Ist Rechtschreibung überbewertet? Rechtschreibung ist auch heute nicht ganz unwichtig!

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Vorsitzender Deutscher Philologenverband (DPhV)

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Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes (DPHV)

Im persönlichen Gebrauch wird niemand gezwungen Rechtschreibregeln zu befolgen. An Schulen hat Rechtschreibunterricht trotzdem hohe Priorität, denn Rechtschreibung ist wichtig für Beruf, Zukunft und Einheit der Sprache. 

Rechtschreibfehler zu registrieren, ist bei mir eine Berufskrankheit. Das ärgert mich mitunter, wenn ich beispielsweise feststelle, dass mich in einem Restaurant die inkorrekten Schreibweisen in der Speisekarte von der eigentlich anstehenden Auswahl der Gerichte richtiggehend ablenken.

Rechtschreibung verliert an Einheit und Korrektheit, weil sich heute viel mehr Menschen in schriftlicher Form äußern.

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Und eines lässt sich ja schwerlich wegdiskutieren: Es hat wohl seit der Dudenreform noch nie eine Zeit gegeben, in der man mit so viel Rechtschreibfehlern wie heute konfrontiert wurde: in der Schule, bei der täglichen Zeitungslektüre, aber insbesondere eben im Alltag, beim Surfen im Internet, dem Lesen der E-Mails und WhatsApp-Nachrichten. Das liegt übrigens nicht in erster Linie daran, dass der Rechtschreibunterricht immer weniger Erfolg zeitigt, sondern eher daran, dass sich an der Produktion von schriftlichen Äußerungen Millionen von Menschen beteiligen, auf deren Schreibungen wir früher nie gestoßen wären. Wenn man heute das berüchtigte „nähmlich“ mit h googelt, dann stößt man auf über eine Million Treffer. Fast fühlt man sich an die Zeiten vor der Einführung einer einheitlichen Rechtschreibung erinnert, als ein Jacob Grimm in seiner Abhandlung über das Pedantische in der deutschen Sprache zu dem Schluss kam: „Mich schmerzt es tief gefunden zu haben, dasz kein volk unter allen, die mir bekannt sind, heute seine sprache so barbarisch schreibt wie das deutsche …“

Dabei muss man sich aber über eines im Klaren sein: Ein Restaurantchef kann seine Speisekarte in jeglicher Schreibweise verfassen, wie sie ihm gefällt. Es gibt kein Gesetz, keine Verordnung, die Menschen in Deutschland zwingt, sich nach den vereinbarten Rechtschreibregeln zu richten. Die sind nur verbindlich in Schulen und für Angehörige des Öffentlichen Dienstes in staatlichen Einrichtungen.

Niemand ist im persönlichen Sprachgebrauch gezwungen, sich an Rechtschreibregeln zu halten. 

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Also ist es nicht höchste Zeit, sich von der Vorstellung einer einheitlichen Rechtschreibung zu verabschieden und es mal ganz locker angehen zu lassen. Jeder schreibt so, wie er es für richtig hält bzw. „richtig“ gibt es dann gar nicht mehr, allenfalls persönliche Schreibweisen, die aber auch wechseln können. Goethe hat das übrigens gemacht, für ein und dieselbe Sache verschiedene Schreibweisen benutzt.

Ist nicht die Rechtschreibanarchie bei SMS, E-Mail und WhatsApp ein Musterbeispiel dafür, dass Kommunikation auch ohne Duden klappt und das Textverständnis kaum beeinträchtigt?Da ist Vorsicht geboten und zwar aus mehreren Gründen:

Rechtschreibfehler können das Lesetempo stark verringern.

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1. Der mehr als ein Jahrhundert dauernde Prozess hin zu seiner einheitlichen Rechtschreibung war keine Erfindung pedantischer Germanisten, sondern der besseren Lesbarkeit und leichteren Verschriftlichung von Texten geschuldet. Im „Handbuch Rechtschreibung“ weisen Peter Gallmann und Horst Sitta zurecht darauf  hin, dass einheitliche Schreibnormen „ die störungsfreie Verarbeitung von Geschriebenem durch unser Gehirn sicherstellen“ sollen. Allein die Weglassung von Kommata kann das Lesetempo dramatisch verringern.

Das Erlernen der deutschen Sprache wird erheblich schwieriger.

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2. Das Fehlen einer einheitlichen Rechtschreibung würde das Erlernen der deutschen Sprache für Nichtmuttersprachler erheblich erschweren. Feste Schriftbilder tragen zur Merkfähigkeit von Worten und Grammatikstrukturen nicht unerheblich bei.

Rechtschreibung ist wichtig für die Berufs- und Zukunftschancen. 

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3. Während im Alltag und sogar in der Schule einer korrekten Rechtschreibung scheinbar immer weniger Bedeutung beigemessen wird, spielt es bei Arbeitgebern, die Bewerbungen sichten, eine große Rolle. Er habe auf eine Stelle 150 Bewerbungen erhalten, sagte mir kürzlich der Personalchef einer größeren Firma im Dienstleistungsgewerbe. 40 davon habe er aufgrund von Rechtschreibfehlern und sprachlichen Schwächen bereits bei der Vorsichtung aussortiert. Auch sprachliche Schwächen in einem Kreditantrag haben gemäß einer Studie eine ähnliche Wirkung wie fehlerhafte Bewerberunterlagen: Die Erfolgschancen sinken massiv. Das machen übrigens Firmen nicht, weil sie Rechtschreibpedanten sind oder auch deshalb, weil sie glauben, dass korrekte Rechtschreibung ein Zeichen von Intelligenz sei, was übrigens  nachweislich nicht der Fall ist. Sie verfahren so, weil eine korrekte Rechtschreibung Rückschlüsse auf Disziplin und Ausdauer zulässt bzw. welchen Stellenwert der Bewerber selbst seiner Bewerbung zumisst.

4. Last but not least ist das Bemühen um eine korrekte Rechtschreibung jenseits der Ein-Satz- oder Halbsatz-Kommunikation in sozialen Netzwerken und Chatrooms ein Gebot der Höflichkeit, das die Wertschätzung dokumentiert, die man dem Adressaten entgegenbringt. So wundert es mich gar nicht, dass bei einer Befragung von Frauen, die eine Dating-Website nutzten, herauskam, dass mehr als die Hälfte bei der Online-Partnersuche auf korrekte Rechtschreibung und Grammatik großen Wert legen. Rechtschreibfehler mindern also offensichtlich auch die Chancen beim anderen Geschlecht …                                        Tatsache ist allerdings, dass nicht alle Menschen gleich auf Fehler in der Schriftsprache reagieren. Das hat eine kürzlich von der University of Michigan durchgeführte Studie herausgefunden (Julie Bolan, Robin Queen). Gewissenhafte und introvertierte Menschen konnten vor allem Tippfehler nicht akzeptieren, Grammatikfehler verziehen sie eher. Bei wenig verträglichen, extrovertierten und schwierigen Menschen verhielt es sich genau umgekehrt.

Rechtschreibunterricht in Schulen sollte einen hohen Stellenwert haben. 

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Vielleicht führen wir also die falsche Diskussion, nicht ob eine korrekte Rechtschreibung noch wichtig ist, sondern wann? Nein, Spaß beiseite:  Niemand ist im persönlichen Sprachgebrauch gezwungen, sich an Rechtschreibregeln zu halten. Trotzdem ist und bleibt es wichtig, in den Schulen dem Rechtschreibunterricht einen hohen Stellenwert einzuräumen, weil von der Fähigkeit zu einer korrekten Rechtschreibung auch Zukunftschancen junger Menschen abhängen, egal ob uns dies gefällt oder nicht.

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