Kommt der Olympische Gedanke an sein Ende? Olympia auf dem Weg zur Zirkusshow

Bild von Elk Franke
em. Professor für Sportphilosophie

Expertise:

Elk Franke ist emeritierter Professor für Sportphilosophie/Sportpädagogik. Er war von 1995 bis 2009 an der Humboldt-Universität zu Berlin und danach noch drei Jahre im Fachbereich Kulturwissenschaften Universität Bremen tätig. Franke war Präsident der Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft und von 2002 bis 2008 Mitglied in deren Ethikrat. Er hat zahlreiche Bücher zur Fragen von Doping, Sport und Ethik veröffentlicht.

In Rio kippt die labile Balance zwischen ökonomischen Interessen und der Sicherstellung der Ereigniswelt des sportlichen Wettkampfs. Die Spiele werden zu irgendeinem Produkt, das der Zuschauer lediglich konsumiert, statt sich - wie früher - mit der olympischen Sinndimension zu identifizieren.

Olympia zeigt in diesen Tagen ein doppeltes Gesicht:

Olympia als Institution angeführt durch ein IOC, das sich nicht nur durch Bestechlichkeit, Inkompetenz und Selbstgerechtigkeit auszeichnet, sondern das auch mit der Akzeptanz staatlicher Dopingpraxen seine letzte Glaubwürdigkeit als Sachverwalter einer wertorientierten Olympischen Idee verloren hat. Geführt von einem Präsidenten, der durch die Kniefälle vor der Politik nicht nur das eigene Laufen verlernt hat, sondern auch seine angekündigten Reformen zur hohlen Phrase werden lässt.

Olympia als Ereignis in Bildern und Legenden von oft beklemmender Eindringlichkeit und Nähe, die uns das Gefühl vermitteln, nicht nur Beobachter, sondern auch Begleiter oder sogar Teilnehmer von bewegenden menschlichen Dramen zu sein. Bilder, die uns zeigen, mit welcher Unerbittlichkeit jahrelange Lebensleistungen in Zentimetern, Sekunden oder Punkten als Gewinn oder Verlust verrechnet werden. Geschichten, die uns zum Dialogpartner werden lassen, bei denen wir die archaischen Gefühle der Hoffnung und Freude aber auch der Enttäuschung und Trauer direkt miterleben können.

Beides ist Olympia! Wobei die Verantwortlichen der Olympia-Institutionen immer darauf hoffen, dass das Olympia-Ereignis möglichst bald beginnt und seine Bilder ihre Verantwortungslosigkeit vergessen machen. Und wir als Dialogpartner der Olympia-Ereignisse können uns oft nur noch wider besseres Wissen der Faszination der olympischen Wettkampfwelten hingeben

Diese sichtbare Ambivalenz des Olympismus ist jedoch nicht nur Merkmal einer umfassenden und kritischen Medienwelt, sondern auch kennzeichnend für die tiefer liegende Struktur sportlicher Wettkampfwelten:

Olympia kann an fragwürdigen Orten stattfinden, ohne an Aussagekraft zu verlieren.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

So ist Olympia einerseits ein Konstrukt, das wie ein Schweizer Käse zeitgemäße politische, ökonomische und machtpolitische Implikationen in sich aufnehmen kann, ohne seine Aussagekraft zu verlieren. Deshalb konnten Olympische Spiele 1936 unter Hitler, 1996 in der Coca-Cola-Stadt Atlanta, 2008 in Peking oder 2014 in Sotschi stattfinden, ohne dadurch schon ihre Ereignis-Bedeutung zu verlieren.

Konkurrenz und Chancengleichheit - Olympia löst dieses scheinbare Paradox auf.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Olympia ist andererseits aber auch eine scheinbar zeitlose Idee, die zeigt, wie ein konkurrierender Wettbewerb in einer Welt mit eigener Sinndimension möglich ist, bei der das Paradox aus authentischem Leistungsstreben und fairer Chancengleichheit überwindbar erscheint. Eine Idee, die dem Aktiven die Möglichkeit bietet, nicht nur die Grenzen seines Körpers kennen zu lernen, sondern sie auch selbstverantwortlich zu überschreiten -  mit all den sich ergebenden Risiken und einmaligen Lebenserfahrungen. Ein Prozess, bei dem durch immer neue Bewegungsformen Schwerkraft, Rhythmus und Gleichgewicht relativiert werden, und sichtbar wird, wozu der Mensch letztlich auch fähig sein kann. Eine Idee, die ausgrenzt und gleichzeitig uns teilhaben lässt, obwohl wir selbst nicht aktiv handeln.

Wesentliche Bedingung der sportlichen Sonderwelt ist: Regeln müssen beachtet werden.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Eine spezifische Form des Er-lebens und Mit-lebens von Akteur und Rezipient, die jedoch an eine wesentliche Bedingung geknüpft ist: Alle Beteiligten müssen daran glauben können, dass in dieser Sonderwelt des sportlichen Wettbewerbs auch die Regeln beachtet und geschützt werden, insbesondere jene die den Sonderstatus konstituieren und damit garantieren. Eine idealistische Annahme, die aber so lange auch realitätswirksam sein kann, wie glaubhaft erkennbar ist, dass alle Ökonomisierung und Politisierung des Olympiaevents zwar den äußeren Rahmen der Sonderwelt beeinflussen, aber nicht die wettkampfspezifischen Bedingungen in der Ereigniswelt.

In Rio zeigt sich deutlich der ökonomische und politische Einfluss auf den Sport.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Olympia in Rio offenbart in erschreckender Weise, dass dieses labile Gleichgewicht zwischen zunehmenden äußeren ökonomischen und politischen Einflüssen und der Sicherstellung der internen Ereigniswelt des sportlichen Wettkampfes für alle erkennbar von den Verantwortlichen selbst in Frage gestellt wird. Galt lange die Regel, Skeptiker der Trennung solcher „äußeren“ Einflüsse und „innerer“ Handlungsbedingungen als Bedenkenträger und Totengräber des Erlebnissports zu diskriminieren, und in hohlen Floskeln die olympischen Ideale zu beschwören, hat sich mit Tolerierung systematischen Staatsdopings durch das IOC die Situation gravierend geändert, denn Doping verändert nicht nur den Sport, sondert zerstört die Spezifik der wettkampfsportlichen Ereigniswelt.

Die halbherzige Bekämpfung von Doping führt zu einem Olympia-Zirkus, in dem Ärzte das Sagen haben.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Seine halbherzige Bekämpfung bereitet den Weg in einen Olympia-Zirkus, in dem vor allem Ärzte und Pharmazeuten das Sagen haben. Ein Schauspiel, mit dem man sich als Zuschauer nicht mehr identifiziert, sondern das man höchstens noch konsumiert. Ein Verrat am Athleten, der an einem dubiosen Wettbewerb teilnehmen muss und nicht mehr mit der selbstverständlichen Anerkennung seiner Leistungen rechnen kann, sondern vermehrt einem generellen Dopingverdacht ausgesetzt ist.

Eine Idee verliert nicht gleich die Anerkennung, nur weil die Umsetzung der Praxis hapert.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Kommt der Olympische Gedanke an sein Ende? Eine Frage, die man wiederum in zweifacher Weise beantworten sollte:

Als Olympische Idee in der oben skizzierten Weise kann ihm, ähnlich wie anderen humanistischen Idealen, die Rolle einer Zielprojektion zugeschrieben werden, die nicht automatisch ihre Anerkennung verliert, wenn die Umsetzung in der Realität nicht oder nur begrenzt gelingt. In diesem Sinne kann man dafür kämpfen, dass die Olympische Idee auch im 21. Jahrhundert ihre Bedeutung behält, als Leitidee einer besonderen Handlungswelt, in der das Paradox eines Überbietungsgebots bei gleichzeitiger Anerkennung eines Gleichheitsgebots in geregelter (fairer) Form handlungsleitend ist.

Der Olympische Gedanke dient bereits zu oft als Alibi machtpolitischer oder ökonomischer Interessen.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

In der realen Praxis der aktuellen Olympischen Spiele hat der Olympische Gedanke diese handlungsleitende Funktion weitgehend verloren und dient vornehmlich als Alibi oder zur Verschleierung machtpolitischer und ökonomischer Interessen. Eine Entwicklung, die nach dem bisherigen Entwicklungsstand von den verantwortlichen Institutionen und Personen kaum aus eigener Kraft korrigiert werden kann.

Eine grundsätzliche Wende zu Gunsten einer verantwortlichen Ausgestaltung einer Olympischen Praxis im Sinne der Olympischen Idee für das 21. Jahrhundert kann aus meiner Sicht, wenn überhaupt, nur von außerhalb bzw. nicht durch die bestehenden Institutionen erfolgen. Sie haben sich dazu in den letzten Jahrzehnten zunehmend als unfähig erwiesen. Aber bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt.

Sie können an dieser Stelle derzeit keinen Kommentar schreiben.