Die erfüllten 80er Das kostbarste sind die Menschen

Bild von Rita Süssmuth
Präsidentin a.D. Bundestag

Expertise:

Rita Süssmuth ist eine deutsche CDU-Politikerin. Von 1986 bis 1988 leitete sie das Ministerium für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit. Von 1988 bis 1998 war sie Vorsitzende des deutschen Bundestags. Seit 2010 ist sie Präsidentin des deutschen Hochschulkonsortiums der Deutsch-Türkischen Universität in Istanbul.

Altern begrenzt nicht nur, sondern es öffnet auch den Blick, die Dinge neu zu entdecken.Veränderungen beschleunigen sich. Umso wichtiger sind Offenheit und Lernen.

Älter werden gehört zum Leben, entscheidend ist, wie wir altern. Alt sein hat viele Facetten, beruhigende und beklemmende, befreiende und ausgrenzende, schöpferische und lähmende. Ambivalenzen und Widersprüche hören nicht auf. Jahrzehnte habe ich mich politisch der Reduzierung des Alters auf Betreuung und Pflege widersetzt. Im Leben der meisten Älteren dominiert heute nicht der Gedanke der Versorgung. Wichtiger ist ihnen, sofern sie nicht schwer krank, dement oder körperlich geschwächt sind, ein möglichst selbstbestimmtes persönliches und soziales Leben zu führen. Dazu gehört die eigene Wohnung so lange wie möglich und Zugehörigkeit, das ist ein tiefes Bedürfnis, nicht allein gelassen zu sein. Ich habe mir gewünscht, möglichst lang aktiv zu bleiben, mich weiter zu entwickeln, weiterhin zu lernen, mit Älteren und Jüngeren in Kontakt zu bleiben.

Die Ängste aus meiner Kindheit haben mich dennoch positiv in meinen menschlichen und politischen Einstellungen geprägt.

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Meine Kindheit und Jugend war geprägt vom Zweiten Weltkrieg mit der täglichen Angst vor Bomben und Zerstörung, den anhaltenden Angstträumen mit den Gesichtern der Getöteten. Das hat mich noch Jahre beunruhigt und gequält.
Diese Ängste haben mich dennoch positiv beeinflusst in meinen menschlichen und politischen Einstellungen. Mein Lebenslauf war weitestgehend ungeplant, mit Ausnahme zweier zentraler Bereiche: Bildung und ständige Weiterentwicklung, präziser gesagt: Lernen bis ins hohe Alter. Ich war schon als Kind wissbegierig, wollte verstehen, fragte nach Erklärungen, war nicht leicht von etwas abzubringen, was ich mir in den Kopf gesetzt hatte, auch nicht durch Strafen.

In meinen ersten Jahren nach dem Krieg spielte nicht Schule, sondern die täglichen Sorgen um Essen und Trinken, Mindestversorgung mit Kleidung und warmer Wohnung die entscheidende Rolle. Klar war aber auch der Wechsel zur höheren Schule, vom Dorf in die nächst größere Stadt, mochte der Weg zu Fuß, mit dem Fahrrad und der Bahn auch noch so weit sein.
Ein wirklich neuer Lebensabschnitt begann für mich mit und nach dem Abitur. Ich wollte Lehrerin werden. Romanistik und Geschichte.

Jede und jeder hat besondere Stärken, auch eine Leuchtkraft, die wir nicht unter den Scheffel stellen sollten.

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Studieren, der Vorstoß in neue Welten, machten mich derart offen und lernbereit, dass ich weniger Erkenntnisbarrieren als Erkenntnismöglichkeiten entdeckte, vor allem in der Philosophie. Der Gedanke, welchen beruflichen Weg willst du einschlagen, beschäftigte mich nicht. Ich hätte immer weiter studieren können, aber der Beruf rückte näher nach dem Examen. Mich begleiteten und förderten gute Professoren. Im Studium habe ich keine einzige Professorin kennengelernt. Es gab sie nicht. Ich traute mir wenig zu, war unsicher, was ich leisten könnte, aber das vergaß ich, wenn ich mich in Literatur und Philosophie vertiefte.
Dazu ein wichtiges Wort von Nelson Mandela, das in den weiteren Lebensphasen, vor allem beim Wechsel von der Universität in die Politik entscheidend wurde: „Unsere tiefste Angst ist nicht, dass wir der Sache nicht gewachsen sind. Unsere tiefste Angst ist, dass wir unermesslich mächtig sind. Es ist unser Licht, das wir fürchten, nicht unsere Dunkelheit.“ Zunächst hat mich der Gedanke Mandelas irritiert. Wie kommt ausgerechnet er nach 27 Jahren Gefängnis auf den Gedanken, dass wir nicht ohnmächtig sind. Ich habe viel darüber nachgedacht. Inzwischen sage ich mir und insbesondere Frauen immer wieder, wir sind nicht schwach und ohnmächtig. Jede und jeder hat besondere Stärken, auch eine Leuchtkraft, die wir nicht unter den Scheffel stellen sollten.
Mein Vater warb noch einmal kurz vor seinem Tod: „Arbeite bitte weiter an deiner Doktorarbeit, schließe sie ab.“ Ich versprach es, tat es zunächst aus Pflicht, aber es ging einher mit neuer Begeisterung. Ich kam Kindern und ihrem Anderssein immer näher, lernte, dass oft die Künstler, die Musiker und Literaten, tiefer schauten, erkannten und verstanden als professionelle Experten.

Die Achtundsechziger wurden für mich wegweisend, eine einschneidende Veränderung.

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Und wieder eine Weggabelung 1964: Ich erhielt das Angebot einer wissenschaftlichen Assistentenstelle an der Universität. Ohne Zögern sagte ich Ja. Und wer unterstützte mich? Mein Partner, bald darauf mein Ehemann. Es folgte harte, erfüllende Arbeit. Die Arbeit im Feld der Hochschule mit jungen Menschen hielt an. Wir lernten um und weiter.
Die Achtundsechziger waren für mich mit ihren andersartigen, fast rebellischen Vorstößen, ihrer individuellen und gesellschaftlichen Kritik eine Herausforderung. Sie wurde für mich wegweisend, eine einschneidende Veränderung. Emanzipation war weit mehr als ein neues Wort. Es war nicht nur der zentrale Zugang gegen Ausgrenzung, Geringschätzung und Unterdrückung der Frauen, sondern ein Weckruf zur radikalen Veränderung meines Denkens in Bezug auf Benachteiligte, ausgegrenzte Minderheiten, Behinderte, Homosexuelle, Migranten und Flüchtlinge. Einforderung der Menschenrechte, Menschenwürde und Menschenpflichten für alle. Wir alle erhielten die Chance, unser Denken und Handeln zu erweitern, neu auszurichten, demokratischer und gerechter, nicht nur als Einzelne, sondern in gemeinsamer Anstrengung und neuer Widerständigkeit. Das erforderte immer wieder neues Denken, Befreiung und Verantwortung.
Und doch muss ich im Alter erleben, wie viel altes Kampf- und Konfrontationsdenken wiederkehrt, wie schnell die Rückfälle sind, von europäischen Gemeinsamkeiten zu nationalen und ausgrenzenden Einseitigkeiten. Was entwickelt sich in meinen Lebenshaltungen? Immer wieder neu anfangen, klar und vermittelnd für die erworbenen Prinzipien einzutreten, nicht aufzugeben.
Die Entscheidung für die Politik, mit fast 50 Jahren, war ein völlig unerwartetes Ereignis. Wissenschaft und Politik, so dachte ich damals und heute, gehören bei allen benennbaren Unterschieden zum Handlungsfeld des Menschen. Beide bewegen sich in der Gegenwarts- und Zukunftsverantwortung. Wir alle sind betroffen und erschrocken, was wir in den letzten Jahrzehnten mit unserem Planeten angerichtet haben. Wir zogen halbherzige Konsequenzen beim Klimawandel. Dabei kann es nicht mehr bleiben, das geht uns alle an, die Jungen wie die Alten. Vernachlässigt wurden auch die existentiellen sozialen Fragen im Transformationsprozess. Verschuldung, Entschuldung, Arbeitslosigkeit, Kinder- und Erwachsenenarmut, das beschäftigt und bedrängt die Menschen, die schon Betroffenen wie auch die, die diese Zukunftsängste umtreiben. Wo bleibt die Solidarität? Geschaut wird auf die Erfolge der Exportpolitik, auf erfolgreiche Wirtschaftspolitik in mehreren Bereichen: innovative Produkte, technische Entwicklungen, insbesondere künstliche Intelligenz. Das digitale Fieber angesichts jüngster Entwicklungen verschob den Blick auf das schnell Machbare, mehr auf die künstliche als auf die menschlich humane Intelligenz, weniger auf das für Menschen und Natur Notwendige.

Bei Älteren wird nur geschaut, was sie nicht mehr können, weit weniger auf ihr Potential.

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Alt werden gehört zum Leben, aber was hat es mit meinem eigenen Leben zu tun? Das Komplexe und Komplizierte nimmt mit großer Beschleunigung zu. Nichtexperten brauchen zunehmend orientierende Beratung, fehlendes Wissen nachzuholen, um aus dem Prozess der kurzfristig erfolgenden Neuerungen nicht herauszufallen. Heute wissen wir, dass wir bis ins hohe Lebensalter, 90 Jahre und mehr, lernfähig sind. Warum wird das nicht stärker praktisch umgesetzt? Diese Erkenntnisse sind nicht nur von Belang für die verschiedenen Altersgruppen, sondern auch für die verschiedenen sozialen Schichten.
Wir betonen bei den Migranten/innen, was diese nicht oder noch nicht können, achten weniger auf ihr Potenzial. Das gilt auch für die gesellschaftliche Sicht auf das Älterwerden. Der Blick ist weit weniger auf das Potenzial der älter gewordenen gerichtet als auf die Defizite, das was sie nicht mehr können. Reduzieren wir Ältere nicht auf Erfahrung, sondern öffnen wir die Augen für ihre kreativen Ideen: ein Beispiel sind die Ideen der Älteren zur Erneuerung der kleinen ländlichen Orte.

Unsere kostbarste Mitgift sind Menschen und Menschlichkeit.

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Ganz entscheidend ist für mich nicht nur das Älterwerden, sondern „jung“ zu bleiben im Denken und Weiterlernen, den Anschluss zu finden an die Veränderungen in der Moderne. Es gilt darin nicht einseitig das Negative, sondern das Positive, das Herausfordernde und weiter zu Verbessernde entdecken zu können. Altern begrenzt nicht nur, es öffnet meinen Blick, die Schöpfung, Natur und Mensch neu zu entdecken, gerade das Positive des Alterns wahrzunehmen, dankbar, zufrieden und demütig zu werden. Unsere kostbarste Mitgift sind Menschen und Menschlichkeit. Die brauche ich nach wie vor. Das Wissen um die begrenzte Lebenszeit macht mich eher aktiver als passiver. Ich habe mehr Zeit zum „freien“ Nachdenken. Für die heutigen Anforderungen mit Gelingen und Versagen. Es bleibt für mich bei dem Selbstanspruch: Immer wieder neu anfangen, auch wenn es morgen vorbei sein könnte. Doch ich hoffe, dass der Tod nicht das Ende, sondern das Andere sein wird, das ich nicht kenne.

Gebe Gott, dass ich keine unzufriedene Lebenspfuscherin werde, sondern fähig bleibe, weiter nach Lösungen zu suchen. Ich mag die großen Schritte, aber wir brauchen auch die kleinen. Dazu noch zwei Gedanken von Antoine de Saint-Exupéry: „Herr bewahre mich vor dem naiven Glauben, es müsste im Leben alles glatt gehen. Schenke mir die nüchterne Erkenntnis, dass Schwierigkeiten, Niederlagen, Misserfolge, Rückschläge eine selbstverständliche Zugabe zum Leben sind, durch die wir wachsen und reifen. Mach aus mir einen Menschen, der einem Schiff mit Tiefgang gleicht, um auch die zu erreichen, die unten sind. Bewahre mich vor der Angst, ich könnte das Leben versäumen. Gib mir nicht, was ich mir wünsche, sondern was ich brauche.“
 

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