Klimawandel Wegweiser aus der fossilen Welt

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Politischer Geschäftsführer Germanwatch

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Christoph Bals ist politischer Geschäftsführer von Germanwatch und Mitglied im Sprecherrat der klima-allianz deutschland, im Integritätsbeirat von atmosfair sowie in den Vorständen der Stiftung Zukunftsfähigkeit, der Renewables Grid Initiative (RGI) und der Munich Climate Insurance Initiative (MCII).

Paris muss zum Wendepunkt werden

Wir biegen in die Zielgerade eines neuen "Klima-Rekordjahres" ein. 2015 wird mit größter Wahrscheinlichkeit als das weltweit deutlich wärmste seit Beginn der Messungen in die Geschichte eingehen. Die Veränderungen in der Atmosphäre haben bereits Folgen: Wetterextreme wie Wirbelstürme, Starkregen oder Dürren werden heftiger, der Meeresspiegel steigt - und wir sind erst am Anfang dieser Entwicklung. Doch der Weltklimarat IPCC hat jüngst betont: Es ist noch möglich, die Erwärmung auf weniger als zwei Grad - vielleicht sogar auf 1,5 Grad - zu begrenzen und damit einen Klimawandel mit unkontrollierbaren Gefahren zu vermeiden. Doch dazu müsse nun zügig die Wende bei den weltweiten Emissionen geschafft werden.

Das Signal zum weltweiten Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas bis Mitte des Jahrhunderts muss aus Paris kommen. Es geht also zum einen darum, das von den Staaten bereits beschlossene Zwei-Grad-Limit nun in ein konkretes Signal für die Transformation in die post-fossile Zeit zu übersetzen. Kein Gipfel kann  das Klimaproblem auf einen Schlag lösen. Das wäre eine naive Erwartung. In Paris wird nicht über die notwendige Energiewende in Indien, in Saudi Arabien oder Russland entschieden. Aber der Druck zum weltweiten Handeln muss steigen, hier wird die Richtung vorgegeben. Es gilt, die bereits sichtbaren Anzeichen von heute zu einer unumkehrbaren Trendwende zu machen: Denn schon seit drei Jahren wird weltweit mehr Geld im Erneuerbare-Energien-Bereich investiert als im fossilen und nuklearen Bereich zusammen.

Wir brauchen ein Solidaritätspaket für diejenigen Länder, die am meisten unter dem Klimawandel leiden

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Zum anderen brauchen wir ein Solidaritätspaket, um denjenigen Ländern und Menschen zu helfen, die heute und künftig am meisten unter den Folgen des Klimawandels leiden. Sie benötigen Unterstützung bei der Anpassung an den Klimawandel und bei der Bewältigung der Schäden und Verluste, die dennoch auftreten. Im Vergleich zu Kopenhagen 2009 ist Paris schon jetzt ein Riesenstück weiter. Erstmals haben fast alle Staaten Beiträge für das geplante Abkommen vorgelegt - diese Staaten sind insgesamt für deutlich mehr als 90 Prozent der globalen Emissionen verantwortlich. Dennoch ist dies nur etwa halb so viel wie notwendig wäre, um die globale Erwärmung auf zwei Grad zu begrenzen. Daher benötigt das Abkommen einen Verbesserungs-Mechanismus: Alle fünf Jahre müssen die Staaten zusammenkommen und sich verpflichten, ihre eigenen Ziele an die Klima-Notwendigkeiten anzupassen, also zu verschärfen. Und die erste dieser Runden muss schon vor 2020 stattfinden, um die Chance zu erhöhen, den globalen Temperaturanstieg auf weniger als zwei Grad zu begrenzen. Dass die Hoffnung auf Verschärfungen realistisch ist, zeigen die Erfahrungen der vergangenen Jahre: In vielen Staaten - darunter China - verlief der Ausbau der Erneuerbaren Energien viel rasanter als kalkuliert. Hauptgrund waren rapide fallende Preise für Solar- und Windkraftanlagen. Diese Entwicklung wird den Weg auch für mutigere Zusagen der Staaten in wenigen Jahren freimachen.

Angela Merkel muss ein klares Datum für den Kohleausstieg nennen

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Deutschland hat sich durch die Energiewende international in eine Schlüsselrolle manövriert. Ob es gelingt, hier ein Wohlstandsmodell zu entwickeln, das auf Erneuerbaren Energien und Energieeffizienz aufbaut, wird weltweit beobachtet. Eine erfolgreiche Energiewende, aber auf der anderen Seite auch ein Scheitern hätte weitreichende internationale Auswirkungen. Seit der Einigung auf die mit Geschenken an die Kohlelobby behaftete "Klimareserve" hat das Bild der Energiewende Risse bekommen. Nach einem erfolgreichen Klimagipfel in Paris wird von der Kanzlerin, die weltweit Dekarbonisierung auf die Agenda gesetzt hat, ein klares Datum für den Ausstieg aus der Kohle in Deutschland erwartet.

Schwierig ist die derzeitige Haltung der EU insgesamt: Das viel zu schwache Klimaziel für 2020 (minus 20% Emissionen) ist bereits erreicht, dennoch wird es bisher nicht erhöht - und ein zu wenig ambitioniertes für 2030 gesetzt. Das Wörtchen "mindestens" vor den bis 2030 angestrebten 40% Emissionsreduktion gibt Anlass zur Hoffnung. Die EU muss bei einer ersten Nachbesserungsrunde 2018/19 ihr Ziel erhöhen.

Es ist auch aus rein ökonomischer Perspektive erstaunlich, dass die EU ihre Vorreiterrolle im Klimaschutz aufgegeben hat. Der Süden Europas leidet unter einer bleiernen Wirtschaftskrise - gleichzeitig etablieren sich Erneuerbare Energien in anderen Teilen der Welt als Konjunkturtreiber. Was läge näher, als insbesondere in den sonnenreichen Ländern Griechenland, Italien, Spanien und Portugal den Umbau der Energiesysteme auf Erneuerbare voranzutreiben - und so Investitionen und Arbeitsplätze zu schaffen?

China und die USA überholen die EU in Klimaschutzdynamik

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Andere Staaten haben die wirtschaftlichen Chancen erkannt. Wer hätte vor wenigen Jahren gedacht, dass es in den USA und China mehr Klimaschutzdynamik als in der EU geben könnte? Heute ist das der Fall:  China hat bereits 2013 mehr in Erneuerbare Energien investiert hat als alle Staaten Europas zusammen. In den USA hat sich allein von 2012 bis 2014 die installierte Photovoltaikleistung versechsfacht. Und  Marokko hat Deutschland überholt, dort entfällt heute schon ein Drittel der installierten Stromerzeugungskapazität auf Erneuerbare Energien. Dies animiert andere Schwellenländer zur Nachahmung.

Dies sind also die zentralen Bestandteile eines Abkommens von Paris: Erstens ein verbindliches Klimaabkommen, dessen Anhang Klimaschutzbeiträge von fast allen Staaten enthält, zweitens ein Verschärfungs-Mechanismus für Klimaschutz und Finanzierung sowie Transparenz-Regeln zur Überprüfung der Umsetzung, drittens konkrete und feste Hilfszusagen an die ärmsten und verletzlichsten Staaten für Klimaanpassung und die Bewältigung von Verlusten und Schäden sowie viertens Langfristziele zum weltweiten Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas bis Mitte des Jahrhunderts und eins für Anpassung. Schon in den letzten zwölf Monaten hat Paris mehr Dynamik erzeugt als viele erwartet haben - bei den Staaten, an den Finanzmärkten, bei Religionsführern. Der Erfolg von Paris wird sich daran messen lassen müssen, ob dies ein Strohfeuer war oder ob diese Dynamik weiter zunimmt. Die Zivilgesellschaft wird sich nicht davon abhalten lassen, den notwendigen Druck zu entfalten. 

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