Klimawandel Bis 2050 muss die Energieversorgung zu 100 Prozent aus Erneuerbaren Energien bestehen

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Koordinator Internationale Klimapolitik Greenpeace

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Martin Kaiser koordiniert die internationale Klimapolitik für Greenpeace International und begleitet seit vielen Jahren UN-Klimakonferenzen.

Das Paris-Abkommen braucht ein klares Ziel. Bis zur Mitte des Jahrhunderts komplett auf Erneuerbare Energien umzusatteln, ist ehrgeizig, aber realistisch, sagt der Greenpeace-Klimaexperte. 

Klimapolitik ist ein Wettrennen. Steigende Temperaturen gegen sinkende CO2-Emissionen. Die für Millionen von Menschen überlebenswichtige Frage lautet: Wer ist schneller? Bislang ist die Antwort eindeutig. 2015 wird die Temperatur auf dem Planeten erstmals mehr als ein Grad höher liegen als zum Beginn der Industrialisierung, während der globale CO2-Ausstoß sich zwar verlangsamt, aber längst noch nicht verringert.

Das klingt aussichtsloser als es ist. Denn den Treibhausgasen könnte es nun ernsthaft an den Kragen gehen. Wie ernsthaft, darüber wird die Klimakonferenz in Paris nicht allein entscheiden, aber sehr wohl mitentscheiden. Es ist der kleine Unterschied „mit“ vor „entscheiden“, die Paris von Kopenhagen unterscheidet. Damals, 2009, blickten große Teile der Welt mit der Hoffnung nach Dänemark, die Staats- und Regierungschefs würden den Planeten vor dem Klimachaos retten. Die Erwartungen waren so gigantisch wie der Kater nach dem Scheitern. Der Kopenhagen-Blues hat die Klimabewegung über Jahre gelähmt.

Sechs Jahre später ist die Situation eine gänzlich andere. Das macht schon die Prognose der Internationalen Energieagentur (IEA) deutlich. Die eher konservativ rechnende, aber weltweit respektierte Institution geht davon aus, dass bis zum Jahr 2020 in keiner Energieform auch nur annähernd so viele Kapazitäten zugebaut werden, wie bei den Erneuerbaren. Gut 700 Gigawatt an Erneuerbaren Kapazitäten kommen laut IEA in den nächsten fünf Jahren dazu – in etwa das Äquivalent von 700 Atomkraftwerken. Der Grund des anhaltenden Booms sind die stetig fallenden Preise der Solar- und Windanlagen, ihr massiver Ausbau in Schwellenländern und ihre ungleich bessere Klimabilanz. Gleichzeitig geraten fossile Energieprojekte zunehmend unter Druck – politisch wie wirtschaftlich. Shell gibt die Ölbohrungen in der Arktis auf, US-Präsident Obama stoppt den Bau der Riesenpipeline Keystone XL und ausgerechnet Alberta, bislang Kanadas Herzkammer der besonders klimaschädlichen Teersande, kappt deren Produktion und kündigt einen Kohleausstieg an.

Ein Klimaabkommen braucht ein klares Langzeitziel: Bis 2050 muss die Energieversorgung zu 100 % auf Erneuerbare setzen

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Anders ausgedrückt: Paris muss nichts anschieben - die Sache rollt längst. Die 196 Staaten auf der UN-Konferenz müssen sich nur dafür entscheiden, der Entwicklung den nötigen Schwung zu geben, damit der Ausbau der Erneuerbaren und damit das Sinken der Emissionen am Ende als Sieger durchs Ziel gehen! Damit es so kommt, braucht das Pariser Abkommen ein klares Ziel. Die Energieversorgung der Welt muss bis zum Jahr 2050 zu 100 Prozent auf Erneuerbare Energien umsatteln.

Warum eine solche Vision so wichtig ist? Weil sie den politische Rahmen absteckt und dadurch das unmissverständliche Signal sendet: Das Zeitalter der fossilen Energien neigt sich dem Ende entgegen. Die Zukunft ist erneuerbar! Damit würde auch die Vorstellung erträglicher, dass die bisherigen Klimazusagen der Staaten die Erderwärmung bestenfalls unter 3 Grad halten wird – das Doppelte dessen, was die schon heute am meisten vom Klimawandel bedrohten Länder fordern. Es muss also in Zukunft mehr passieren, und dabei würde ein klares Ziel helfen. Es würde die Gelder der Investoren noch schneller als bisher abziehen aus klimaschädlichen Kohlekraftwerken und riskanten Atommeilern und hinlenken zu Projekten wie neuen Off-Shore-Windparks, Solardächern und schlauen Stromnetzen.

Der Komplettumbau der globalen Energieversorgung bis 2050 ist technisch möglich - und würde sich rechnen

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Das wird kein kleiner Reifenwechsel, sondern ein Austausch des Motors bei voller Fahrt. Die gute Nachricht lieferte vor wenigen Monaten die „EnergyRevolution“-Studie, erstellt von Greenpeace und dem Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum. Ein solcher Komplettumbau der globalen Energieversorgung bis zur Mitte des Jahrhunderts ist nicht nur technisch möglich, er rechnet sich auch. Die globale Energiewende innerhalb von 35 Jahren kostet die Welt jährlich durchschnittlich 1 Billion Dollar, gleichzeitig aber spart sie Brennstoffkosten in Höhe von 1,07 Billionen Dollar pro Jahr, rechnet die Studie vor. Zusätzliche Arbeitsplätze würde der beschleunigte Umbau auch noch schaffen, weltweit 20 Millionen alleine in den kommenden 15 Jahren.

Paris kann ein guter Anfang sein - wenn die Staaten danach ihre klimapolitischen Hausaufgaben machen

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Klingt wie ein mögliches Happy End – und ist doch erst ein Anfang. Wenn das Pariser Klimaabkommen die globale Energiewende bis 2050 festschreibt, wird dies nur eine Etappe sein, wenn auch eine ziemlich wichtige. Schon am Tag nach der UN-Konferenz werden Merkel und Hollande, Obama, Xi und all die anderen Staats- und Regierungschefs daran gehen müssen, ihren Ländern einen Weg zu diesem Ziel zu ebnen. Dabei werden sie über den Kohleausstieg und schlauere Stromnetze entscheiden müssen, darüber, wie sich der Pro-Kopf-Ausstoß an CO2 senken lässt und über einen sparsameren Umgang mit Energie, wie man mit weniger Autos mehr Mobilität gewährleistet und auf weniger Fläche mehr Menschen gut leben lässt. Bei alldem aber werden sie eigentlich darüber befinden, ob und wie wir den Wettlauf gegen den Klimawandel für uns entscheiden. 

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