Die gelassenen 30er  Warum siezt ihr mich jetzt?

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Journalist

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Sebastian Leber ist Reporter beim Tagesspiegel.

Wer die 30 überschritten hat, begreift das Leben nicht mehr als offenes Feld. Eher als enger werdenden Korridor. Die großen Ambitionen von gerade eben werden zurechtgestutzt. Was man dafür bekommt? Gelassenheit und Selbstbewusstsein. Und Abende mit Freunden, die nur um gemeinsam Erlebtes kreisen.

Wer 30 Jahre alt wird, hatte im Prinzip genug Zeit, „Let it Be“ zu komponieren. Er hätte die „Buddenbrooks“ schreiben oder seine Ansichten über die spezielle Relativitätstheorie zu Papier bringen können. Alternativ hätte die Zeit auch gelangt, eine Weltreligion zu gründen, Torschützenkönig zu werden oder wenigstens Oberhaupt einer Rockerbande. Wer 30 Jahre alt wird, hat schon 10.950 Tage gelebt.

Die Dreißiger sind die Jahre der zurechtgestutzten Ambitionen.

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In der Realität sind die meisten froh, wenn sie nun halbwegs im Berufsleben ankommen. Wenn sie sich zwei Zimmer Altbau leisten können und insgesamt noch nicht so verkorkst sind, dass sie als beziehungsunfähig gelten. Wer es über die 30-Jahre-Marke schafft, hat diverse Verletzungen, Demütigungen und Verluste erlebt. Träume sind geplatzt. Ein Freund von mir hatte seit seiner frühen Jugend den Plan, eines Tages als UN-Generalsekretär die Welt zu verändern. Er sprach häufig davon, am liebsten auf Studenten-WG-Partys spätnachts in Studenten-WG-Küchen. Das änderte sich kurz nach seinem Dreißigsten. Ab da verkündete er immerzu, er wolle schon sehr bald eine eigene NGO gründen und diese natürlich auch leiten. Es sollte ein paar weitere Jahre dauern, bis er die Elternzeitvertretung bei einer parteinahen Stiftung angeboten bekam, und ich glaube, er ist glücklich so. Die Dreißiger sind die Jahre der zurechtgestutzten Ambitionen.

Das Leben gleicht inzwischen eher einem Korridor, den es abzuschreiten gilt. 

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Erste Weichen wurden gestellt, Entscheidungen getroffen, die Konsequenzen sind jetzt zu tragen. Das Leben kommt einem nicht mehr wie ein weitläufiges, in alle Richtungen offenes Feld vor, das nach dem eigenen Willen bespielt und beliebig gestaltet werden kann und so viele Möglichkeiten bietet, dass einem ganz bange wird. Nein, es gleicht jetzt eher einem Korridor, den es abzuschreiten gilt, und der nach vorne raus immer schmaler wird. Oder täuscht das?

Ankommen. Sich etwas aufbauen. Womöglich eine Familie gründen. Das alles heißt leider auch: sich mit den Verhältnissen arrangieren. Trotz der schreienden Ungerechtigkeiten, trotz dem, was im Argen liegt. Vor ein paar Jahren wollte man das noch wegfegen. Da war es selbstverständlich, zu demonstrieren und laut zu sein. Jetzt lässt man sich von seinen vielen Verpflichtungen abhalten. Der Berliner Großdenker Dirk von Lowtzow hat das mal in vier Wörtern zusammengefasst: „Der Alltag, dieser Bullshit.“

In seinen Dreißigern rückt man in die Riege der Leistungsträger einer Gesellschaft auf. Fehlende Erfahrung wird durch hohe Belastbarkeit und Eifer ausgeglichen. Wirklich zu entscheiden gibt es natürlich noch nichts, man ist derjenige, der die Schnapsideen seiner Vorgesetzten umsetzen und dafür Nachtschichten einlegen darf. Man ärgert sich über die Tonangeber in der Gesellschaft, diese Clique der Talkshowsessel-Beleger, die große Reden schwingen über Zukunftsvisionen und Digitalisierung und privat nicht mal ihren Drucker installieren können.

Man verspürt eine Wut auf Versäumnisse, die der nächsten Generation hinterlassen werden.

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Vor allem ist da Wut darüber, welchen Scherbenhaufen diese Menschen, die heutigen Entscheider, unserer Generation hinterlassen werden. All die Versäumnisse, im Großen wie im Kleinen. Wie lange an der Kohleförderung festgehalten wurde, wegen der Arbeitsplätze, herrje, diese Arbeitsplätze. Dass eine Aussage wie „Aber Windräder verschandeln unsere Landschaft“ tatsächlich mal als ernstzunehmendes Argument galt. Komplett versagt, die ganze Bagage. Oder das Rentendesaster, das auf meine Generation zukommen wird, weil die jahrzehntelang Verantwortlichen es sich schöngeredet haben. Oder wie sie ihre tödliche Abschottungspolitik damit rechtfertigen, dass es ja viel wichtiger sei, Fluchtursachen zu bekämpfen, und dies sei eben eine „langfristige Aufgabe“. Ja verdammt, das war eine langfristige Aufgabe, und ihr habt es jahrzehntelang verbockt. Habt es, nur so als Beispiel, 40 Bundeshaushalte hintereinander kein einziges Mal geschafft, die zugesagten, eh schon lächerlichen 0,7 Prozent des BIP für Entwicklungshilfe auszugeben. 40 Jahre nichts tun, aber jetzt rumlabern von wegen „Fluchtursachen bekämpfen“.

Die Wut ist groß. Aber die Versuchung, sie zu verdrängen, ist es auch. Belastungen gibt es ja genug, besonders natürlich für alle, die jetzt eine Familie gründen.

Hinzu kommen die eigenen Befindlichkeiten. Früher reichte der Blick nach vorn. Weil dort alle Herausforderungen lagen. Probleme, die jetzt gleich oder später mal zu lösen sind. Nun hat sich eine zweite Front aufgetan. Plötzlich liegen die Baustellen auch hinter einem. Man bedauert Versäumtes und Unerfülltes, grübelt, ob man dieses rückgängig machen oder jenes nachholen kann. Hätte man doch mal weniger Zeit vertrödelt. Vieles ist heute beschwerlicher. Eine Sprache zu lernen, eine neue Sportart, ein Musikinstrument. Und erst die Spuren des körperlichen Verfalls. Die Tätowierung aus Jugendtagen zerläuft bereits an den Rändern. Die Spannung der Haut lässt nach. Solche Anzeichen werden ausgeblendet wie die Sache mit der privaten Altersvorsorge. Als ob der Kampf gegen biologische Abbauprozesse durch Selbsttäuschung zu gewinnen wäre. Überdeißigjährige erzählen gern ungefragt, dass sie von Dritten für deutlich jünger gehalten wurden. Sie glauben an Sprüche wie „40 ist das neue 30“. Sie reden sich ein, ihre Furchen um den Mund kämen vom vielen Lachen, und Haarausfall sei Folge eines hohen Testosteronspiegels. Wer in seinen Dreißigern lebt, will auf keinen Fall auf eine Ü-30-Party gehen.

Nun gehört man zu den Alten und wird aus der Gruppe der Jungen ausgeschlossen. 

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Oft funktioniert diese Autosuggestion. Doch dann kommt so ein unverschämter junger Mensch daher, auf einem Rapkonzert oder einer Spielemesse, und siezt einen einfach. Meiner fragte: „Wissen Sie, wie viel Uhr es ist?“ Ich wollte ihm zurufen: „Hey, Du kannst mich duzen, ich bin doch einer von euch!“ Ich sagte: „Gleich halb elf.“ Es tut weh, ausgeschlossen zu werden aus der Gruppe der Jungen. Wenigstens gibt es Leidensgenossen, also Gleichaltrige. Mit denen kann man Wunden lecken. Und beraten, was jetzt noch geht. Skateboard fahren? Snapchat installieren? Wörter wie „cool“ und „geil“ benutzen?

Überdreißigjährige setzen sich nicht mehr auf Fußböden. Nicht auf Partys, nicht auf Treppenstufen, nicht auf Wiesen im Park ohne Decke. Als ob ausgerechnet das Bodensitzen altersunangemessen wäre. Ich mache es trotzdem. Sollen die anderen gucken.

Mit über dreißig entsteht eine neue Gelassenheit. 

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Dies ist nämlich auch etwas, das sich jetzt einstellt, ich glaube, es ist das Tröstliche an dieser Lebensphase: Der Überdreißigjährige legt sich eine gewisse Entspanntheit zu. Früher machte man sich um jede Kleinigkeit einen Kopp. Was könnte A über mich denken? Hat B nicht gegrüßt, weil C ihm eine Lüge über mich erzählt hat? Als ich zu Unizeiten einen Ausschlag auf der Nase hatte, ging ich eine ganze Woche lang nicht in die Vorlesungen. Heute kann ich Dinge tun, die mir früher peinlich gewesen wären. Zum Beispiel auf einer Feier auch mal alleine irgendwo in der Ecke stehen.

Die neue Gelassenheit mag an gewonnenem Selbstvertrauen liegen. Bei manchen an inzwischen gebildeter Hornhaut auf dem Herzen. Sicher aber auch am Wissen darum, dass das Leben selbst nach Niederlagen und Vollblamagen weitergeht. Dass Wunden verheilen, manche Narben ganz schön sind und es für die übrigen Schminke gibt. Dass Punkte in Flensburg verjähren, Schufa-Einträge auch, sogar Vorstrafen werden gestrichen. Hörte ich.

Wer 30 wird, ist schon mal älter geworden als Amy Winehouse, Heath Ledger, Jimi Hendrix, Kurt Cobain. Eigentlich sollte es einen Orden dafür geben, alleine weil das Leben so weit geschafft wurde. Dass die Zahl der Freunde größer ist als die Zahl der Todfeinde. Dass vermutlich auch einiges richtig gemacht wurde bis hierhin. Man begreift, dass sich manche Dinge im Leben in Zyklen abspielen. Legislaturperioden, Olympiaden, Hundeleben. Man erwischt sich dabei, nicht zu wissen, wer jetzt gerade Bundesbildungsminister ist oder Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt. Und man schämt sich nicht mal dafür. Auch hier: Gelassenheit.

Erinnerungsflashs sollten eine Warnung sein, dass man genau so wird wie alte Menschen.

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Zunehmend werden Freundschaften gepflegt, etwa aus der Schul- oder Studienzeit, die im Kern bloß um gemeinsam Erlebtes kreisen. „Weißt du noch, wie wir damals nachts ins Freibad eingestiegen sind?“ Oder ganz wild: „Weißt du noch, wie wir in Gorleben von den Schienen getragen wurden?“ Mit dem Austauschen solcher Geschichten können wir komplette Abende verbringen. Nervig wird es nur, sobald Nicht-Dabeigewesene zuhören. Also nervig für die. Die Erinnerungsflashs sollten uns eigentlich Warnung sein: dass wir nämlich auf dem besten Weg sind, genauso zu werden wie die tatsächlich alten Menschen, die andauernd von früher erzählen. Doch wir sehen es noch nicht.

Es ist die Lebensphase, in der sich Marotten und Ticks herausbilden. Mit 31,5 Jahren, diese Zahl ist jetzt nicht ausgedacht, hören wir durchschnittlich auf, uns für neue Musik zu interessieren. Wir hören einfach immer wieder unser altes Zeugs. Vielleicht ist es beginnender Kauzigkeit geschuldet, aber auch einer Bequemlichkeit, die sich einschleicht. Landgasthof ersetzt Hostelschlafsaal. Zu dieser Bequemlichkeit gehört auch die Selbsttäuschung, man könne jetzt sowieso nichts mehr radikal ändern in seinem Leben, schon gar nicht etwas riskieren und noch mal von vorn anfangen. Irgendjemand muss doch die Blumen gießen.

Weichen wurden gestellt, Entscheidungen getroffen, die Konsequenzen sind nun zu tragen. Die große Frage, die jetzt noch bleibt, ist die nach Familie. Alle anderen klingen dagegen banal. Gehe ich zum 20-jährigen Abitreffen oder scheue ich den Vergleich? Lohnt sich mit 35 noch ein Bausparvertrag? Warte ich noch ein bisschen mit den Vorsorgeuntersuchungen? Hund oder Katze?

Wer sich fürs Abitreffen entscheidet, dem wird auffallen, dass einige von uns schon gestorben sind. Und es sind nicht unbedingt diejenigen, die sich wenig bewegten oder schlecht ernährten oder S-Bahn surften. Es kann jeden treffen. Es ist schrecklich.

In meiner Heimat Bonn gab es eine Band namens „Joint Venture“, die im Laufe der Jahre einige kleine Hits hatte. Der Sänger hieß Martin Simon, ein lustiger Kerl, er schrieb zum Beispiel den Refrain: „Ich kann dem Tod gelassen ins Auge sehn. Ich werd jedenfalls älter als Kurt Cobain.“ Wir haben gelacht. Martin Simon ist dann im Alter von 33 an einem Herzinfarkt gestorben.

Es werden immer die Jüngeren beneidet, egal welches Alter man erreicht.

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Menschen in ihren Dreißigern haben die Angewohnheit, Menschen in den Zwanzigern zu beneiden. Diese Träumer wissen ja gar nicht, wie gut es ihnen geht!

Es wäre großartig, wenn wir Überdreißigjährigen an diesem Punkt zu Transferleistungen fähig wären. Wenn wir heute antizipieren könnten, wie neidisch wir in ein paar Jahrzehnten auf Menschen blicken werden, die dann in ihren Dreißigern sind. Und uns deshalb heute daran erfreuen, wie gut wir aktuell noch laufen, sehen, hören können. Wie herrlich das Leben mit arthrosefreien Knien ist. Aber Pustekuchen. Der Mensch funktioniert so nicht.

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