Der Meilenstein der 50er Umwertung aller Werte 

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Fatina Keilani schreibt als Redakteurin für den Tagesspiegel.

Ende 40, Anfang 50, das ist die Zeit der Befreiung. Die Kinder sind groß oder groß genug, das leere Nest wird von manchen als Verheißung empfunden, von anderen als Bedrohung. Man zieht eine Zwischenbilanz, setzt neue Ziele.

Wenn das Leben eine Reise zu sich selbst ist, dann kommt man zwischen 40 und 50 so langsam in die Spur. Nein, das Ziel ist noch nicht erreicht, aber es wird allmählich sichtbar. Schließlich hat man sich unterwegs auch mal verfahren - falsche Entscheidungen getroffen, die Liebe (oder was man dafür hielt) hat einen auf Abwege geführt, und manchmal war man so benebelt, dass völlig unklar war, wo oben und unten ist. Wer die 50 einigermaßen munter erreicht hat, der hat es gut und schlecht zugleich.

Das Schlechte zuerst: Mit 40 konnte man noch nicht sicher sein, ob das Bergfest schon hinter einem liegt - mit 50 kann man es, denn nur die wenigsten werden 100.

Mit 50 blickt man der eigenen Sterblichkeit ins Auge.

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Das bedeutet auch: Man blickt der eigenen Sterblichkeit ins Auge. Die Perspektive verschiebt sich, es ist jetzt ein Denken „vom Ende her“, und das ändert alles. Wie nach der Sonnenwende fällt der Schatten in die andere Richtung. Es kommt zu einer Neubestimmung aller Werte. Materiell sind die meisten abgesichert, hart ranklotzen für die Karriere müssen sie auch nicht mehr, nun drängen sich Fragen auf: Was anfangen mit dem Rest?

Jetzt das Gute daran: Was man unbedingt noch tun will, noch geht es. Körperlich kann man in der Regel alles schaffen, die Bergtour, die Weltreise. Wenn man etwas noch erleben will, und sei es, um das Unterlassene auf dem Sterbebett nicht zu bereuen, dann jetzt. Manche haben Jahre nur funktioniert und wollen sich überhaupt mal spüren.

Die äußeren Zeichen zeigen, dass ein grundsätzlicher Umbruch stattfindet.

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Kleine Anzeichen: Frauen melden sich für Salsa-Kurse an oder entdecken Yoga, Männer kaufen sich ein Rennrad oder fangen das Laufen an. Das sind nur die äußerlichen Zeichen für einen grundsätzlichen Umbruch, der oft größere Veränderungen nach sich zieht.

Frauen sind mit 50 auf dem Höhepunkt ihrer Geisteskraft und körperlich fit. Sie wissen Bescheid und lassen sich nicht mehr von jedem Trottel irgendwelchen Unfug weismachen. Sie haben frische Reserven, weil die Kinder nicht mehr alle Kraft absaugen, und brennen darauf, ihr Gehirn wieder einzuschalten. Sie wollen entdecken, was ihnen nun noch alles gelingt. Sie sind attraktiv, mit sich im Reinen und fragen sich auch nicht mehr zweimal am Tag, ob ihr Arsch zu fett ist. Sie staunen, was alles möglich ist. „Was weg ist, ist weg“ gilt hier nämlich nicht. Die Kraft, das Leben selbstbestimmt zu gestalten, kommt wieder, wie Muskeln durch Training.

Wer sein Leben ändert, der ändert sich selbst, und die Perspektiven weiten sich. Frauen mit 50 haben oft Jahre ihres Lebens und unglaubliche Mengen Kraft in die Familie investiert, in die Kinder, das Leben zu Hause, die Logistik. Bei vielen war das Dasein geprägt von Geben, Geben, Geben, und von Zweifeln: Mache ich das richtig? Vermittele ich die richtigen Werte, und bin ich dabei glaubwürdig? In der Rückschau habe ich unfassbar viel falsch gemacht, natürlich mit den besten Absichten. Vermiedene Konflikte schaden auch. Gut gemeint ist eben nicht gut.

Beziehungen profitieren davon, wenn man mit sich selbst im Reinen ist.

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So geht es vielen. Das Leben geht weiter. Jetzt sind die Kinder groß, mit Glück sind sie halbwegs wohlgeraten, die Frau hofft, dass sie ihre Pflicht gut erfüllt hat, jedenfalls ging es auf Kosten der eigenen Substanz. Jetzt kommt die Kür! „Ich habe es verdient“, denken viele, als ob man sich ein schönes Leben überhaupt verdienen müsste. An sich selbst zuerst zu denken, hätte ihnen vorher ein schlechtes Gewissen bereitet, dabei wäre das das Richtige für alle gewesen. Kinder und Beziehung profitieren davon, wenn die Mutter mit sich im Reinen ist - das gilt genauso für den Vater.

Ich zum Beispiel habe zwölf Ehejahre lang ständig Kuchen gebacken, weil die Schwiegereltern zum Kaffee kamen, und Braten in die Röhre geschoben, die ich dann nicht mitessen konnte, weil ich danach zum Wochenenddienst ins Büro musste. Ich wollte die perfekte Ehefrau und Schwiegertochter sein. An sich koche und backe ich gern, aber ich habe es aus den falschen Gründen getan, und das tat niemandem gut.

Mit 50 fragt sich jeder, ob das eigene Leben das ist, was man führen möchte.

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Um die 50 kommt der Punkt, wo sich jeder - egal ob Frau oder Mann - fragt: Ist das Leben, das ich führe, das Leben, das ich will? Und ist die Figur, die ich hier abgebe, die, die ich den Kindern vorleben will?

Zumindest ich will meinen Kindern vermitteln, dass man sein Leben nicht erdulden muss, sondern dass man es gestalten kann. Ich sehe sie zu Persönlichkeiten heranwachsen, sich abnabeln, was gebe ich ihnen mit? Hoffentlich habe ich sie stark genug gemacht, ihre Grenzen zu setzen, sich selbst zu achten und sich von niemandem beherrschen zu lassen.

Zwischen 40 und 50 ist die Lebensunzufriedenheit am größten. 

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Lebe ich oder werde ich gelebt? Besitze ich die Dinge oder besitzen sie mich? Erfülle ich meine Erwartungen oder die der anderen? Auch statistisch ist belegt, dass zwischen 40 und 50 die Lebensunzufriedenheit der Menschen am größten ist. Während Männer jedoch mehrheitlich bequem und genügsam sind - sie suchen sich vielleicht eine Affäre, bleiben dann aber doch zu Hause -, bauen Frauen ihr Leben gründlich um. Sie haben auch Affären, ziehen aber andere Konsequenzen daraus. Sie streben nach Aufbruch und Erneuerung, wissend, dass es sie erst einmal weitere Zeit und Kraft kosten wird, und nehmen das in Kauf. Sie haben Ängste und überwinden sie.

Frauen fällt es leichter sich den Problemen zu stellen.

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Es gibt einen Trennungsboom bei den Um-die- 50-Jährigen, und meist geht die Trennung von den Frauen aus. Sie wollen es noch mal wissen. Sie gehen aktiv an die Sache heran. Klugerweise lassen sich viele dabei helfen - und suchen sich einen Therapeuten. Das Gespräch mit einem guten Therapeuten (egal ob Frau oder Mann) kann hilfreich sein, um sich selbst kennenzulernen, sich seine Sehnsüchte und Wünsche einzugestehen, die eigenen Verstrickungen aufzulösen und sich von den Verhaltens- und Denkmustern zu befreien, mit denen man sich selbst am Fortkommen hindert. Auch das fällt Frauen oft leichter: sich zu stellen. An sich arbeiten wollen heißt ja auch, bei sich selbst nach Fehlern zu suchen - für Männer keine leichte Sache. Dabei geraten Männer genauso schwer in die Krise, besonders, wenn sie verlassen werden. Auch sie müssen ihre Perspektiven, Ziele und Werte neu definieren.

Diese Phase bedeutet psychische Schwerarbeit, und nicht alle kommen geläutert heraus. Wer das Angebot zu nutzen weiß, dem macht die Solidargemeinschaft in der Lebenskrise ein Riesengeschenk: Psychotherapie bezahlt die Krankenkasse. Die Praxen sind voll von Leuten in der Altersklasse zwischen 40 und 50.

Am Ende lohnt sich das Wagnis meist. Wer bei sich angekommen ist, kann sich ganz anders auf andere einlassen. Mancher hat erst dann die Chance auf eine wirkliche Liebesbeziehung.

Fazit: In den Jahren zwischen 40 und 50 baut sich innerlich etwas auf, und es kommt der Moment, Bilanz zu ziehen. Die einen sind vielleicht dankbar für ihre Liebe, ihr Leben, ihren Partner. Wer zu diesen Glücklichen gehört, den beneide ich ohne Missgunst. Ich wünschte, es wäre so gewesen. Alle anderen haben die Chance, den Neustart einzuleiten: Reset

2 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Angelika Syring
    Ich stimme dem Vorkommentar fast ausnahmslos zu und auch der Autorin. Es wurde nur vergessen, dass heutzutage auch die eigenen Eltern immer älter werden und -zumindest bei mir war es so- dass ich meine Mutter bis zu ihrem Tod im letzten Jahr 11 Jahre lang gepflegt habe. Das Kind war aus dem Haus, dann gab es ein paar Jahre Neu(er)Findung und dann die Pflege der Eltern. Jetzt setze ich alles dran, damit ich nicht pflegebedürftig werde (erwähnte Yogakurse, Rad fahren, ehrenamtlich aktiv sein und gesund leben) und meinem Sohn nicht zur Last falle.
  2. von Markus Berinig
    Ich stimme der Autorin in großen und ganzen zu. Es ist aber nach meiner Beobachtung und eigenen Erfahrung (bin 55) nicht so sehr der Geburtstag. Richtig "alt" gefühlt habe ich mich an anderen Ereignissen: Als ich das erste mal von jüngeren gesiezt wurde (als 25jähriger, von ca. 17jährigen Mädchen in der Disco) und als ich 30 wurde. Der nächste große Einschnitt, aber der massiv, war, als meine Mutter letztes Jahr starb und mein Vater ins Heim mußte. Auf einmal bin ich in der Familie das, was meine Eltern früher waren: Die älteste Generation, die letzte Instanz. Mein Sohn, der mich seit seinem 12. Geburtstag nur mit dem Vornamen anredete, nennt mich seit einiger Zeit wieder "Papa" und will ständig meinen Rat, anstatt mit zu bedeuten, daß ich nur peinlich bin und nerve. Ich dagegen frage mich oft, wen rufe ich nun an, wenn ich bei einem Kochrezept nicht mehr weiterweiß oder schnell wissen will, was gegen Wespenstiche hilft, wenn nicht meine Mutter? Die kann nicht mehr antworten. Das streßt, man spürt eine Verantwortung, die neu ist. Und mit diesem Tod kam auch zu mir die Erkenntnis: Du wirst alt. Noch 30 Jahre, dann bist Du so alt wie deine Mutter, als sie starb.
    Ich werde noch einige Jahre brauchen, um den Tod als das anzunehmen, was er ist: Einen Freund, der einen nie vergißt. Aber eins kann ich auch sagen: Es ist eine Last weniger, wenn man von sich, ohne es zu bedauern!, sagen kann: Ich bin nicht mehr jung.
    Kinder helfen dabei enorm. Meine kinderlosen Bekannten tun sich mit dieser Lebensphase sehr viel schwerer.