Klimawandel Mit dem Bummelzug zum Klimagipfel? Lokomotive Deutschland 

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Leiterin "Energie, Verkehr und Umwelt" am DIW Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin)

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Prof. Dr. Claudia Kemfert ist Leiterin der Abteilung "Energie, Verkehr und Umwelt" am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance

Bisher schreitet der Fortschritt bei der Energiewende langsam voran. Das könnte sich jetzt ändern, meint Claudia Kemfert. Wenn jedes Land eigene Klimaziele definiert, würden andere nachziehen. Vorreiter könnte dabei Deutschland sein.

Peine, Pattensen, Paris – so lautet die Reiseroute mit dem Bummelzug in die weite Welt. Per Sprichwort belächelt man so Vorhaben, die nicht in Gang kommen, wenn man sich nur über viele kleine Zwischenschritte mühsam dem großen Ziel nähert. Für den Klimaschutz heißt die von einer gewissen Umständlichkeit geprägte Reiseroute bislang: Kyoto, Kopenhagen und nun Paris. Was stockend begann, könnte jetzt ins Rollen kommen.

Die französische Hauptstadt ist von den Attentaten nachhaltig erschüttert und betrübt; zumindest auf dem Gebiet der Energiewende könnte der Klimagipfel aber die Stimmung wieder aufhellen. Die Experten sind vorsichtig optimistisch. Die USA und China bleiben zwar weit hinter den Erwartungen und erst recht hinter ihren Möglichkeiten zurück. Aber der Stillstand ist beendet: Beide bislang renitenten Klimaschutz-Verweigerer wollen jetzt endlich – wenn auch kleine – Emissionsminderungsziele akzeptieren. Das kommt etwas in Fahrt, wenn auch nicht in rasantem Tempo.

Wenn jedes Land seine eigenen Ziele definiert, könnte das für den globalen Klimaschutz den größeren Fortschritt bringen

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Anders als vor zwanzig Jahren, als man in Kyoto große Ziele formulierte und glaubte, der Welt derlei „top-down“ verordnen zu können, wird Paris keine vollmundigen Abkommen hervorbringen. Vermutlich wird man eher einen „Buttom-up“-Ansatz verfolgen und jedes Land seine eigenen Ziele definieren lassen. Möglicherweise wird dieser partizipative Stil am Ende für den globalen Klimaschutz den größeren Fortschritt bringen. Schon allein, weil nahezu alle Länder – vor allem die mit den größten Emissionen – auf den noch langsamen Zug aufspringen.

Deutschland könnte in diesem Prozess zur Lokomotive werden. Wie „Fahrvergnügen“ und „Leitkultur“ist das deutsche Wort „Energiewende“ schon im internationalen Sprachgebrauch etabliert: Die Industrie-Musternation Deutschland stellt mittelfristig den Atomstrom ab und die Energieversorgung auf erneuerbare Energien um. Dabei wird das gesamte Energiesystem umgebaut, das Stromsystem dezentraler, intelligenter und flexibler, die Mobilität nachhaltiger und das Energiesparen immer wichtiger. Derlei macht Eindruck in der Welt. Klimaschutz made in Germany könnte der nächste Verkaufsschlager des Exportweltmeisters werden.

In Deutschland bringt die Energiewende wirtschaftliche Chancen, schafft Innovationen und stärkt die Wettbewerbsfähigkeit

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Zunächst international belacht, scherzen jedoch immer weniger Länder über Deutschlands Energiepläne. Die Energiewende bringt enorme wirtschaftliche Chancen, schafft Innovationen und stärkt die Wettbewerbsfähigkeit. Durch die Investitionen entstehen Wertschöpfung und Arbeitsplätze. Das konsequente Energiesparen führt zu einer massiven Verbesserung der volkswirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit. Die Kosten für Solar- und Windstrom sinken, die Atomkosten steigen. Spätestens seit in Texas mehr in Solar als in Öl investiert wird, verstummen die Kritiker.

Natürlich sind auch in der deutschen Energiewende noch nicht alle Weichen auf schnelle Fahrt zum wahrscheinlich inzwischen utopischen, aber immer noch wichtigen Zwei-Grad-Ziel gestellt. So wird das Klima-Musterländle die selbstgesteckten Klimaziele einer 40-Prozent-Minderung bis 2020 nicht erreichen.

Es fehlt ein verbindlicher klimapolitischer Katalog

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Der Emissionshandel ist aufgrund des niedrigen CO2-Preises derzeit wirkungslos. Von strukturiertem Kohleausstieg kann nicht die Rede sein. Wegen lautstarker Lobby-Proteste wagt man nicht mal, simple, aber wirkungsvolle Maßnahmen wie eine Kohleabgabe. Das sonst so innovative Autoland Deutschland hat in der Paradedisziplin Nachhaltige Mobilität erstaunlich wenig Erfolge vorzuweisen. Im Gegenteil: Der VW-Abgasskandal schadet dem Ansahen deutscher Umweltpolitik weltweit. So ist die Bundesregierung mehr denn je gefordert, gegen alle widerläufigen Wirtschaftsinteressen Klimaschutzmaßnahmen durchzusetzen.

Die deutsche Energiewende bleibt dennoch wichtiges Vorbild: Dank der Investitionen aus Deutschland, der steigenden Nachfrage und der damit verbundenen Skalierungseffekte sind die Kosten erneuerbarer Energien weltweit massiv gesunken. Zum ersten Mal fließen global mehr Investitionen in erneuerbare als in fossile Energien. Zumindest dafür kann Deutschland sich in Paris feiern lassen.

So werden immer mehr Länder unserem guten Beispiel folgen und statt in Atom- oder fossile lieber in erneuerbare Energie investieren: mehr Chancen, weniger Risiken! Bei anderen Aspekten nachhaltiger Energie, etwa beim Kohleausstieg oder beim Messen echter Abgaswerte, kann Deutschland dagegen von den USA lernen. So steigt die weltweite Lernkurve und der Zug zum Klimaschutz kommt langsam, aber hoffentlich gewaltig ins Rollen. So gesehen wäre Paris nicht Ziel-, sondern Startbahnhof in eine bessere Klimazukunft!

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