Stimme gegen das Kreuz Das Kreuz ist kein Schmuckstück

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Leiter, AG Humboldt Forum der Stiftung Zukunft Berlin

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Leiter AG Humboldt-Forum der Stiftung Zukunft Berlin.

Das Kreuz kann und darf nicht auf seinen ästhetischen Wert reduziert werden, dafür ist seine Symbolik zu gewaltig. Auf der Kuppel des Humboldt-Forums, das in erster Linie ein Zeichen der Offenheit setzen soll, würde ein Kreuz das falsche Signal aussenden. 

Kein Zweifel, die Debatte über das Kreuz auf der Kuppel des Humboldt-Forums ist ein heftiges Sommergewitter, das über Berlin niederprasselt. Endlich kann man den Bürgern und Bürgerinnen wieder beim Denken oder Schimpfen zuschauen, und helle Geistesblitze durchzucken ihr finsteres Grollen. Die Stiftung Zukunft Berlin, die am 18. Mai mit ihrer Presseerklärung die Debatte angestoßen hat, freut sich über die lebhaften Reaktionen und versichert ihren empörten Kritikern, dass die Stiftung wirklich die Zukunft des Humboldt-Forums im Sinn hat, dass sie weder abendländische Wurzeln abtrennen will, noch Blasphemie oder Bilderstürmerei betreibt.

Denen aber, die in den sozialen Medien einfach nur grummeln, man solle gefälligst das im Krieg zerstörte und 1950 gesprengte Berliner Schloss genauso aufbauen, wie es vorher war, denen muss man wieder und wieder sagen: Es wird dort an der Spree nicht das Preußenschloss errichtet, sondern das Humboldt-Forum, das von außen an drei Seiten ziemlich genau so aussehen soll wie das ehemalige Schloss. Ein Alexander und Wilhelm von Humboldt gewidmetes Kulturzentrum entsteht dort, das sich als Veranstaltungshaus und Museum zugleich den Kulturen, den Religionen und Künsten der Welt öffnen soll - wie auch deren politischen, ökonomischen und ökologischen Problemen.

Das Humboldt-Forum soll in erster Linie ein Kulturzentrum werden. 

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Als der Deutsche Bundestag dieses Bauvorhaben 2002 mit großer Mehrheit beschlossen hat, wusste niemand, ob die Höhe der eingehenden Spenden, mit denen die Kosten für die zu rekonstruierenden historischen Bauelemente gedeckt werden sollten, je für die Wiedererrichtung der Kuppel samt Laterne und vergoldetem Kreuz reichen würde. Schließlich war ja auch das Schloss des barocken Bildhauers und Baumeisters Andreas Schlüter bis Mai 1853 bzw. bis zur Einweihung der Schlosskapelle am 18. Januar 1854 ohne Kuppel und Laterne ausgekommen. Dass diese von einem vergoldeten Kreuz gekrönten Würdeformen dann doch unter großer Anteilnahme Friedrich Wilhelms IV. von den Architekten F. A. Stüler und A. D. Schadow errichtet wurden, hatte nach der gescheiterten Revolution von 1848 durchaus eine machtpolitische Bedeutung.

Ein Kuppelkreuz hat eine machtpolitische Bedeutung. 

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In einem der schönsten Beiträge zur Kreuzdebatte hat Franco Stella, der Architekt des Humboldt-Forums, den Versuch unternommen, anhand eines Aquarells nachzuweisen, dass Kuppel und Kreuz nicht als Dank für die gelungene Niederschlagung der Märzrevolution zu deuten seien. Das Bild zeigt die Konfrontation von Militär und der Menge der Aufständischen auf der Nordseite des Schlosses, und auf dem Schloss erhebt sich die noch eingerüstete Kuppelkonstruktion der Firma Borsig. Dass ausgerechnet das Kreuz auf dieser Zeichnung noch nicht zu sehen ist, tut der Argumentation keinen Abbruch. Bloß, es geht hier nicht erst um die Danksagung nach dem Aufstand, sondern schon vorher um die architektonische Demonstration des absoluten Herrschaftsanspruchs im Sinne des Gottesgnadentums. Deshalb wurde -  anders als bei den europäischen Fürstenresidenzen sonst üblich -  die Schlosskapelle in den großen Kuppelraum über der Hauptfassade des Schlosses verlegt, und die Kuppel mit dem Kreuz Christi bekrönt. Das ist eine bauliche Besonderheit des Berliner Stadtschlosses. Selbst auf der Residenz der Würzburger Fürstbischöfe hat man auf ein Kreuz verzichtet.

Das Humboldt-Forum kann als profanes Gebäude verstanden werden. 

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Ein Kreuz auf dem durchaus profanen Gebäude des Humboldt-Forums erhöbe sich heute nicht mehr über einem Sakralraum, sondern über einem Ausstellungsraum für buddhistische Wandmalereien. Auf dem Dach unterhalb der Kuppel wird einer der zahlreichen gastronomischen Betriebe des Hauses die Gäste eines Dachgartencafés bewirten, während das Kreuz zur historischen Reflexion einlädt. Einer der Gründungsintendanten des Hauses, der Kunsthistoriker Horst Bredekamp, bringt die Funktion des Kreuzes auf diese Formel: „Das Kreuz bezeugt das Fehlen dessen, wofür es steht“. Und wofür steht es oder was bezeugt es? Das Fehlen eines machtbewussten Gottesgnadentums in seiner Abwehr gegen die Aufklärung? Und bezeugt es auch den fehlenden Glauben an den Kreuzestod des Erlösers in Golgatha? Das kann doch kaum im Sinne derer sein, die jetzt allen Gegnern des Kreuzes auf dem Humboldt-Forum ihren Unglauben vorhalten. Auch nicht im Sinne derer, die auf dem benachbarten Grundstück der Petri-Gemeinde das House of One, ein gemeinsames Lehr- und Bethaus für die drei monotheistischen Religionen planen, auf dessen Dach selbstverständlich weder Davidstern noch Halbmond oder Kreuz prangen werden.

Das Kreuz kann von seiner Symbolik nicht befreit werden und sollte nicht auf ein Schmuckelement reduziert werden. 

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Wie eine Rettung aus all den Streitigkeiten über eine nur noch als historische Reminiszenz verstandene Zeichenhaftigkeit zuckte nun auch noch ein kesser Gedankenblitz des Intendanten-Trios durch den Himmel über Berlin: zum Kreuz auf der historisierenden Westseite soll sich über Franco Stellas moderner Ostfassade in acht Meter hohen Versalien ein Grundgedanke der Berliner Aufklärung gesellen. Gegen das Zeichen des Kreuzes solle das Wort ZWEIFEL aufstehen - wie eine neue Volkserhebung. Der Norweger Lars Ø. Ramberg hatte es im Januar 2005 auf den ruinösen Palast der Republik gesetzt und damit auch in Zweifel gezogen, ob es denn überhaupt richtig war, an dieser Stelle Berlins nun wieder einen Abriss zu genehmigen. Der Einfall der Gründungsintendanten hat Witz und Charme, ist aber letztlich auch nicht mehr als eine Art Gegenzauber, - jedenfalls neben einem Kreuz, das wirklich den ganzen Ernst christlicher Glaubensinhalte symbolisiert. Ein Kreuz aber, das nur noch an das erinnert, was „fehlt“, bedarf nicht einmal des Gegenzaubers. Das Kreuz sollte man ernst nehmen; auf ein Schmuckelement kann man verzichten.

Das Humboldt-Forum sollte in erster Linie ein Zeichen für Offenheit setzen. 

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Skeptiker ahnen, dass die Verantwortlichen nicht auf das Kreuz verzichten wollen; sie sollten nur nicht glauben, damit das Abendland zu retten. Die Stiftung Zukunft Berlin jedenfalls wünscht der deutschen Hauptstadt in ihrer innersten Mitte ein Humboldt-Forum, das sich der Welt öffnet, das Fremde und Ungewohnte an sich heranlässt, Vergangenheit – auch deutsche Vergangenheit – zwar reflektiert, aber vornehmlich neue Zeichen setzt für einen unverstellten Blick in die Zukunft. Die Welt sollte dort nicht nur Gast sein, sondern zu Hause.

1 Kommentar - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Andreas Rabe
    Das Humboldtforum ist eine äußere Rekonstruktion des vom spätstalinistischen Fanatismus gesprengten Stadtschlosses. Darum hat alles, was gewesen ist und wie es gewesen ist, höhere Rechte.