Die wilden 20er  Mein Leben als Fragezeichen

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Journalistin

Expertise:

Ann-Kathrin Hipp ist Volontärin beim Tagesspiegel.

Die Jahre zwischen 20 und 30 sind die schwierigsten, sagen Studien. Es müssen wichtige Entscheidungen getroffen und die Fragen nach der Zukunft gestellt werden. 

Irgendwann kommt dieser Moment. Da liegt man abends im Bett, hat vielleicht ein oder zwei Gläser Wein getrunken und zu viele Gedanken im Kopf. Hört, wie Müller-Westernhagen von Freiheit singt, dem Einzigen, was zählt, und denkt, ohne dass sich auch nur das Geringste verändert hätte, ist es jetzt wohl da, das richtige Leben. Man ist twentysomething, hat einen oder mehrere Abschlüsse in der Tasche, hat Praktika oder Auslandssemester gemacht, zwischendurch vielleicht ein bisschen die Welt erkundet und irgendwo auf dem Weg in die Gegenwart die Phase, in der alles easy war, hinter sich gelassen. Jetzt sind sie da, all die Möglichkeiten, von denen man immer geträumt hat und die man sich nicht hätte ausdenken können. Man kann nächtelang tanzen. Bis die Wolken wieder lila sind. Pizza zum Frühstück und Müsli am Abend essen. Die Welt bereisen. Umziehen. Sesshaft werden. Single sein. Sex-Dates haben. Sich verlieben. Jahrmarkt der Möglichkeiten. „Freiheit - Freiheit“, singt die rauchige Westernhagen-Stimme, „ist das Einzige, was zählt.“ Das klingt wunderbar. Zumindest in der Theorie. In der Praxis muss man dann allerdings rausfinden, wie man mit der neu gewonnen Freiheit eigentlich umgehen will.

Und schon stellen sich da ein paar Fragen.

Was ist Glück? Was Liebe? Woran merkt man, dass die Zeit begonnen hat zu rennen und wann, dass man erwachsen ist? Erwachsen, was bedeutet das? Wer will das schon definieren? Wie will ich den Rest meines Lebens verbringen? Sagen wir, ich will einen guten Job, ist gut dann gleichzusetzen mit gutem Gehalt? Oder gut im Sinne von sinnvoll? Welcher Sinn? Warum muss ich das überhaupt alles wissen? Muss ich das? Oder will ich? Glück, das muss sich doch irgendwie definieren lassen. Ach Marius, halt den Mund.

In den Mittzwanzigern ist das Bedürfnis da, aufzurechen und zu vergleichen, ob das Leben den Erwartungen entspricht. 

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Die Jahre zwischen 20 und 30 sind die schwierigsten im Leben. Zumindest sagen das diverse Studien. Die beiden amerikanischen Journalistinnen Alexandra Robbins und Abby Wilner haben vor einigen Jahren Interviews mit mehr als 200 jungen Menschen in den Zwanzigern geführt, die trotz guter Zukunftsaussichten unglücklich oder verängstigt waren. Die Ergebnisse ihrer Befragungen haben sie in dem Buch „Quarterlife Crisis“ zusammengefasst. Die Sinnkrise der Mittzwanziger, schreiben sie, „ist möglicherweise die einzige Phase, in der die Menschen sich wirklich gnadenlos nach ihrer Zukunft fragen und danach, wie sie sich aufgrund ihrer Vergangenheit entwickelt“. In der plötzlich zum ersten Mal das Bedürfnis da ist, aufzurechnen und zu vergleichen, ob das Leben den Erwartungen entspricht. Man will glücklich sein, klar. Aber jetzt, da hat man das Glück eben zum ersten Mal so richtig selbst in der Hand. Also: Was habe ich bisher geleistet und warum andere alles besser?

Es scheint gesellschaftlicher Konsens, dass man bis 30 was erreicht haben und wer sein sollte. 

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Ich hatte für die Jahre des Erwachsenwerdens immer einen konkreten Plan. Hatte alles ausgetüftelt bis zu meinem 30. Das war die erste große Deadline. Mein Großvater hatte mir irgendwann, da war ich vielleicht zehn, mal erzählt, dass mein Vater nie 30 werden wollte. Dass er immer das Gefühl hatte, das Leben sei dann vorbei. Hat sich irgendwie eingebrannt. Außerdem schien es schließlich gesellschaftlicher Konsens, dass man bis dahin was erreicht haben und wer sein sollte. Dass da auf der Was-ich-im-Leben-will-Liste die ersten Punkte abgearbeitet sind, und man weiß, wo die Häkchen noch fehlen.

Also habe ich mir in unserem Dorf irgendwo zwischen Spielplatzabenteuern und dem ersten Kuss das Erwachsenenleben gemeinsam mit meinen besten Freundinnen ausgemalt: Ich würde in den Zwanzigern studieren, eine Weltreise machen, einen Job als Journalistin finden. Ich würde den für mich perfekten Mann kennenlernen, mit ihm einen Hund und ein Haus kaufen, am besten am See, heiraten, eine lässige Hochzeitsparty schmeißen, auf der alle wild tanzen. Außerdem würden der Mann und ich zwei bis drei Kinder haben. So unkompliziert, so klischeehaft. So kannten wir es aus unserem Umfeld, so erzählten es uns die Hollywoodfilme. So würde es bestimmst irgendwann einmal kommen. Es waren ja auch noch mindestens zwei Ewigkeiten Zeit.

Mit 25 ist die soziale Reifung weitestgehend abgeschlossen. 

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Jetzt bin ich 25. Ein Alter, mit dem sich gut rechnen lässt. Die Hälfte von 50, ein Viertel des Lebens, wenn man die 100 schafft. Der Neurologin Kerstin Konrad zufolge das Alter, in dem die soziale Reifung, also die Zeit, in der wir werden, wie wir sind, weitestgehend abgeschlossen ist. Das mit dem Journalistendasein hat geklappt. Ein paar tolle Reisen auch. Allein mit dem Rucksack durch Ghana und Südamerika. Und sonst? Der Mensch plant, das Schicksal lacht und der Mensch lacht mit und denkt darüber nach, warum er all das eigentlich so geplant hatte. Deadline verschoben. Viel zu viel los. Viel zu viele Wünsche und Ideen, die nicht zueinander passen oder erst gar nicht genau zu definieren sind. In Amerika gibt es diese Abkürzung: FOMO. Fear of missing out. Die Angst etwas zu verpassen. Egal, was man wo und wie macht: Geht's nicht noch ein bisschen besser?

Es ist die Ambivalenz, die dieses Alter prägt. Irgendwo zwischen Sicherheit und Abenteuer, zwischen „Ich will endlich wissen, ob der Plan klappt. War doch ein guter!“ und „Egal! Ich habe gerade eh Besseres zu tun. Noch bin ich jung.“ Mit Plänen ist das jetzt so eine Sache. In der Rushhour des Lebens lohnt es, flexibel zu sein, oder zumindest zu versuchen, flexibel zu werden. Das mindert ein wenig den Druck, wenn mal was nicht läuft, wie gedacht.

Der Psychologe Claus Koch bezeichnet die Zeit, in der man erwachsen wird, als Odysseejahre. Eine Phase, in der viel endet und neu beginnt. In der vieles noch nicht ist, aber gerade wird. Man bewege sich zwischen Optionen hin und her und doch nach und nach auf ein bestimmtes Ziel hin. Ganz so, wie Odysseus mit seinem Schiff und seinen Gefährten im antiken Epos. Mit der Freiheit kommt auch die Verantwortung. Mit der Wahl die Pflicht.

Man muss sich überlegen, was man will, oder zumindest, wie man das herausfindet. 

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Es ist jetzt an der Zeit, das Leben ein bisschen zu ordnen und Entscheidungen zu treffen, für oder gegen Dinge, für oder gegen Menschen und Aktionen, von denen man nicht weiß, ob sie richtig sind, oder von denen man vielleicht sogar genau weiß, dass sie definitiv falsch sind. Ist es nicht trotzdem einen Versuch wert? Seien wir Realisten, versuchen wir das Unmögliche. Hat schon Che Guevara gesagt. Impossible is nothing, erklärt uns heute Adidas. Man muss sich überlegen, was man will, oder zumindest, wie man das herausfindet. Privat, beruflich, politisch. Jetzt vielleicht mehr als nie. Mit 15 ist man einfach verliebt. Mit 25 hat man zwei, drei, vier gescheiterte Beziehungen hinter sich und wird immer skeptischer bei der Frage: Ist mein Partner die Person, mit der ich noch lange Zeit zusammen sein will, kann, werde?

Die Erwartungen sind hoch. Man will den Ansprüchen gerecht werden. Den eigenen. Bestimmt auch denen der Eltern. Passen die überhaupt zusammen? Aus dem Erwachsenseinwollen wird langsam aber stetig das Erwachsenseinmüssen.

Dabei hat sich verändert, was in den Zwanzigern passiert. Als meine Mutter in meinem Alter war, war ich bereits auf der Welt. Bei meinen Großmüttern sah das nicht anders aus. Ausbildung, Beruf, man hat früh geheiratet, hat ein Haus gekauft, ist sesshaft geworden. Der Lebenslauf war klar getaktet. Aus Mädchen und Jungen wurden schnell Mann und Frau wurden Väter und Mütter.

Viele wichtige Lebensereignisse fallen inzwischen auf die Dreißiger. 

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Heute wohnen 21 Prozent der Frauen und 34 Prozent der Männer mit 25 Jahren noch bei ihren Eltern, zeigen Daten des Statistischen Bundesamts. Ein Grund ist, dass die Ausbildungszeiten immer länger werden. Auch Heirat und die Geburt des ersten Kindes - sofern man sich dafür entscheidet - fallen auf die Dreißiger. Im Schnitt schwören sich die Menschen mit 38 die ewige Liebe, 1970 taten sie das zehn Jahre früher.

Das Leben zwischen 20 und 30 ist auch die Zeit der unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Wenn ich mich bei alten Klassenkameraden umschaue, gibt es sie immer noch, die Menschen, die den traditionellen Lebensweg gewählt haben und glücklich sind. In meinem Freundeskreis wird es, da bin ich mir sicher, bald die ersten Anträge geben. Gruselig schön. Aber nicht die Regel. Die meisten studieren noch. Eine Freundin erkundet die Welt, einer hat sein Studium abgebrochen und absolviert ein Praktikum nach dem anderen, irgendwo auf der Suche nach sich selbst. Einer ist in die Schweiz ausgewandert, um Karriere zu machen. Manche sind Vollblutsingles, andere haben offene Beziehungen. Manche spielen Tinder durch, andere vielleicht Mario Kart. Fast jeden hat man irgendwann mal beneidet. Aus irgendwelchen Gründen. Was wäre gewesen, wenn...? Was soll's. Weiß eh keiner.

1 Kommentar - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Gabriele Flüchter
    Das Doppelte von 25 schon überschritten, freue ich mich über den Beitrag von Ann-Kathrin Hipp, denn über die 25Jährigen wird wenig geschrieben, scheint mir. Keine Kinder, keine Teenager, keine Familien - die 25 liegt so dazwischen.
    Als ich 25 war, war die Mauer gerade gefallen, die Sowjetunion stand noch, ich studierte und quälte mich durch das Vordiplom, träumte vom Ausland - ging nach England und saß im Studentenwohnheim zwischen 17Jährigen Engländern und Auslandsstudenten in meinem Alter.
    R. und ich lachten, wenn unsere chinesischen Freundinnen sangen und beteten - diese waren soeben zum Katholizismus übergetreten und legten einen Eifer an den Tag, wie nur "Neulinge" es tun - R. kam aus einem katholisch geprägten italienischen, ich aus einem deutschen Dorf. R. und ich überlegten, wir hatten bis dahin nur Männer geliebt, ob wir auch lesbisch sein könnten - wir mochten uns, trauten uns aber nicht, es zu versuchen.
    R. gab die Idee, Lehrerin zu werden auf, entschied Soziologie und Geschichte zu machen - ich warnte sie wegen der beruflichen Unsicherheiten, selbst entschied ich, Lehrerin zu werden - vielleicht.
    Heute ist R. wieder in ihrem Dorf, hat einiges von der Welt gesehen, beruflich aber ist es schwierig geblieben.
    Ich war Lehrerin und bin pensioniert. Etwa mit 35 besuchte mich R. in Berlin, wir waren vom Morgen bis in die Nacht unterwegs - mussten uns wohl beweisen, noch wie 25 zu sein, waren wir aber nicht - R. wurde schlecht am letzten Tag.
    Zuhause wohnen war verpönt, als ich 25 Jahre alt war, elterliche Erwartungen erfüllen war auch verpönt. Ich war links, hatte ausländische Freunde, die deutschen Freunde waren Grübler oder Träumer. Irgendwie musste Freiheit möglich sein, aber wie? Es ging darum, immer darum, bloß nicht sowas wie an der Bank, da hatte ich gelernt.

    Die Uni verhieß diese Freiheit, bot sie aber stellentechnisch nicht an. Die 25jährigen heute kommen mir angepasst vor,
    "Mother´s finest" und gestresster,als ich es damals gewesen bin.