Die prekären 50 bis 60er  Die Grausamkeit des Wörtchens "noch"

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Werner van Bebber arbeitet als Reporter beim Tagesspiegel.

Noch im Berufsleben. Noch ganz gut bei Kräften. Noch wohnen die Kinder zu Hause. Noch lebende Elternteile. Das alles wird sich ändern, manches sogar sehr schnell.

Die Frage war nett gemeint, der Freund fragte aus Interesse: „Und? Wie lange hast Du noch?“ Es war das erste Mal, dass einer das Ende der Berufstätigkeit ansprach. Die Frage hatte es in sich. Sie enthielt eines der drei Wörter, die in den Jahren von 50 bis 60 von fundamentaler, geradezu lebensphilosophischer Bedeutung sind: das Wort „noch“.

 

Noch im Berufsleben. Noch ganz gut bei Kräften. Noch wohnen die Kinder zu Hause. Noch lebende Elternteile. Noch keine Beeinträchtigung durch Schwerhörigkeit, Herzschrittmacher, Inkontinenz. Das Leben, insgesamt, geht noch ganz gut.

Aber das „noch“ bedeutet: Das alles kann und wird sich ändern, manches sogar sehr schnell. Wer „noch“ denkt und ausspricht, weiß das.

In den Jahren von 50 bis 60 gibt es drei Wörter von fundamentaler Bedeutung: "noch", "nicht" und "mehr".

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Die beiden anderen Wörter von fundamentaler, geradezu lebensphilosophischer Bedeutung haben, wenn man so will, sogar die doppelte Kraft von „noch“. Denn sie kommen immer zu zweit, und sie versperren einem den Weg zurück. Sie heißen „nicht“ und „mehr“. Man wird wohl nicht mehr Bundeskanzler (wollte man auch gar nicht). Der jüngere Sohn hat angekündigt, „nicht mehr“ mit Eltern oder Elternteilen verreisen zu wollen. Man reagiert beim Sport nicht mehr so schnell. Ein Elternteil (die Mutter) lebt schon lange nicht mehr. Zerrungen und blaue Flecken verschwinden nicht mehr innerhalb von wenigen Tagen, sie brauchen Wochen. Das Leben lässt einen, mal schmerzhaft, mal scherzhaft, fühlen und wissen: Man ist nicht mehr der Jüngste. Freundlich gesagt.

Unfreundlich gesagt, bleiben von der Zeit, die vor Jahrzehnten unermesslich lang erschien, noch dreizehn Jahre. Statistisch gesehen, werden Männer, die am Ende der 50er Jahre geboren sind, 72 Jahre alt. Ohne undankbar sein zu wollen: So richtig viel Zeit ist das nicht mehr.

Man muss sich mit Gedanken vertraut machen, dass einem nur noch ein Drittel des Lebens bleibt.

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Wenig bis nichts spricht dafür, dass man beinahe die Geschichte eines ganzen Jahrhunderts miterlebt, wie Helmut Schmidt - und also die komplette zweite Hälfte noch vor sich hat. 50 bedeutet: Man muss sich mit dem Gedanken vertraut machen, dass vielleicht schon zwei Drittel des Lebens vorbei sind. Ein Drittel, das ist nicht mehr so viel.

Aber was sind schon Statistiken nach so viel Glück, das man hatte. Kein Krieg oder Bürgerkrieg, den man überleben musste. Zwei Söhne, mit denen man schon (schönes Wort!) so viele Jahre verbringen durfte, Jahre mit zahllosen Glücksmomenten. Überhaupt: die Fähigkeit, Glück zu empfinden und sich daran zu erinnern. Kinderglück. Schülerglück. Verliebtenglück. Studentenglück. Leseglück. Schreibglück. Liebesglück. Berufsglück. Noch mehr Liebesglück. Tränengelächterglück. Sportglück. Wie schrieb die kluge und lachbereite Sibylle Berg mal sinngemäß über das, was ein Leben zu einem guten machen kann: Wo man lebt. Mit wem man lebt. Was man macht. Das liest sich leicht und simpel, ist aber nicht leicht zu machen. Manchmal hat alles gepasst, über Wochen und Monate und Jahre. Ohne „noch“ und „nicht mehr“.

Die meisten Leute fühlen sich nicht so alt, wie sie laut Geburtsdatum sind.

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Was für ein Altmännersound! Als wäre das Leben mit Ende 50 vorbei! Als wäre man dauerhaft beleidigt darüber, dass man sich selbst nicht mehr glaubt, man fühle sich doch nicht wie Ende 50. Angeblich fühlen sich die meisten Leute nicht so alt, wie sie laut Geburtsdatum nun mal sind. Mit Ende 50 glaubt man das den anderen allerdings nicht mehr so ganz - und sich selbst schon gar nicht. Man bemerkt doch an den anderen, den Generationsgenossen, dieses leichte Hinken, die nachlassende Körperspannung, die vorgebeugte Haltung und bei manchen den totalen Kontrollverlust über den Body-Mass-Index.

Die Gegenwart ist keine schlechte Zeit um alt zu werden.

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Zu den Jahren zwischen 50 und 60 gehört bei vielen offenbar, dass sie diese Anzeichen von Verfall an sich zugleich hellwach wahrnehmen und komplett ignorieren. Motto: Ist alles nicht so schlimm - noch nicht. Und hat man nicht in diesem wunderbaren Beruf - noch -, Leute kennen- gelernt, die mit Anfang 60 das Klettern angefangen haben? Oder die mit 73 noch den perfekten Spagat und hammerhartes Karate praktizieren? Hat man. Der Satz, 50 sei das neue 40 und 60 das neue 50, ist zwar Humbug (auch wenn sich eine Menge Leute anziehen, als sei 60 das neue 18). Tatsache ist aber, dass sich ältere Leute mehr trauen als früher, dass sie weniger vorsichtig sind, weniger steif, weniger reduziert auf eine Vorstellung vom Ältersein. Das hat man mit Ende 50 schon mitbekommen. Und jetzt macht einem Mut, was man da gesehen hat: Die Gegenwart ist ganz offensichtlich keine schlechte Zeit zum Älterwerden.

Das „nicht mehr“ hat schließlich auch eine gute Seite: Es nimmt Unruhe und Ungeduld aus dem Leben. Unruhe, Ungeduld waren früher viel stärker, manchmal sogar beherrschend. Bis man verstanden hat, dass sie nichts bringen und oft mehr schaden als nutzen - sich und anderen. Vielleicht ist das der Gedanke, für den man (jedenfalls man selbst) 50 werden muss.

Einige Dinge fallen einem mit dem Alter leichter.

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Und es gibt noch ein paar Vorteile: Dinge fallen einem leichter - noch. Das Leben verstehen, politische Entwicklungen und Entscheidungen einordnen. Das Verstehen von Abläufen in der Politik zum Beispiel: Es fällt einem leichter, darüber zu schreiben, gelegentlich auch zu urteilen. Man nennt es Erfahrung.

50 ist eine einschüchternde Zahl. Sie ist nicht zu vergleichen mit 18 und der Freiheit; mit 30 und dem Jetzt geht es los; mit 40 und dem sicheren Gefühl, gut und in der richtigen Richtung unterwegs zu sein. 50, das halbe Jahrhundert, hat etwas Altes. Manche feiern das mutig; andere Leute gehen möglichst unauffällig über diese Grenze. Oder einfach zum Training. Das schien mir der richtige Umgang mit einem Datum zu sein, das mich weder mit Freude noch mit Stolz erfüllte und auch nicht mit großer Dankbarkeit.

Krisen bringen einen immer wieder neu zum nachdenken.

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Politik hat auf die eigene Lebenszeit gewirkt. Die vergangenen zehn Jahre waren Krisenjahre: Finanzkrise, Griechenlandkrise, Flüchtlingskrise, Krise der Parteiendemokratie. Womöglich war bei so vielen Krisen keine Zeit für eine Midlife-Crisis. Das Interessante an Krisen: Sie perforieren politische Überzeugungen. Anders gesagt: Sie bringen einen immer wieder neu zum Nachdenken. Eine gute Sache - so lange einen die Krise nicht unmittelbar betrifft und einem die materielle Lebensgrundlage oder die Freiheitsrechte abhanden kommen.

Zur Erfahrung gehört, dass Zeiten, die einem selbst prägend und besondern erschienen sind, anderen nichts bedeuten.

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Mit fast 60 ist man in einem Alter, in dem man Erfahrungen, Meinungen, Überzeugungen mehr oder weniger wortreich historisch herleiten muss - oder kann. Damals, die Gründung der Grünen - wusstest du, dass die ganz am Anfang ein stockkonservatives Projekt waren, dessen Erfinder, ein Ex-CDU-Mann, halblaut über eine Öko-Diktatur nachdachte? Die Zeit im geteilten Berlin, als man die Mauer einfach gar nicht mehr wahrnahm und an die hinter der Mauer möglichst wenig dachte. Oh, super, der Vormann der „Talking Heads“ spielt im Tempodrom, David Byrne, nicht bloß ein toller Musiker, nebenbei auch ein Musterbeispiel für die Energie des eindrucksvollen Alterns. Sollte man nicht versuchen, noch eine Karte zu bekommen? Der 20 Jahre jüngere Kollege, der so viel von Musik versteht, sagt: „David wer?“ Zur Erfahrung gehört, dass Zeiten, die einem selbst prägend, packend und besonders erschienen sind, anderen nichts bedeuten, gar nichts.

Ach so ja: Und? Wie lange noch bis zur Rente? Keine Ahnung, noch eine längere Reihe von Jahren, hoffe ich. Die Ansage ist: offen bleiben. Je älter, desto offener.

1 Kommentar - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Marc Schönberg
    "Statistisch gesehen, werden Männer, die am Ende der 50er Jahre geboren sind, 72 Jahre alt"

    Diese Aussage trifft nicht zu. Laut statistischem Bundesamt haben Männer im Alter von 60 Jahren vielmehr noch eine fernere Lebenserwartung von gut 21 Jahren vor sich, bei Frauen sind es sogar fast 25 Jahre.