Ist Rechtschreibung überbewertet? Wissen, wann die Rechtschreibung zählt

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Prof. für Germanistik, Universität Siegen

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Wolfgang Steinig ist emeritierter Professor für Germanistik an der Universität Siegen. Seine Forschungsschwerpunkte sind Sprachdidaktik, Schreibforschung und Sprachevolution.

Schüler machen deutlich mehr Rechtschreibfehler als früher. Die Orthographie muss in den Schulen wieder eine größere Rolle spielen, denn es ist für uns alle wichtig, zu wissen, wann korrekte Rechtschreibung essentiell ist.

Die Rechtschreibreform sollte dazu führen, dass die Regeln einfacher werden und somit leichter erlernbar und weniger fehleranfällig. Doch dieses Ziel wurde verfehlt. Das am häufigsten falsch geschriebene Wort, früher daß, heute dass, ist nach wie vor Spitzenreiter. Die weitaus meisten Fehler werden bei der satzinternen Großschreibung gemacht. Alles klein zu schreiben außer Namen und Satzanfänge, so wie es in allen alphabetischen Schriften außer dem Deutschen üblich ist, das hätte tatsächlich zu einer deutlichen Reduktion der Fehler geführt. Auch die problematischen Bereiche der Schärfung (Sonne) und der Dehnung (Sahne) wurden von der Reform nicht berührt. Kein Wunder, dass die Fehlerzahlen nicht zurückgingen, sie stiegen sogar weiter an, aber das kann man nicht der Rechtschreibreform anlasten. Dazu sind die Bereiche, in denen etwas geändert wurde, einfach zu klein. Veränderte Schreibungen, die den Zorn mancher Bildungsbürger ausgelöst haben, beispielsweise Schifffahrt mit drei <fff>, sind zu selten, gemessen an den Fehlerzahlen in den problematischen Bereichen, die von der Reform nicht berührt wurden.

Die Rechtschreibreform führte zu mehr Beliebigkeit in der Rechtschreibung und verfehlte ihr Ziel.  

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Die Rechtschreibreform hat allerdings indirekt einen Flurschaden hinterlassen: nicht aufgrund von veränderten Regelungen, sondern aufgrund eines quälend langen Reformprozesses, der die Bevölkerung nachhaltig verunsichert hat. Ein wenig versierter Schreiber musste zu dem Eindruck kommen, dass sich die Experten offenbar nicht einig werden konnten, wie denn zu schreiben sei, und deshalb müsse man es wohl selbst auch nicht mehr so genau mit den Regeln nehmen. Hinzu kam die fatale Entscheidung, für zahlreiche Schreibungen zwei Varianten zuzulassen, was den Eindruck einer tendenziellen Beliebigkeit weiter verstärkte.

Man sollte wissen, wann es wichtig ist Rechtschreibfehler zu vermeiden. 

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Dennoch weiß jeder Erwachsene, dass es nach wie vor in manchen Situationen darauf ankommt, möglichst fehlerfrei zu schreiben: beim Schreiben an und in Behörden, Institutionen und Firmen, bei Bewerbungen, Leserbriefen, Adressen und Passwörtern oder beim Schreiben in Partnerbörsen. Um in unserer Schriftkultur erfolgreich zu sein, sollte man genau wissen, wann man Rechtschreibfehler vernachlässigen kann und wann man sie unbedingt vermeiden sollte.

Auch Schülerinnen und Schüler wissen heute, wann auf die Rechtschreibung geachtet werden muss und wann nicht. Sie wird zunehmend in spezielle Übungen ausgelagert. Die Verlage bieten eine Vielzahl von Materialien an, wo Schüler inhaltsleere Sätze ergänzen, Leerstellen ausfüllen oder ähnlich geschriebene Wörter in Listen eintragen, aber es findet deshalb noch lange kein Transfer zum Schreiben frei formulierter Texte statt.

Im Deutschunterricht der Grundschule werden mehr und mehr sog. ‚freie‘ Texte verfasst, bei denen die Schüler nicht auf die Rechtschreibung achten müssen, da dies angeblich ihre Kreativität hemmen könnte. Und beim Schreiben in anderen Schulfächern muss man auch nicht mehr darauf achten, jedenfalls fließen Fehler in Texten zur Sachkunde oder zum Religionsunterricht  nicht in die Benotung ein.

Im Anfangsunterricht schließlich kam es zu einer grundlegenden Neueinschätzung von Rechtschreibfehlern, die nun nicht mehr als Defizite stigmatisiert werden, sondern als ein ganz normaler, ja notwendiger Bestandteil des Schriftspracherwerbs, da sich Kinder die Regelungen selbsttätig, schrittweise und in ihrem eigenen Tempo aneignen würden, wobei Fehlschreibungen der Lehrkraft als diagnostische Fenster in diesem Aneignungsprozess dienen können. Und beim Schreiben auf elektronischen Medien außerhalb des Unterrichts hat die Rechtschreibung für Kinder gänzlich ihre Relevanz verloren.

Im neuen Bayerischen LehrplanPLUS (sic!) für die Grundschule von 2016 ist sie in die Rubrik „Sprachgebrauch und Sprache untersuchen und reflektieren“ geraten. Die Rechtschreibung wird so zu einem Spezialwissen, ähnlich wie die Grammatik, über die es sich lohnen kann, nachzudenken.  Von dem Ziel, die Schreibung von Wörtern und Satzzeichen weitgehend automatisiert zu beherrschen, ist so auch die Politik abgerückt.

Die Zahl der Rechtschreibfehler von Schülern hat im Laufe der Zeit deutlich zugenommen. 

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Es ist deshalb auch kein Wunder, dass die Fehlerzahlen deutlich zugenommen haben. Bei Viertklässlern aus dem Ruhrgebiet haben sie sich von 1972 bis 2012 mehr als verdoppelt, so jedenfalls das Ergebnis unserer Untersuchung zum Schreiben nach einem Film mit etwa tausend Schülerinnen und Schülern. Besonders stark war die Zunahme in den regelbasierten Bereichen, die nicht reformiert wurden.

Die Fehlerzahlen sind überproportional bei Kindern aus sozial schwachen Schichten angestiegen und zwar weitgehend unabhängig vom Migrationshintergrund. 2012 gab es so gut wie keine Unterschiede mehr zwischen einsprachig deutschen und zweisprachigen Kindern.

Kinder aus sozial schwachem Hintergrund haben mehr mit der Rechtschreibung zu kämpfen. 

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Mädchen machen etwas weniger Fehler als Jungen, aber der geschlechtsspezifische Unterschied ist deutlich geringer als der sozial bedingte. Bei diesem Befund ergab sich aber eine Ausnahme: Bei Kindern türkischer Herkunft ist der geschlechtsspezifische Unterschied im Vergleich mit allen übrigen Ethnien außergewöhnlich groß. Bei türkischen Jungen konnten wir 2012 hohe Fehlerzahlen feststellen, während türkische Mädchen besser als der Durchschnitt aller Kinder abschnitten. 

Hat sich dieser Trend zu einer schwächer werdenden Rechtschreibung bis heute fortgesetzt? Ich vermute, dass er sich etwas abgeschwächt hat oder sogar leicht zurückgegangen ist, da die heftige Kritik am „Schreiben nach Gehör“ mit Hilfe von sog. Anlauttabellen dazu geführt hat, dass die Rechtschreibung nicht nur im Anfangsunterricht wieder stärker beachtet wird.

Die Rechtschreibfähigkeiten der Schüler verbessern sich wieder. 

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Dass auch die Ergebnisse von Rechtschreibtests in letzter Zeit wieder etwas besser geworden sind, entspricht der heute besser entwickelten Fähigkeit zu unterscheiden, wann es auf die Rechtschreibung ankommt und wann nicht. Da in einem Rechtschreibtest die Aufmerksamkeit nur auf einzelne Schreibungen gerichtet ist, entsprechen diese Ergebnisse nicht einer normalen Schreibsituation. Es ist etwas anderes, beim Schreiben eines Textes sein Rechtschreibwissen ganz nebenbei automatisch zu aktivieren, um sich auf den Inhalt konzentrieren zu können, als sich darauf zu konzentrieren, einzelne Testwörter oder Sätze korrekt zu schreiben.

Kinder werden durch mangelnde Rechtschreibkenntnisse sozial gekennzeichnet. 

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Das größte Problem sehe ich darin, dass mangelnde Rechtschreibfähigkeiten Kinder sozial markieren, und zwar umso stärker, je weniger sich die Schule darum kümmert. Denn dann kompensieren Eltern aus bildungsnahen Schichten die Defizite ihrer Kinder und Kinder aus sozial schwachen Milieus werden abgehängt. Sie leiden am stärksten unter schlecht ausgebildeten Lehrkräften. 

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