Verkehrswende hin oder her Das Auto ist ein Erfolgsmodell!

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"Autopapst"

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Andreas Keßler ist Autojournalist, Maschinenbau-Ingenieur und bekannt als "Auto-Papst".

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Zehn Debatten in zehn Wochen. Diese Woche: Verkehr - Kann das Auto weg? Der "Autopapst" hat eine klare Meinung. Er sagt: Schnell und spontan von A nach B? Das kann einem nur das Auto ermöglichen. Er fordert einen offenen Wettbewerb der Transportmittel.

Das Auto. Eine Erfolgsgeschichte! Ganz ohne Zweifel: Das Auto hat die Menschheit bewegt. Nicht nur im physikalischen Sinn von A nach B, sondern auch aus ihrer oft recht engen Sicht der Dinge hinaus in eine Welt voller Abenteuer, Chancen und vor allem Menschen, die man ohne das eigene Auto niemals getroffen hätte. Die oft spontane Erweiterung des individuellen Horizonts dürfte die größte Errungenschaft des Mobilitätsformats „Auto“ sein, die so nicht oder nur unvollständig von anderen Fortbewegungsmitteln erreicht werden konnte.

Das Auto leidet aktuell unter seinem eigenen Erfolg.

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Nun ist die Welt nicht stehen geblieben. Mehr als 130 Jahre sind ins Land gegangen, seit Carl Benz die Patenturkunde für den „Benz-Motorwagen“ erhalten hat. Mindestens vier Generationen sind mit dem Auto sozialisiert worden, höchstens zwei davon haben auch kritische Aspekte der „selbstbestimmten individuellen Mobilität“ erfahren. Das Auto leidet aktuell unter seinem eigenen Erfolg: Es gibt in Ballungsräumen zu viele davon auf zu wenig Raum, sie sind zu groß, sie belasten mit ihren Abgasen die Atemluft und beschleunigen den Klimawandel. Was liegt also näher, als sich vom Auto zu trennen und die Alternativen zu stärken? Weg mit den Blechkisten, rauf auf das Zweirad und rein in Bus und Bahn!

Würde man ein Mobilitätsangebot streichen, würde die anderen unter der Mehrbelastung zusammenbrechen.

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Leider ist unsere Gesellschaft nicht ganz so einfach strukturiert. Der Mobilitäts- und Transportbedarf ist inzwischen so gewaltig, dass jedes Mobilitätsformat bis an oder sogar über seine Kapazitätsgrenze hinaus nachgefragt ist. Wollte man eins davon „abschalten“, müsste man die darauf entfallenden Mobilitätsleistungen auf die verbleibenden Verkehrsträger verteilen und diese schlagartig vollends überlasten. Staus, Verspätungen und Ausfälle würden weiter zunehmen, womit keinem gedient wäre. Ein „digitaler“ Ausstieg aus dem Format „Auto“ ist also wenig empfehlenswert, trotzdem vergeht kein Tag, an dem das nicht mit geradezu religiösem Eifer lautstark gefordert wird. 

Das Gerede über Mobilitätswende erschöpft sich in drei Stichworten: ÖPNV, Fahrrad, E-Mobilität. Das reicht nicht.

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Sehr zu empfehlen ist hingegen eine ergebnis- und technologieoffene Diskussion zur Mobilität an sich, in der das Auto selbstverständlich gleichberechtigt vorkommen muss. Leider ist bislang unter dem Schlagwort „Mobilitätswende“ wenig passiert, wenn man die fast zwanghaften Verweise auf den öffentlichen Nahverkehr, das Fahrrad und die Elektromobilität vernachlässigt. Mehr fällt Verkehrsexperten und sich dazu zählenden „Lautsprechern“ offenbar nicht ein. Natürlich sind auch diese drei Mobilitätsformate genau wie das Auto Teil des Ganzen, aber eben nicht ausschließlich.

Das Auto ist zu gut, als dass man drauf verzichten könnte.

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Es gibt immer Mobilitätsaufgaben, für die sich das eine Format besser eignet als das andere. Dummerweise hat das Auto da sehr oft die Nase vorn, denn lustvoller, komfortabler und emotional ansprechender sind die „nicht-Auto-Alternativen“ leider selten. Aber wenn man Aspekte wie Reisezeit, Kosten, Raumbedarf und (last, but not least) das jeweils geltende Regelwerk für den gewünschten Einsatzzweck gewichtet, gerät das Auto auch schon mal ins Hintertreffen.

Die Konkurrenz muss besser werden als das Auto - schon allein für diesen Ansporn brauchen wir es.

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Das geschieht umso öfter, je besser der Wettbewerb aufgestellt ist. Allerdings muss sich die Konkurrenz auch heute noch an dem extrem attraktiven Mobilitätsmodell Auto messen lassen. Und das Auto hat die Latte nun einmal verdammt hoch gelegt, wenn es um Mobilität geht. Mancher glaubt sogar, zu hoch. Zu hoch für die Alternativen zum Auto, bei denen es immer ein bisschen um Verzicht und Gleichmacherei geht oder die nicht universell für jeden (wie das Auto) passen. Und genau deswegen brauchen wir das Auto auch in Zukunft: zur Motivation und als Ansporn der anderen Mitspieler.

Schnell und spontan von A nach B - darum geht es bei Mobilität. Das kann niemand außer ein Auto leisten.

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Das Auto kann in Zukunft kleiner, smarter, gerne etwas hübscher und seltener werden, aber trotzdem immer auch dort präsent sein, wo seine Alternativen nicht fahren können oder wollen. Denn auch in Zukunft wird das Auto nicht etwa 23 Stunden des Tages nur auf öffentlichem Raum herumstehen und dabei öffentlichen Raum belegen, sondern immer bereit stehen! Bereit für den Weg von A nach B, den ein Mensch mit einem großen Koffer spontan mal schnell mit ihm zurücklegen möchte. 

Zur Debatte "Verkehr - Kann das Auto weg?"schrieben auch Schauspielerin Liv Lisa Fries, die für einen Fahrrad-Systemwechsel plädiert, und der Pensionär  Reinhold Osterhus, der stattdessen seine Freiheit auf vier Rädern nicht missen möchte.

7 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Eckhard Schwarzenberger
    Autos stehen durchschnittlich 23 Stunden am Tag. Und wo stehen sie: auf Bürgersteigen, Grünstreifen (dem sogenannten Straßenbegleitgrün), Radfahrspuren, in zweiter Reihe, in Haltestellenbereichen, in Kreuzungsbereichen und natürlich auch an allen Ecken und Seiten wo das Parken nicht ausdrücklich verboten ist. Das allein wäre schon Grund genug, die Verschandelung unserer Umwelt durch diese Blechmonster zu beenden.
    Wieso kann ich als Käufer eines Autos selbstverständlich davon ausgehen, dass ich dieses im öffentlichen gemeinschaftlichen Raum kostenlos abstellen darf?
    Verbote allein reichen aber nicht. Denn wo nicht geahndet wird, schafft man sich Gewohnheitsrecht. Das Ordnungsamt verwarnte mich als Hundehalter kürzlich im Park weil mein Dackel zwar neben mir, aber unangeleint ging. In Blickweite standen fünf PKW im Parkverbot. Auf meine Frage diesbezüglich gab es nur ein Achselzucken. Und es geht noch weiter: Statt das Parkverbot durchzusetzen geht man mittlerweile dazu über Grünbegleitstreifen in Parkzonen umzuwidmen. Begründung auf Nachfrage: Man könne die Grünstreifen nicht ausreichend sichern, das Parkverbot nicht durchsetzen - zu wenig Personal.

    So wird das nichts mit Klimaschutz und Verkehrswende.
    Der Raum für Autos muss radikal beschnitten werden, sowohl im fliessenden als auch im stehenden Verkehr. Und das muss mit aller Konsequenz durchgesetzt werden. Ein Auto darf nur noch zur Zulassung anmelden, der einen privaten Abstellplatz vorweisen kann (siehe Tokio). Alternativ kann Parkraum im öffentlichen Raum für einen angemessen (hohen) Preis gemietet werden. Kostenloses Parken ist komplett tabu.

    Das alles muss getan werden, damit wir uns endlich wieder freier in der Stadt bewegen, freier atmen, ruhiger leben können. Es geht also nicht um eine Verbotskultur, sondern um Lebensqualität, Freiheit von den Zwängen, die uns das Auto in seiner Vielzahl auferlegt.
  2. von Karl der Baer
    Tjaja, auch ich bin vor ca. 25 Jahren noch munter & freudig mit der Kiste durch die Weltgeschichte gebrettert. – Ja, und auf der Autobahn habe ich bei entsprechenden Verkehrsverhältnissen und Fahrbahngegebenheiten zur Not auch gerne mal das Pedal durchgetreten.

    Aber es ist wie bei allem geldwirtschaftlich Überformten: Dem „Zu-Viel“ an inzwischen zugeladenen „Baustellen“ entspricht die Überzahl der Objekte selbst. – So habe ich schon Ende der 90er aufgegeben, mit dem Auto überhaupt noch in die Berliner Innenstadtbereiche zu fahren.

    Der weitere Stolperpunkt ist die Tatsache, dass für die meisten „Anwendungen“ der private PKW-Besitz überflüssig ist wie ein Kropf, aber kommerzielle „Car-Sharing“-Modelle oder Leihwagen eben kein stofflich-sachliches Äquivalent darstellen. Diesen Widerspruch kann auch nicht ausräumen, dass die heutigen Fahrzeuge trotz der nominellen „Vielfalt“ nicht nur zum Verwechseln gleich aussehen, sondern hässlichste Langeweile verbreiten.

    Essential: Nicht „das Auto“ ist das „Erfolgsmodell“, sondern seit 1825 die Eisenbahn. Diese aber erwähnen Sie nur einmal am Rande. – Dass aber insbesondere in der BRD der Schienenverkehr bis ca. 1979 (mit Ausnahme der BR 103) gar nicht und ansonsten erst in den letzten gut 20 Jahren nur ein klitzekleines bisschen vorangebracht wurde (neue Fahrzeugreihen), ist Ihnen kein Thema. Wäre seit den 60ern in der BRD keine eisenbahnerische Obstruktionspolitik, sondern Innovation angesagt gewesen, sähe einiges sehr anders aus. – Und nicht nur eine „W 114 /8“ ist grandioser Klassiker, sondern eben auch eine „E 18/118“!

    Und es gibt Leute, die meinen, selbst in der Schweiz ginge es noch besser, wenn die nur wollen würden!
    1. von Karl der Baer
      Antwort auf den Beitrag von Karl der Baer 28.08.2019, 12:03:15
      Ha! – Ja, im Freundeskreis hatten sich Anfang der 2000er dreie ein Auto miteinander geteilt, denn sie wohnten im fußläufigen 3-Minuten-Abstand. Alle hatten Schlüssel, und die Zulassung war im Fahrzeug untergebracht, supersicher versteckt. Zwei HUs überstand es noch, das recht häufig ausgelastete grüne Monster. Dann sprach der TÜV sein fatales Schlusswort.

      Bis dato aber funktionierte dieses kostengünstige Partizipationsmodell recht geschmeidig.
  3. von Stefan Grün
    Schnell und spontan von A nach B, das geht in einer Großstadt gar nicht mehr, weil die Straßen vollgestopft sind. Ich besitze seit 14 Jahren kein Auto mehr, weil ich für die Parkplatzsuche länger benötigte als das ich mit dem Auto fuhr. Außerdem wurde es mir zu mühsam, ständig zu überlegen, wo ich es geparkt habe, wann ich zum TÜV und Inspektion muss und wie oft ich es bewegen muss. Natürlich muss für Behinderte und Alte auf dem Land die Mobilität gewährleistet sein, aber viele wollen oder können aufgrund ihrer Erkrankungen gar nicht mehr Auto fahren. Das wird für andere Verkehrsteilnehmer zu gefährlich, deshalb sollte man ab 60 alle Autofahrer testen, sowohl auf die Augen und die Reaktionsfähigkeit. Wenn die nicht mehr gewährleistet sind, muss der Führerschein eingezogen werden, egal wie immobil der Mensch dann wird, denn dann werden andere gefährdet. Die meisten Autofahrer sind größtenteils übergewichtet und leiden an Herz Kreislauf Erkrankungen. Fahrradfahren und sich bewegen würde die Risiken aus den Erkrankungen minimieren, aber die Leute nehmen lieber Tabletten als die Ursache zu bekämpfen. Was passiert, wenn heute Benzin knapp wird, wenn endlich Fahrverbote durchgesetzt werden, dann haben die meisten keine Alternative. Sie haben Jahrzehnte zugesehen, wie Bus und Bahn sich aus der Fläche zurückgezogen haben und heute beschweren sie sich, dass sie auf ihr Auto angewiesen sind. Insbesondere in den östlichen Bundesländern hatte man eine hervorragende Schieneninfrastruktur, das wurde von heute auf morgen platt gemacht. Selbst elektrifizierte Strecken abgebaut und die DDR hatte kaum Dieselstrecken. Abgasarme O-Busse wurden verschrottet, Dank der Christenunion. Welche Ursachen dies hatte, mag jeder beim Rechenschaftsbericht der Parteien und deren kostenlose Leasingautos sich selbst ein Bild machen. Die Verkehrswende wird kommen, ob mit Autofetischisten oder ohne. Wenn sie nicht kommt, wird die Klimakatastrophe dies uns diktieren, ohne Freiwilligkeit.
    1. von Harald Mertes
      Antwort auf den Beitrag von Stefan Grün 28.08.2019, 11:20:30
      Ja natürlich, wenn ich kein Auto habe, darf es auch kein anderer haben. Also das Auto verbieten. Eine sehr tolerante Einstellung.

      Ansonsten scheint der Autor nie in der DDR gelebt zu haben. Es gab in der DDR viele Dieselstrecken. Noch heute gibt es das Ostthüringer Dieselnetz. Wer in der Hauptstadt der Republik lebte, bekam das so nicht mit. Aber die Strecke Gera-Weimar war eingleisig und ohne Oberleitung. Nach der Wende kam wenigstens ein zweites Gleis hinzu. Von Gera nach Greiz auch: ein Gleis ohne Oberleitung. Von Halle nach Heiligenstadt eine Oberleitung, aber nur ein Gleis. Das zweite Gleis gab's auch erst nach der Wende. Wer von Jena nach Merseburg wollte: ohne Umsteigen ging gar nichts. Bei Zugausfall stand man halt in Weißenfels. Pech gehabt. Wer von einer hervorragenden Schieneninfrastruktur redet, hatte die DDR nie mit wachen Augen gesehen.
  4. von Stefan Müller
    "Schnell und spontan von A nach B - darum geht es bei Mobilität. Das kann niemand außer ein Auto leisten."

    Diese Logik ist falsch. Mit dem Auto fahre ich von A nach A mit einem Zwischenstopp in B. Bei Zwischenstopp muss das Thema Parkplatz mitgedacht werden. Insbesondere, wenn es eigentlich zu viele Autos gibt. Sie exemplarisch die Parksituation am Oly oder rund um die Max-Schmeling-Halle.

    Das Auto wird es auch in Zukunft geben. In Form vom Carsharing kann man die Vorteile weiter nutzen. Bestenfalls ohne Verbrennermotor. Vielleicht werden 50% der Autofahrten in Zukunft anders gefahren.
  5. von Frank Fidorra
    Niemand kann ernsthaft den Erfolg des Automobils bezweifeln. Freilich gibt es gute Gründe dafür. Z.B. Schnell und spontan von A nach B zu kommen, womöglich mit Gepäck oder Familie (möchte ich hinzufügen).

    Was mir in dem Beitrag zu kurz kommt: die Gründe, warum die Automobilität derzeit in Frage steht. Es geht nicht nur um vollgestopfte Städte, dafür gäbe es andere technische Lösungen (z.B. mehr Parkhäuser, die Verpflichtung Neubauten immer mit Parkmöglichkeiten in Untergeschoss ausstatten zu müssen, mehr Verbindungstunnel zwischen wichtigen Verkehrsknotenpunkten, etc.). Auch das Schadstoffproblem lässt sich adressieren, z.B. indem Gesetze zu Grenzwerten nicht nur erlassen, sondern deren Umsetzung auch überprüft werden.

    Es geht um den Klimawandel. Die Forderung, die individuelle Mobilität in Städten neu zu denken lässt sich m.E. vom Problem des Klimawandels nicht lösen.

    Ich stimme Herrn Keßler zu, wenn er sagt, dass unser Leben sehr von Auto und Mobilität abhängt und dass ein Strukturwandel ein deutlich größeres Problem ist, als viele glauben. Dass wir also das Auto noch länger auf den Straßen sehen werden, als vielen lieb ist.

    Aber:

    Brauchen wir wirklich safaritaugliche Offroad-Vehikel, um in Berlin von A nach B zu kommen? Müssen es unbedingt tonnenschwere SUVs (oder andere große Automodelle) sein, mit denen man zur Arbeit oder zum Einkaufen fährt? Brauchen wir wirklich Motoren, die 100 PS und mehr leisten, um mobil zu sein?

    Ich denke, an dieser Stelle lässt sich relativ schnell und einfach relativ viel erreichen, indem alle Autos generell mal ein bis zwei Nummern kleiner werden. Alles, was es dafür braucht, ist eine wirksame CO2-Bepreisung. Gern auch mit entsprechenden finanziellen Entlastungen an anderen Stellen.

    Die CO2-Einsparungen gäben uns vielleicht die Zeit, die wir brauchen, um über grundsätzlichere Lösungen zur individuellen Mobilität nachzudenken.