Künstliche Intelligenz: Computer gegen Menschen? Die Deutschen haben zu viel Angst vor künstlicher Intelligenz

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ESMT Berlin

Expertise:

Martin Schallbruch ist Deputy Director des Digital Society Institute an der ESMT Berlin und forscht über Fragen der Cyber Regulation und Cyber Innovation. Bis Frühjahr 2016 leitete er über viele Jahre die Abteilung für Informationstechnik, Digitale Gesellschaft und Cybersicherheit im Bundesinnenministerium.

Künstliche Intelligenz bietet der Wirtschaft und den Menschen die Chance, große Probleme zu lösen. Deutschland sollte diesen Prozess nicht verschlafen, sondern aktiv mitgestalten.

Die Debatte über künstliche Intelligenz hat eine lange Vorgeschichte. 1986 schrieben die Brüder Hubert und Stuart Dreyfus, Philosoph und Computerwissenschaftler, das Buch "Mind over machine". Darin entwickeln sie ein Modell des menschlichen Kompetenzerwerbs. Es definiert fünf Stufen auf dem Weg zum Expertentum. Mit der klassischen, regelbasierten Arbeitsweise, so ihre These, würden Computer niemals weiter vordringen als bis zur dritten Stufe. Menschliches Expertentum gehe deutlich über das schlichte Abarbeiten von Regeln hinaus. Als ein Beispiel wählten sie das Steuern von Autos in unübersichtlichen Verkehrssituationen, also etwa das gefühlt zu schnelle Hineinfahren in eine Kurve. Hier handelt ein erfahrener Fahrer intuitiv, durch Regeln nicht beschreibbar. Gleiches gilt für ihr zweites Beispiel: eine Krankenschwester, die anhand von Aussehen, Haltung, Vitalität und anderen Merkmalen erkennt, ob sich der Gesundheitszustand einer Patientin verschlechtert hat. Diese durch langjährige Erfahrung gewonnene Intuition ist mit Regeln nicht zu beschreiben.

Viele Maschinen sind heute lernfähige Alltagshelfer des Menschen. 

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Dreyfus und Dreyfus haben bis heute Recht behalten: regelbasierte Computersysteme kommen über die dritte Stufe der Kompetenz nicht hinaus. Trotzdem steht die künstliche Intelligenz (KI) heute kurz davor, beide Beispiele zu bewältigen: Assistenzsysteme in Kraftfahrzeugen können in schwierigen Verkehrssituationen Gefahren erkennen und vermeiden. Medizinische Diagnosesysteme können durch Auswertung von Körperdaten und Heranziehung von Vergleichsdaten den Gesundheitszustand überwachen. Der Durchbruch der Künstlichen Intelligenz in den letzten Jahren ist vor allem auf den Leistungssprung beim maschinellen Lernen zurückzuführen. Lernende System gehen über das Abarbeiten von Regeln hinaus: Sie verbessern ihre Leistung durch stetiges Training anhand von Beispielfällen. Dadurch entstehen immer genauere Modelle der Wirklichkeit, die es erlauben, zukünftige Probleme zu lösen. Die technische Entwicklung hat dem maschinellen Lernen einen Schub gegeben: leistungsfähigere Sensoren, eine gewaltige Vielfalt an Daten und eine erheblich gestiegene Rechenleistung. Lernende Systeme lösen zunehmend Alltagsprobleme. Uns allen begegnen diese Verfahren bereits im Alltag, bei der Spracherkennung im Smartphone oder der Routenführung in Navigationssystemen.

Risiken von künstlicher Intelligenz werden medienwirksamer dargestellt als ihr Nutzen. 

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Die Diskussion über künstliche Intelligenz in Deutschland stellt viel zu oft Risiken, ethische Problemfälle und Datenschutzbedenken in den Mittelpunkt. Dabei ist die Verbesserung der Technik durch künstliche Intelligenz zunächst einmal eine Chance, große Probleme zu lösen. Die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland ist 2015 zum zweiten Mal in Folge gestiegen, auf mittlerweile 3.475 Opfer. Die überwältigende Mehrzahl der Fälle ist auf menschliche Fehler zurückzuführen, nicht auf technisches Versagen. KI-Technologie im Auto kann helfen, schwere Unfälle zu reduzieren. Weit mehr Menschen noch als im Straßenverkehr sterben durch Behandlungsfehler in deutschen Krankenhäusern. Der Krankenhausreport 2014 der AOK schätzte die Zahl auf 19.000 Opfer pro Jahr. Bessere Unterstützung der Diagnosestellung, bessere Überwachung der Wirkung von Medizinprodukten oder eine stärkere Fehleraufarbeitung in Krankenhäusern könnten diese Zahl senken - mit Hilfe der KI. Warum sollten wir in Kauf nehmen, dass eine Technologie wie das Auto oder Arbeitsweisen im Gesundheitswesen mit den vorhandenen Schwächen weitergeführt werden, wenn Technologie zur Verfügung steht, die Menschenleben retten kann?

Der Einsatz von Technik ist gesetzlich geregelt und erfolgt nicht willkürlich. 

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Selbstlernende IT-Systeme können lebenswichtige menschliche Entscheidungen unterstützen oder gar ersetzen. Die begleitende Diskussion über die ethische und rechtliche Verankerung ist daher berechtigt. Schon heute haben digitale Systeme eine schwer zu durchschauende Komplexität erreicht. Mit maschinellem Lernen wird dies weiter zunehmen. Entwickler und Verwender der Künstliche-Intelligenz-Systeme müssen daher verpflichtet werden, deren Grundlagen nachvollziehbar zu machen: Vorgaben, Modelle, Algorithmen. Für die gesellschaftliche Akzeptabilität künstlicher Intelligenz ist Nachvollziehbarkeit wichtig. Auch der Gesetzgeber muss dies verlangen, denn viele Einsatzbereiche der KI, auch das Auto und die Medizintechnik, sind gesetzlich geregelt.

Künstliche Intelligenz abzulehnen, bedeutet technische Stagnation. 

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Deutschland hat gute Chancen, beim verantwortungsvollen Einsatz der künstlichen Intelligenz Vorreiter zu sein. Die Methoden maschinellen Lernens werden hier seit Jahrzehnten erforscht und gelehrt. Unsere Unternehmen und Forscher beherrschen wichtige Basistechnologien, auch das Automobil, auch die Medizintechnik. Deutschland hat zudem viele Erfahrungen mit der gesellschaftlichen Einbettung und regulatorischen Begleitung von Zukunftstechnologien. Aber wir müssen an Tempo zulegen. Noch bestimmen vor allem die Konzerne des Silicon Valley das Tempo der künstlichen Intelligenz. Die amerikanische Regierung begleitet dies aktiv. Erst im Oktober hat das Weiße Haus einen Report "Preparing for the Future of Artificial Intelligence" vorgelegt. Auch Deutschland sollte eine solche gemeinsame Strategie für die künstliche Intelligenz erarbeiten. Darin müssten wichtige Anwendungsfelder ebenso definiert werden wie ethische und rechtliche Rahmenbedingungen. Wir sollten unsere Chance ergreifen, Gestalter der künstlichen Intelligenz zu sein und von ihren Möglichkeiten zu profitieren.

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Am 28.11.2016, 19 Uhr, streiten in der European School of Management and Technology der Soziologe Stefan Selge, Sahra Wagenkecht, Wolfgang Wahlster, Bischof Markus Dröge und andere über künstliche Intelligenz. Moderation: Jörg Thadeusz. Eine Veranstaltung von Disput/Berlin! in Kooperation mit Google und der ESMT. Anmeldung unter www.disput-berlin.de.

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