Freiheit mit VW Käfer und Co. Autofahren ist Lebensfreude

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passionierter Autofahrer

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Reinhold Osterhus ist Pensionär und passionierter Autofahrer.

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Zehn Debatten in zehn Wochen. Diese Woche: Verkehr - Kann das Auto weg? Pensionär Reinhold Osterhus hat eine emotionale Bindung zum Verkehrsmittel und hält es in vielen Bereichen für unersetzbar.

Kann das Auto weg? Natürlich kann das Auto weg! Die Frage ist nur: Für wen gilt das? Denken wir an unsere Verpflegung. Wie sollen Menschen, die über kein eigenes Land zum Pflanzen und Ernten verfügen, ernährt werden? Wie soll die Nahrung für Millionen ohne Auto verteilt werden? Denken wir an Ärzte, Pflegekräfte, Seelsorger, Polizisten, Feuerwehrleute, die Tag und Nacht ihren Dienst verrichten und spontan verfügbar sein müssen. Sollen diese zu Fuß gehen, mit dem Fahrrad fahren oder sich ein Auto teilen?

Für Ärzte, Pflegekräfte, Seelsorger, Polizisten, Feuerwehrleute und Menschen auf dem Land ist das Auto unersetzbar.

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Denken wir an die Alten auf dem Land, denen das Auto ihre Unabhängigkeit gewährleistet. Denken wir an die Behinderten auf dem Land und in der Stadt, die kein Fahrrad fahren können. Denken wir an die Menschen im Gebirge, an die, die in abgelegenen Dörfern oder einzelnen Gehöften wohnen. Denken wir nicht zuletzt an unsere Verteidigung. Wie sollen Soldatinnen und Soldaten an die Front gelangen, wenn die Straßen zerstört sind und Flugzeuge ebenfalls abgeschafft wurden? Wie sollen die  Ausrüstungsgegenstände und Waffen mitgeführt werden? Doch wohl nicht in Lastenfahrrädern.

Natürlich kann das Auto weg. Die Frage ist nur für wen? Die Erde existierte die meiste Zeit ohne Auto. Aber auch ohne Menschen. Und jetzt spreche ich für mich. Arbeiterkind. Meine Eltern gaben alles, um ihren zwei Kindern eine Ausbildung und ein Studium zu ermöglichen. Sie hatten nie ein Auto. Dafür durfte mein Vater als 19-Jähriger vier Jahre für das Deutsche Reich in der Sowjetunion kämpfen. Er war überzeugter Sozialdemokrat und hat nur die SPD gewählt.

Das Auto ist Sinnbild für individuelle Freiheit und Lebensfreude.

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Einige in meinem Arbeiterstadtteil in meiner geliebten Heimatstadt Hamburg konnten sich nach vielen Jahren harter Arbeit einen Kleinwagen leisten, Lloyd, Goggomobil, Isetta, Messerschmidt und wenige einen Opel Rekord und Kapitalisten einen Opel Kapitän oder einen Mercedes. Manchmal wurde ich von Familien meiner Mitschüler in ihrem Auto mit an die Ostsee genommen. Im Auto, das Sinnbild für individuelle Freiheit und Lebensfreude war. Da das Arbeiterkind fleißig und begabt war, wurde ihm als einzigem Arbeiterkind in der Klasse Anfang der siebziger Jahre das Abitur ausgehändigt. Im gleichen Jahr machte ich den Führerschein, bezahlt von der Behörde, in die ich inzwischen eingetreten war. Ich hatte nicht das Geld, um den Führerscheinkurs zu bezahlen. Als mir ein Kollege einen VW-Käfer für 500 D-Mark anbot und ich Fahrpraxis brauchte, kaufte ich meinen ersten Wagen.

Das Auto wurde mein Freund. Ich kann gar nicht aufzählen, wie viele verschiedene Modelle ich fuhr. Ich war mit dem Auto am Nordkap, in Malaga, in der Türkei, ich bin mit dem Auto auf dem Balkan und in Afghanistan gefahren. Heute fahre ich einen Dacia Logan MCV Diesel mit einer Reichweite von bis zu 1500 Kilometern und zur Belohnung für mein hartes Arbeitsleben zusätzlich ein Goggomobil Coupé, wenn die Sonne scheint. Meine jährliche Fahrleistung beträgt etwa 45.000 Kilometer und das über Jahrzehnte hinweg.

Mit meinen Ausführungen möchte ich den Spannungsbogen zwischen Rationalität und Emotionalität verdeutlichen. Kann das Auto weg? Ja! Natürlich! Aber für wen und wer wird diese Entscheidung treffen? Betrachten wir zuletzt die Konsequenzen: Die Wirtschaftsleistung geht wieder bergab. Deutschlands Alleinstellungsmerkmal war seine Automobilindustrie. Täglich lesen wir von geplanten Entlassungen in der Zulieferungsindustrie und von möglicher Kurzarbeit in der Produktion.

Ohne Auto verliert man einen Großteil seiner Selbstständigkeit.

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Ohne Auto würde ich einen Großteil meiner Lebensfreude und Selbstständigkeit verlieren. Käme es trotzdem dazu, wäre ich nicht bereit, statt Auto zu fahren meine Zeit mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, mit Streamingdiensten oder Kommunikation am Telefon zu vergeuden. Dann würde ich lieber mein Öko-Obst zu Alkohol vergären, gemütlich auf der Terrasse sitzen und an die schöne Zeit mit Auto zurückdenken. Ganz zum Schluss verrate ich meinen Traum. Ich habe einen Freund in Zaporizhja in der Ukraine. Mit ihm möchte ich im Auto von Berlin nach Wladiwostok fahren und in jeder Stadt bei der Durchreise auf die deutsch-russisch-ukrainische Freundschaft anstoßen.

Zur Debatte "Verkehr - Kann das Auto weg?" schrieben bereits "Autopapst" Andreas Keßler, der einen offenen Wettbewerb der Verkehrsmittel fordert, und Schauspielerin Liv Lisa Fries, die für einen Systemwechsel plädiert - und für das Fahrradfahren.

10 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Thomas Isensee
    Ich habe mich schon lange gefragt, warum die Automobilindustrie nicht schon lange an einem Verkehrs- und Transportsystem gearbeitet hat, das nicht auf Umwelt- und Stadtzerstörung basiert. Dabei gibt es doch da alles, was es braucht: Geld und kompetente Betriebswirtschaftler und Ingenieure als Führungskräfte. Nix ist passiert.
    Herr Osterhus ist die Erklärung: in der Automobilindustrie regieren Menschen mit seiner einfach gestrickten Mentalität, mit seiner Auffassung von Lebensfreude - einen Haufen Blech und hohe Profite, die hohe Boni für die Führungskräfte bringen. Und die können sich drauf verlassen, dass die vielen Osterhuse vom kleinen Max bis zum "Automann" in der Politikspitze zu ihnen stehen, durch dick und dünn, auf Kosten der ganzen Gesellschaft, deren Lebensfreude offenbar nichts zählen soll.
    Es wird Zeit, dass die Mehrheit sich artikuliert und diesem Treiben ein Ende setzt!
    Thomas Isensee
  2. von Peter Müller
    Kann das Auto weg? Die Frage ist nur: Für wen gilt das?

    Die Frage wurde im Artikel direkt beantwortet: Es gilt nicht für Ärzte, Polizisten, Krankenschwestern, Gehbehinderte, usw.
    Daraus geht hervor, dass es für jene gilt, die Argumente wie "Lebensfreude" und "ich bin immer schon 45TKM im Jahr gefahren" vorbringen. Insbesondere, wenn man daran denkt, dass sich diese automobile Lebensfreude vor den Häusern anderer Leute abspielt, die deswegen kein Fenster öffnen können und dadurch massiv beeinträchtigt werden.

    Weshalb müssen auch hier wieder die o.a. Gruppen vorgeschoben werden, wenn es doch hauptsächlich um die eigene persönliche Vorliebe geht. Ehrlich ist das nicht.

    Und ja: Autos kann man teilen.
  3. von D. Popp
    Mich stört in dieser Debatte ungemein, dass immer wieder ein Popanz aufgebaut wird, der dann mit vermeintlich schlüssigen Argumenten "zerstört" wird. NIEMAND hat die Absicht, den Lieferverkehr zu untersagen oder die KFZ für Feuerwehr, Polizei, medizinische Versorgung etc. abzuschaffen. Also was soll dieses "Argument"?

    Sicher, damals(tm) war das Auto für viele ein Zeichen einer neugewonnenen Freiheit. Aber Zeiten ändern sich. Heute ist das Auto für viele eben ein Zeichen der maßlosen Überforderung der Verkehrswege insbesondere in den Städten geworden. Autos stehen im Weg, verpesten die Umwelt, verursachen eine immense Lärmbelästigung, etc.

    Die Zeit des "Autos für Jedermann" dürfte in absehbarer Zukunft zu Ende sein. Falls wir uns nicht schon vorher durch die immer mehr zunehmende Umweltzerstörung selbst wegmachen.

    Der Planat hat "Mensch". Eine Heilung scheint nicht in Sicht zu sein.
    1. von Matthias Böhme
      Antwort auf den Beitrag von D. Popp 28.08.2019, 10:47:40
      Das, was Sie schreiben, ist leider der weit verbreitete Irrtum. Das Autos heute das kosten, was sie kosten, also für die meisten irgendwie jedenfalls (mit Kredit, gebraucht) usw. erschwinglich ist, ist Folge des Massenprodukts. Wer die dem Einzelnen das Auto nimmt, reduziert den Fahrzeugbestand bis zur Unkenntlichkeit. Dann ist das Auto aber keine Massenware mehr, die Autos werden um ein Mehrfaches teurer als heute sein. Was das im Wege stehen von Autos angeht, liegt das doch vor allem auch daran, dass Kommunalpolitiker keine intelligenten Parklösungen anbieten. Die Schweiz hat das Problem gelöst, indem die Städte alle "unterkellert", sprich überall Tiefgaragen vorhanden sind. Und dass Auto umweltfreundlicher geht, zeigen die aktuellen Entwicklungen. Die Politik hat das doch bisher verhindert, indem sie mit den Automobilherstellern gemeinsame Sache gemacht hat.
    2. von D. Popp
      Antwort auf den Beitrag von Matthias Böhme 28.08.2019, 13:39:49
      Ich weiß nicht, was der erste Teil Ihrer Antwort mit meinem Beitrag zu tun hat. Ich hoffe stark, dass Autos in absehbarer Zeit eben kein Massenprodukt mehr sein werden.

      Autos stehen ja nicht nur geparkt im Weg rum, sondern auch, wenn sie eigentlich "mobil" sein sollten. Da wird im Stau, vor Ampeln und aus sonstigen Gründen rumgestanden. Dagegen helfen auch mehr oder weniger intelligente Parklösungen nicht.

      Ob ein Elektroauto insgesamt tatsächlich umweltfreundlicher ist, oder ob die Verschmutzung nur an anderer Stelle entsteht, dürfte noch nicht ausgemacht sein.
  4. von Stephan Sack
    Es gab eine Zeit da war Rauchen nicht schädlich, Schnaps am Sonntagmorgen kein Zeichen einer beginnenden Alkoholkrankheit und Autofahren die irrige, aber weit verbreitete Auffassung von persönlicher Freiheit. Wer heute dafür plädiert diese Freiheit weiter ausleben zu wollen ist in meine Augen entweder zu blöde oder zu egoistisch, um zu erkennen, dass jeder eine Verantwortung hat für den Planeten, auf dem wir wohnen. Die Verantwortung, dass unsere Enkel und deren Kinder hier auch noch einen Raum zum Leben haben.
    Wem als Alternative zum Autofahren nur der öffentlich-rechtliche Rundfunk, die Streamingdienste oder Telekomunikation einfällt kann Transportmittel offenbar nicht von Unterhaltung und Kommunikation unterscheiden. Aber was will man erwarten von jemanden, dessen bester Freund ein Haufen Blech ist?
    Wenn die Autoindustrie jahrelang erfolgreich war, dann ist das noch kein Qualitätssiegel das die Zukunftsfähigkeit dieses Industriezweiges bestätigt. Anders herum – Pferdefuhrwerke waren länger auf dem Markt, da hat sich dann auch keiner Gedanken darüber gemacht ob dieser Wirtschaftszweig deswegen erhalten bleiben müsste. Obwohl, hätte man darauf bestanden wären die vielen Alten auf dem Land ja auch ohne Auto noch mobil. So war es wenigsten einmal.
    Das Auto kann nicht weg, es muss weg. Das wird manchen aus der klimatisierten Komfortzone seines Sensorbestückten SUV befördern, das wird nach kreativen Lösungen verlangen. Aber es wird das Leben nachhaltig lebenswerter machen.
  5. von Peter Hübert
    Herr Osterhus, ich mache mir überhaupt keine Sorgen, dass Sie Ihr Auto morgen schon stilllegen müssen. Ist klar, dass der Wandel nicht von heute auf morgen kommt. Warum tut man aber so, als ob es morgen schon zur Schrottpresse gehen soll? Ich glaube aber ganz fest daran, dass in den Städten mit Zunahme der Alternativen und Verbesserung der Infrastruktur, die Menschen einen anderen Blick auf das Auto als vermeintliches Symbol für Freiheit schauen werden. Ich freue mich schon auf den Moment, wenn meine jetzt am Morgen schon von der Hitze aufgeheizten Straße, irgendwann nicht mehr 100 glühende Fahrzeuge stehen, sondern vielleicht nur 20. Und unter denen sind dann hoffentlich keine SUVs mehr. Dafür aber gibt es mehr Grün, mehr Sitzgelegenheiten, mehr nachbarschaftlichen Kontakt, spielende Kinder oder Dinge die ich mir jetzt noch nicht vorstellen kann. Ich sage Ihnen ganz ehrlich wie ich mich momentan fühle, wenn ich meinen vom stehenden und fahrenden Verkehr verödenden Kiez beschreite: Ich habe Blues. Mein Kiez ist kaputt. Zum Abschluss: „Die Autos geben den Menschen eine wunderbare Freiheit und vervielfachen ihre Möglichkeiten. Sie zerstören aber auch die Umwelt in so drastischen Ausmaß, dass sie alles soziale Leben töten.“ Ich weiß leider nicht wer diese klugen Worte geschrieben hat.
    1. von Peter Hübert
      Antwort auf den Beitrag von Peter Hübert 28.08.2019, 10:16:48
      Ich entschuldige mich die Fehler in meinem Kommentar. Ich hoffe meine Gedanken sind trotzdem nachvollziehbar.
    2. von Matthias Böhme
      Antwort auf den Beitrag von Peter Hübert 28.08.2019, 10:16:48
      Also, bei den Dieseln sieht es aber genau nach der zeitnahen Schrottpresse aus.
  6. von René Böttcher
    Dieser Kommentar fasst die Problematik sehr gut zusammen: Freiheit und Mobilität definieren sich heutzutage vor allem in Städten nicht mehr über das Auto, Autos sind auch nicht mehr die Statussymbole von einst, die emotionale Bindung die frühere Generationen zu einer Stahlkarosserie mit Verbrennugsmotor hatten ist längst pragmatischeren Ansichten gewichen, und es ist an der Zeit das sich die Emotionalisierung und Verklärung dieses Gebrauchsgegenstandes als Ausdruck der "persönlichen Freiheit" und "Lebensfreude" den Voraussetzungen einer im allgemein lebenswerten und sicheren Stadt unterordnet.
    Freunde findet man auch ohne Auto und selbst ohne Internet kann man mit ihnen in Kontakt bleiben wenn man denn will.