Umweltgerechte Stadt Schöne neue Sharing-Welt

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Mobilitätsberater

Expertise:

Axel Quanz ist Mobilitätsberater in Berlin.

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Zehn Debatten in zehn Wochen. Diese Woche: Verkehr - Kann das Auto weg? Mobilitätsberater Axel Quanz fordert, den Alternativen zum Auto in der Stadt mehr Raum zu geben.

Für die einen ist es ein Heiligtum, für die anderen Quell allen Ärgers: das Auto. Ist es gerecht, es zu verteufeln? Meine Antwort: Das Auto muss nicht komplett weg, aber es sollte weniger davon geben, besonders in der Innenstadt, außerdem kleinere - emissionsfrei und leise. In der wachsenden Stadt gib es ganz einfach nicht genügend Platz. Für den hohen Ressourcenverbrauch des motorisierten Individualverkehrs sprechen immer weniger Argumente. 

Die Anzahl an Autos in der Innenstadt sollte kleiner werden.

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Der Personenverkehr in Berlin wächst: Jedes Jahr müssen in der Stadt über 4,5 Milliarden Wege bewältigt werden, jedes Jahr kommen rund 50 Millionen hinzu. Den Verkehr gut und umweltverträglich zu organisieren, schafft große Herausforderungen. Erstens: Emissionen. Wie in vielen Städten werden auch in Berlin die Grenzwerte für Luftschadstoffe nicht eingehalten, die Co²-Emissionen sind zu hoch. Zweitens: Flächenkonkurrenz. Für den Verkehr in der Hauptstadt stehen 136 Quadratkilometer Fläche zur Verfügung, etwa 15 Prozent der Gesamtfläche. Mit Blick auf das Ziel einer umweltgerechten und lebenswerten Stadt sollte diese Fläche nicht größer werden. 

Besonders in der Innenstadt nimmt die Konkurrenz zwischen den Verkehrsteilnehmern groteske Züge an. Es fahren oder stehen in Berlin rund 1,2 Millionen Autos. Dazu kommen Fahrräder, Busse, Bahnen, Trams, Taxen und Anbieter ergänzender Mobilitätsdienstleistungen wie Car- und Bike Sharing, RidePooling oder e-Scooter. An den Rand gedrängt werden häufig die Fußgänger. Konflikte zwischen den Verkehrsteilnehmern sind vorprogrammiert und täglich zu erleben. 

Berlins Voraussetzungen sind ideal, um eine Fahrrad-Stadt zu sein.

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Doch neben den Herausforderungen gibt es auch gewaltige Chancen: Etwa 70 Prozent aller Wege werden bereits heute mit Bus oder Bahn, mit dem Fahrrad oder zu Fuß zurückgelegt. Der Anteil des Autos liegt bei rund 30 Prozent, acht Prozent weniger als 1998. Berlin verfügt zudem über ein hervorragendes ÖPNV-Angebot. Zwischen 1997 und 2017 wuchs die Zahl der Fahrgäste um etwa 40 Prozent auf rund 1,5 Milliarden Fahrgäste pro Jahr. Hinzu kommt: Berlin ist flach und verfügt über viele breite Verkehrsachsen, die genügend Raum für umweltverträgliche Verkehrsträger bieten. Eigentlich ein ideales Terrain für das Fahrradfahren. Berlin ist auch die Sharing-Hauptstadt: In keiner anderen Stadt Deutschlands stehen so viele Angebote zur Verfügung. Alles gute Voraussetzungen, um den Verkehr umweltgerecht weiterzuentwickeln.  

Der öffentliche Personennahverkehr in Berlin muss ausgebaut werden - mit neuen Linien!

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Es gilt, klare Schwerpunkte zu setzen. Im ÖPNV brauchen wir neue und verlängerte Linien, mehr und neue Fahrzeuge, mehr Service - um künftig noch mehr Fahrgäste zu transportieren. Der Radverkehr muss gefördert werden: Kein Verkehrsmittel ist so leise, preiswert, emissionsarm und flexibel. Die erforderliche Infrastruktur ist ebenfalls platzsparend und günstig. Es braucht mehr kreuzungsfreie, breite und sicherere Radwege, außerdem mehr sichere Fahrradständer an S- und U-Bahnstationen. Der innerstädtische PKW-Verkehr sollte gleichzeitig verringert werden. In einigen Stadtlagen trägt die Parkplatzsuche mit 30 Prozent zum Verkehrsaufkommen durch Kfz bei. Diese Zahl muss weiter sinken. Dafür sind Anreize nötig, auch die Ausweitung der Parkraumbewirtschaftung.

Umweltverträglichen Verkehrsmitteln sollte Priorität eingeräumt werden.

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Den Verkehrsträgern des Umweltverbunds muss Priorität eingeräumt werden. Das erfordert Mut und Überzeugungskraft. Die schöne neue Sharing-Welt mit ihren Angeboten beschränkt sich bislang fast nur auf die Innenstadt. Wenn die Berliner auf ihr Auto verzichten sollen, braucht es Alternativen nicht nur in Mitte und Friedrichshain, sondern auch in Spandau und Köpenick. Je besser sie sind, desto weniger wird man dem Auto nachtrauern.

Zur Debatte "Verkehr - Kann das Auto weg?" schrieben ebenfalls: Karl Michael Ortmann, der sich gegen die Verkehrsanarchie am Stadtrand Berlins engagiert, Schauspielerin Liv Lisa Fries, die für einen Fahrrad-Systemwechsel plädiert, "Autopapst" Andreas Keßler für den die Verkehrswende nur mit Auto gelingen kann und Pensionär Reinhold Osterhus, der die Freiheit auf vier Rädern niemals missen möchte.

 

1 Kommentar - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Frank Fidorra
    Die Prämisse finde ich noch richtig: es gibt viel zu viele Autos in der Innenstadt. Hinsichtlich der Konsequenzen bin ich teils anderer Meinung.

    Der ÖPNV muss ausgebaut werden, soviel ist unstrittig. Sinnvoll ist das vor allem in den Außenbeziken von Berlin und im Speckgürtel in Brandenburg. In der Innenstadt ist das Netz bereits relativ dicht. Auch Zuglängen und Taktzeiten können nur in Grenzen optimiert werden. Wie viele Fahrgäste die BVG im Idealfall transportieren könnte, weiß ich nicht, ich befürchte aber, sie wäre mit den vielen Autofahrern zusätzlich zum bisherigen Fahrgastaufkommen überfordert, vor allem zu den Stoßzeiten.

    Auch das Fahrrad ist nur bedingt eine Alternative. Es ist ein Angebot für fitte Mitmenschen für kurze und mittlere Entfernungen - und wenn die Witterung passt und es kein Problem ist, verschwitzt am Ziel anzukommen.

    Um Missverständnissen vorzubeugen, ich bin auch dafür, den ÖPNV und den Fahrradverkehr zu stärken, aber das wird nicht reichen. Am Privatauto, am Lieferverkehr und anderen motorisierten Verkehrsteilnehmern wird auch in Zukunft kein Weg vorbei führen. Dieser Verkehr muss auf regenerativen Energien und unschädlichen Emissionen (z.B. Wasserdampf) beruhen.

    Und, um die schiere Anzahl zu reduzieren, muss der Privatverkehr soweit wie möglich auf Car-Sharing umgestellt werden. So richtig attraktiv wird das Konzept erst mit dem autonomen Fahren. Vor der Fahrt bestelle ich das Auto und 10 Minuten später steht das Gefährt vor meiner Haustür. Parkplatzsuche entfällt, bzw. ist automatisiert. So kann man die Zahl der Fahrzeuge in der Stadt vermutlich auf weniger als 30% des heutigen Standes reduzieren, ohne irgendeine Einbuße an Lebensqualität.