Klimawandel Das Klimaabkommen von Paris muss die Ärmsten schützen

Bild von Sabine Minninger, Sophia Wirsching
Referentin für Klimapolitik Brot für die Welt

Expertise:

Sabine Minninger ist Referentin für Klimapolitik im Referat Wirtschaft und Umwelt bei Brot für die Welt mit dem Schwerpunkt Klimawandel und Entwicklungsfragen. Die Diplom-Geografin hat im Rahmen ihrer Tätigkeiten seit 2008 intensiv den UNFCCC-Prozess verfolgt und setzt sich gemeinsam mit den Partnern von Brot für die Welt für mehr Klimagerechtigkeit in den Weltklimaverhandlungen ein. Sophia Wirsching arbeitet als Referentin für Migration und Entwicklung im Referat Menschenrechte und Frieden bei Brot für die Welt in Berlin. Sie hat Politische Wissenschaften und Soziologie studiert. In der täglichen Arbeit befasst sie sich vor allem mit menschenrechtlichen Fragestellungen im Zusammenhang mit Migration und Flucht - auch in Folge des Klimawandels.

Die Folgen des Klimawandels treffen vor allem die ärmsten Länder der Welt. Bei der Bewältigung der klimabedingten Katastrophen werden sie von den reichen Ländern allein gelassen. Deshalb ist es umso wichtiger, dass die Unterstützung bei der Bewältigung von Klimakatastrophen im Klimaabkommen von Paris verankert wird, sagen Sabine Minninger und Sophia Wirsching von Brot für die Welt.

Wetterextreme wie Hitzewellen und Dürre, Starkregen oder Sturm sind keine neuen Phänomene, nehmen aber seit zirka dreißig Jahren an Häufigkeit und Stärke und vor allem in ihrer Unberechenbarkeit stetig zu. Ursache hierfür ist die globale Erwärmung. Wetterextreme bleiben nicht folgenlos: Sie gehen mit großer Zerstörung, wirtschaftlichen Schäden und dem Verlust an Menschenleben einher. Die Gefahr, Opfer von Klimakatastrophen zu werden ist auf dem Globus ungleich verteilt: Die ärmsten Länder sind überproportional betroffen; teilweise wegen ihrer geografischen Lage, aber vor allem durch ihre Armut. Auch wenn die absoluten Schäden in reichen Ländern höher sind, so ist das Risiko, dass ein Extremereignis die Entwicklung eines ganzen Landes existenziell bedroht, umso größer, je ärmer ein Land ist. Was für Staaten gilt, gilt auch für Gemeinden, Bevölkerungsgruppen und Haushalte: je ärmer, desto verwundbarer gegenüber Wetterextremen.

Das Büro der Vereinten Nationen für Katastrophenprävention (UNISDR) beziffert den Verlust an Menschenleben im Zeitraum 1992-2012 auf 559.000 und das Schadensvolumen auf 1,36 Billionen US-Dollar (UNISDR 2012). Laut dem weltweit tätigen Rückversicherer Munich Re haben sich klimabedingte Schäden seit 1980 vervierfacht. 2014 haben 900 wetterbedingte Ereignisse wirtschaftliche Schäden in Höhe von 100 Milliarden US-Dollar verursacht, wovon 60% auf Entwicklungsländer entfielen. Die Erhebungen der Versicherungsbranche decken sich mit den Befunden der Klimaforscher, die im Sonderbericht des Internationalen Klimarates IPCC zu Extremereignissen (SREX) 2012 urteilen, dass global Häufigkeit und Stärke von Extremwetterereignissen tendenziell zunehmen.

Zu viele Menschen werden heimatlos oder sterben aufgrund von klimabedingten Katastrophen

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Klimabedingte Katastrophen haben zwischen 2008 und 2013 etwa 140 Millionen Menschen dazu gezwungen, ihr Zuhause zumindest zeitweise zu verlassen – das entspricht 85% aller Vertreibungen in diesem Zeitraum. Nach einer Studie des Norwegischen Flüchtlingsrates haben die Folgen von Naturkatastrophen im Jahr 2013 22 Millionen Menschen und damit dreimal mehr Menschen um ihr Zuhause gebracht als durch Konflikte. Das verdeutlicht, dass die Flucht vor dem Klima kein fernes Zukunftsszenario, sondern schon heute Realität ist.

 Die Folgen des Klimawandels treffen vor allem die ärmsten der armen Länder

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Zwar ist es gelungen die Zahl der Todesopfer durch verbesserten Katastrophenschutz in den meisten Ländern zu verringern. In besonders armen Ländern wie Bangladesch, Haiti, Myanmar oder den Philippinen sterben jedoch weiterhin viele Menschen an den Folgen des Klimawandels.

Beim ersten globalen Klimaabkommen, das in Paris vereinbart werden soll, geht es deshalb nicht nur um globalen Klimaschutz und die Bereitstellung von finanziellen Mitteln für ärmere Staaten für deren Emissionsminderungs- und Anpassungsanstrengungen, sondern auch um den Umgang mit Klimaschäden. Längst sind die Grenzen der Anpassung in einigen Regionen erreicht. Im Südpazifik zum Beispiel kann keine Anpassungsmaßnahme mehr besonders niedrigliegende Inseln vor dem Steigen des Meeresspiegels schützen.

Auch die Unterstützung bei der Bewältigung von klimabedingten Schäden muss im Klimaabkommen verankert werden

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Die gesamte Gruppe der Entwicklungsländer fordert daher, dass der Schutz der Betroffenen und die Unterstützung in der Bewältigung von klimabedingten Schäden und Verlusten im Abkommen verankert werden müssen.

Im UNFCCC-Prozess sind klimabedingte Schäden und Verluste seit zwanzig Jahren ein Thema. Aus Angst vor Regressansprüchen haben die Industrieländer die politische Auseinandersetzung jedoch lange hinausgezögert. Erst seit 2010 und vor allem mit der Gründung des Internationalen Warschau-Mechanismus zu klimabedingten Schäden und Verlusten 2013 haben die Verhandlungen deutlich an Dynamik gewonnen. Insbesondere für die Gruppe der ärmsten Länder sowie die kleinen Inselstaaten hat das Thema auch bei der Klimakonferenz in Paris höchste Priorität. Fortschritte sind möglich: Die COP 21 kann einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, das politisch kontroverse Thema endgültig unter dem Dach der Klimarahmenkonvention zu verankern und damit den Weg dafür frei zu machen, technische Lösungen zu finden und umzusetzen.

Es würde alle Gerechtigkeitskriterien verletzen, wenn die Betroffenen – häufig die Verletzlichsten und Ärmsten, die so gut wie gar nicht zu den Ursachen des Klimawandels beigetragen haben – nicht solidarisch unterstützt würden. Im Paris-Abkommen sollte die internationale Staatengemeinschaft klimabedingte Schäden und Verluste als Herausforderung anerkennen und sich dazu bekennen, die Bewältigung derselben als gemeinsame Aufgabe und unter Zugrundelegung des geltenden Solidarprinzips anzugehen. Mit steigenden Temperaturen steigt diese Verantwortung, besonders der reichen Staaten mit hohen Emissionen. Mit diesem prinzipiellen Bekenntnis sollte die gemeinsame Verpflichtung verbunden sein, die Arbeit zu klimabedingten Schäden und Verlusten unter dem Dach der Klimarahmenkonvention in den nächsten Jahren zu stärken und insbesondere die verletzlichsten Staaten zu unterstützen. Deutschland und die EU schweigen bisher zum Thema. Alle anderen Industriestaaten wollen nichts davon im völkerrechtlich bindenden Abkommen sehen.

Es besteht guter Grund zur Hoffnung, dass die Bundesregierung eine wichtige Moderationsrolle zwischen den Staaten aus dem Norden und Süden eingenommen hat und ein deutliches Signal der Solidarität senden wird. Partnerorganisationen von Brot für die Welt im Südpazifik schließen sich der Forderung des Präsidenten von Kiribati an: Anote Tong fordert internationale Unterstützung für menschenrechtsbasierte, vorausschauend geplante Umsiedlungsprozesse und legale Migrationsmöglichkeiten, um weitere humanitäre Katastrophen und Fluchtsituationen zu verhindern, die durch ausbleibende Unterstützung ausgelöst werden könnten. Sein Konzept ist einfach und nachvollziehbar, es nennt sich „Migration in Würde“. Das Pariser Klimaabkommen muss sicherstellen, dass die ärmsten und verletzlichsten Menschen mit der Klimakrise nicht alleingelassen werden.

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