Ist Rechtschreibung überbewertet? "Rechtschreipkaterstrofe": Verfällt die Leistung in der Schriftsprache?

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Bildungsforscher, Grundschulpädagoge und Schriftsprachdidaktiker

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Hans Brügelmann ist emeritierter Professor für Schriftsprachdidaktik und ein deutscher Bildungsforscher und Grundschulpädagoge. Seit seiner Pensionierung arbeitet Hans Brügelmann als freier Bildungsjournalist und und engagiert sich im Grundschulverband e.V.

Rechtschreiben gehört zur umfassenden Schriftsprachkompetenz, ist aber nicht der wichtigste Bestandteil! Es ist außerdem nicht eindeutig erwiesen, dass Schüler heute wirklich weniger Rechtschreibung beherrschen als Schüler vor 50 Jahren. 

Zunächst ist festzuhalten: Rechtschreibkönnen darf nicht isoliert betrachtet werden. Es ist Teil einer umfassenden Schriftsprachkompetenz: Ziel des Unterrichts ist das Verstehen fremder und das Verfassen eigener Texte. Die Rechtschreibung hat dabei eine dienende Funktion. Wem nutzt es, Belanglosigkeiten oder inhaltlichen Unsinn orthografisch korrekt schreiben zu können?

Das Verstehen fremder und das Verfassen eigener Texte ist wichtiger als die Rechtschreibung.

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Ob die Rechtschreibleistungen wirklich schlechter geworden sind, lässt sich zudem nicht eindeutig klären. Vor 50 oder gar 100 Jahren kam es darauf an, geübte Diktate aus einem beschränkten und geübten Wortschatz richtig zu schreiben. Heute muss man – in der Schule wie auch im Beruf - Texte zu ganz unterschiedlichen Themen schreiben und diese so überarbeiten, dass sie möglichst wenig Fehler enthalten. Dazu muss gelernt werden, wie man selbstständig neue Wörter übt, wie man sich wahrscheinliche Schreibweisen unbekannter Wörter erschließt, wie man im Wörterbuch nachschlägt usw.

Es gibt keine repräsentativen Nachweise für einen Leistungsverfall im Rechtschreiben in den letzten 60 Jahren.

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Historische Vergleiche von Schülerleistungen sind deshalb, aber auch aus forschungsmethodischen Gründen außerordentlich schwierig. Vor allem lassen sich im Nachhinein parallele Bedingungen für einen aussagekräftigen Vergleich kaum herstellen. Die Befunde des guten Dutzend verfügbarer Studien aus den letzten 60 Jahren sind deshalb mit großer entsprechender Vorsicht zu interpretieren – zumal sie je nach Aufgabe, Altersgruppe und Zeitraum sehr unterschiedliche Ergebnisse erbracht haben. Repräsentative Untersuchungen gibt es erst aus den letzten 10 -15 Jahren – mit eher positiven Ergebnissen. Auch für die Jahre davor lässt sich eine durchgängige Abnahme der Leistungen selbst für Diktate nicht nachweisen. Und: Ältere Erwachsene sind nicht rechtschreibsicherer als Jüngere. In Lesetests schneiden sie sogar eher schwächer ab.

Es kommt nicht auf die Unterrichtsmethode an, sondern auf Lehrkompetenz und den individuellen Schüler.

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Wie interpretationsbedürftig auch scheinbar „objektive“ Zahlen sind zeigt sich auch beim Vergleich von „alten“ und „neuen“ Unterrichtsmethoden. Die Leistungen der Schüler, die über das umstrittene „Schreiben nach Gehör“ im ersten(!) Schuljahr zum Lesen und Rechtschreiben gekommen sind, streuen am Ende der Grundschulzeit ähnlich breit wie die Leistungen derjenigen, die auf herkömmliche Weise gelernt haben. Methoden wirken nicht „technisch“, für ihre Wirkung kommt es in starkem Maße auf die Kompetenz der Lehrperson bei der Realisierung im Unterricht an. Insofern überrascht es nicht, dass sich die Leistungen der Schüler, die nach derselben Methode unterrichtet wurden, stärker unterscheiden als die Durchschnittsleistungen von Gruppen, die nach verschiedenen Methoden gelernt haben.

Das Schulsystem sollte mehr auf die unterschiedlichen Lernvoraussetzungen eingehen.

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Leistungsschwächen in Teilgruppen zeigen sich im Übrigen auch in anderen Leistungsbereichen: in Mathematik und Fremdsprachen, in Politik und Naturwissenschaften, in Sozialkompetenz und Selbstständigkeit. Es handelt sich also um ein sehr viel breiteres Problem, das vor allem mit sozialer Herkunft zu tun hat. Und damit, dass unser Schulsystem immer noch stark ausleseorientiert ist und zu wenig auf die unterschiedlichen Lernvoraussetzungen eingeht. Ob „Seepferdchen“ beim Schwimmen oder Führerschein beim Autofahren: Jeder bekommt die Zeit, die er braucht, um die notwendige Kompetenz zu erwerben. In der Schule aber sollen alle dasselbe in der gleichen Zeit lernen…

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