Eltern und Großeltern. Wir haben nie Angst davor gehabt, wegen unserer Ansichten oder unserer Herkunft in ein Lager abtransportiert zu werden, wir haben im Wohlstand gelebt, wir haben die Freuden der sexuellen Revolution, die Pille, den ersten Joint und die Liberalisierung des Alltags auf dem Tablett serviert bekommen. Es gab genug Jobs, als wir 30 waren, wir mussten kein einziges Praktikum machen, und als das erste Kind kam, gab es schon Pampers.

Die Voraussetzungen für das Glück sind brüchig geworden.

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Anders als die heute Dreißigjährigen können wir uns aber eine ganz andere Welt, eine Welt mit existentiellen Problemen, eine Welt, in der man härter um sein Glück kämpfen muss als heute, ganz gut vorstellen. Wir haben noch ein bisschen was davon mitgekriegt und nicht nur gelesen, zumindest durch die Erzählungen unserer Eltern. Ich bin dankbar für dieses historisch einmalige Glück. Vermasselt es nicht, ihr Dreißigjährigen, weil ihr irrtümlicherweise annehmt, das alles sei normal. Die Voraussetzungen dieses Glücks sind brüchig geworden. Ein großer Krieg ist wieder denkbar, ein ökonomischer Kollaps ist denkbar, die EU könnte zerbrechen, die Amerikaner machen ihr eigenes Ding und eine Völkerwanderung ist im Gang, von der niemand weiß, wohin sie unsere Gesellschaft führen wird. Wir befinden uns in einem enger werdenden Korridor. Ich bin also gar nicht so gelassen, wie ich tue. Als untypischer Sechziger habe ich ein kleines Kind, das auch mein Enkel sein könnte, und deshalb will ich mein Leben nicht langsam und bequem austrudeln lassen, ich muss um die Zukunft kämpfen, bis mir der Griffel aus der Hand fällt.

Der 30-jährige Kollege ist wütend darüber, welchen „Scherbenhaufen die heutigen Entscheider unserer Generation hinterlassen werden“. Ihr 30-Jährigen seid so zarte Seelchen. Was ist das denn für eine Formulierung? Ein Scherbenhaufen sieht anders aus, als das, was ihr vorfindet. Und die Welt gehört euch, ihr seid jetzt groß, kriegt den Arsch hoch. Wenn ihr aber einen Scherbenhaufen anrichtet, werde ich aus dem Jenseits Blitze schleudern, ich habe noch in Bombenkratern gespielt.

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