Kommt der olympische Gedanke an sein Ende? Olympia als Opfer des Optimierungszwangs

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Professor für Soziologie und Sportsoziologie Universität Oldenburg

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Thomas Alkemeyer ist Professor für Soziologie und Sportsoziologie an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.

Die Behauptung, ein einstmals reiner olympischer Sport sei ausschließlich von außen korrumpiert worden, gehört ins Reich der Fiktion. Er scheitert an der ihm eigenen "schneller, höher, weiter"-Logik.

Die Kritik der von Pierre de Coubertin ins Leben gerufenen Olympischen Spiele kommt verlässlich und ist vertraut. Ihr Geist liege endgültig im Sterben, so wird seit langem im olympischen Vierjahresrhythmus geklagt; und zwar vornehmlich vor der Eröffnung dieses Weltfestes des Leistungssports. Je lauter diese Klage aber geführt wird, desto heller erstrahlen seine angeblich gesunden Kindertage: Die Fiktion einer blühenden Vergangenheit bildet den Maßstab, an dem eine erbärmliche Gegenwart abgetragen wird. Statt die bereits in der „olympischen Idee“ selbst liegenden Defizite und Widersprüche nachzuvollziehen, soll die Wirklichkeit an ihrem Ideal blamiert werden. Aus dem Empörungsgestus einer solchen dogmatischen Kritik spricht die Sehnsucht nach einem als „heil“ konzipierten Zustand vor den „Sündenfällen“ der Gegenwart. Der Schritt von „heil“ zu „heilig“ ist bekanntlich klein. Es spricht Bände, wenn schlichter Regelbruch als „Dopingsünde“ etikettiert wird, als eine Verfehlung göttlicher Gesetze.

Es ging in der olympischen Idee von Beginn auch um Rekorde - nicht nur um Fairness.

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Der Geist bildet in diesem Kritiktypus die Norm, deren gegenwärtige Nichteinlösung angeprangert wird. Ein Geist lässt sich allerdings schwerlich fassen. Um ihm Kontur zu verleihen, bemühen seine Advokaten beharrlich die pädagogischen Anliegen einer harmonischen Bildung von Körper und Geist, der Fairness und der weltweiten Toleranz gegenüber kulturellen, weltanschaulichen, religiösen und sonstigen Unterschieden. Sie seien für Coubertin weit wichtiger gewesen als sportliche Rekorde, heißt es. Ganz so eindeutig ist das allerdings nicht. In einem als Radiovortrag verfassten Manifest über „Die philosophischen Grundlagen des modernen Olympismus“ von 1935 etwa proklamierte Coubertin klar und deutlich das Prinzip einer sportlichen „Aristokratie der Leistung“, einer Elitenbildung formal gleichen Ursprungs. Allein die von ihm im Sound des Sozialdarwinismus zum „Lebenskampf“ umgedeutete Konkurrenz führe zu Leistungssteigerung und damit zur Höherentwicklung der menschlichen Gesellschaft: Citius, altius, fortius – schneller, höher, stärker.

Der olympische Sport verkörpert die Grundprinzipien des Optimierungsdenkens.

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Es bedarf keines großen analytischen Scharfsinns, um in diesem Steigerungsimperativ den Widerschein einer grundlegenden "kulturprägenden und strukturbildenden" (Hartmut Rosa) Kraft der modernen (kapitalistischen) Gesellschaft zu erkennen. Der olympische Sport ist kein Spiegel dieser Gesellschaft, aber er verkörpert greifbar einige ihrer Grundprinzipien: die Leitideen einer schrankenlosen Verbesserungsfähigkeit des menschlichen Körpers, des Wachstums und der Beschleunigung; das Idealbild einer reversiblen Ordnung des Verdienstes, in der statt der Position die Leistung für Anerkennung sorgt; das Konzept eines – von Coubertin noch ausschließlich männlich gedachten – Individuums, dass sich in der Konkurrenz mit möglichst gleichstarken Gegnern beweist.

Der Sport ist nicht nur von außen korrumpiert worden, er korrumpiert sich auch selbst.

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Auf den Bühnen Olympias erlangen diese Leitideen in den Performances hochtrainierter Körper Evidenz, affektive Energie und das Charisma des Außeralltäglichen. Richard Wagners Bayreuther Festspiele und die Pariser Exposition universelle von 1889 lieferten die Blaupausen. Wurde in der Weltausstellung ein säkularer Kult moderner Technik zelebriert, so sollten die Olympischen Spiele mit aus der Geschichte geborgtem Dekor einer idealen Wettbewerbswirtschaft huldigen: Coubertins tatsächlich bahnbrechende Idee bestand darin, eine ersatzverzauberte „Moderne en miniature“ (Thomas Etzemüller) ins Leben zu rufen, in der als miteinander versöhnt erlebt werden sollte, was in der realen Welt draußen ständig in Konflikt geriet: die sozialen Klassen und die Nationen, die quantifizierbare Rationalität der Leistungssteigerung mit der besonderen Ästhetik der Sportarten, Gemeinschaftszugehörigkeit und individuelle Selbstvervollkommnung, Fairnessgedanke und Erfolgsorientierung. Solche heterogenen Ansprüche lassen sich jedoch nicht widerspruchsfrei verwirklichen. So gerät der Steigerungsimperativ fortlaufend in Konflikt mit der für die Anerkennung als sportlicher Erfolg konstitutiven Norm, die Leistung sei fair zu erzielen – mit den Kräften des eigenen Körpers gegen gleichwertige Gegner bei Offenheit des Ausgangs.

Nicht erst Doping schafft eine reale Ungleichheit.

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Die Behauptung, ein einstmals reiner olympischer Sport sei ausschließlich von außen durch ihm fremde Mächte korrumpiert worden, gehört mithin ins Reich der Fiktion. Nüchtern betrachtet, kommt seine Steigerungslogik in den vielfältigen Techniken der Körpermanipulation und Leistungsoptimierung vielmehr zu sich selbst. Die Grenzen zwischen Erlaubtem und Unerlaubtem sind dabei kontingent und fließend. Und nicht erst das Doping schafft eine reale Ungleichheit, die durch das rein formale Postulat der Chancengleichheit nur verdeckt wird, sondern auch schon die ungleiche Verteilung von finanziellen Möglichkeiten, Trainingsbedingungen, Startchancen u. Ä.

Äußere Einflüsse - Wirtschaft, Politik, Zuschauer - steigern den Optimierungszwang noch.

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Es widerspricht der grundlegenden Logik des olympischen Sports, sich Leistungsrückgang und Verlieren anhaltend leisten zu können. In einem zunehmend engeren Geflecht von Leistungs- und Verhaltenserwartungen, die Wirtschaft, Politik, Massenmedien und Publikum an die Athleten adressieren, ist der Optimierungszwang seit den Tagen Coubertins nur noch größer geworden. Athleten, die einen Großteil ihres Lebens in den geschlossenen Welten des Spitzensports verbringen, kommen kaum umhin, ihn auch in ihr eigenes Selbstverständnis und Selbstverhältnis zu inkorporieren. Ein rein moralischer, sportethischer Einspruch gegen die olympische Steigerungslogik gleicht vor diesem Hintergrund dem Versuch, ein Interkontinentalflugzeug mit der Fahrradbremse zum Stehen zu bringen (Ulrich Beck).

Die Doping-Enthüllungen als Chance - nicht für den Sport, sondern für alle, die in der Steigerungslogik festsitzen.

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Die Enthüllungen von Whistleblowern und kritischen Journalisten allerdings bringen die Zwänge und Widersprüchlichkeit des olympischen Sports an die Oberfläche. Sie machen sichtbar, worauf das Spektakel fast übermenschlicher Performances angewiesen ist, was normalerweise jedoch hinter seinem faszinierenden Schein und anrührenden Bildern von Tränen und kindlicher Freude, die die Athleten wieder menschlich werden lassen, verborgen bleibt: quälende Trainingsmethoden, die schmutzigen Praktiken des Spritzens, Technodoping wie im Rad- oder im Behindertensport. Dies untergräbt die Attraktivität der offiziellen Bilder. Ein Teil des Publikums wendet sich ab. Nicht nur für den Sport ist dies eine Chance: Die Einsicht in die (selbst-)zerstörerischen Seiten einer weit über den Sport hinausreichenden Steigerungs- und Optimierungslogik eröffnet die Möglichkeit, Modelle eines anderen Sports, vielleicht eines anderen Lebens, zu entwerfen und anzugehen.

 

 

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