Ist Rechtschreibung überbewertet?  Die Rechtschreibung ist ein ausgesprochen nützliches Werkzeug

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Direktor Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache

Expertise:

Prof. Dr. Michael Becker-Mrotzek ist Direktor des Mercator-Instituts für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache und Professor für deutsche Sprache und ihre Didaktik an der Universität zu Köln. Seine Forschungsschwerpunkte sind Sprachförderung, insbesondere im Bereich der Schreib- und Gesprächsdidaktik.

Die Frage ist nicht, ob die Rechtschreibleistungen sich verschlechtert haben, sondern, ob sie für unsere Gesellschaft ausreichen. Rechtschreibung sollte sinnvoll im Unterricht vermittelt werden und ist besonders für den Lesefluss von großer Bedeutung. 

In den Beiträgen von Heinz-Peter Meininger und Hans Brügelmann sind schon viele wichtige Argumente zur Bedeutung der Rechtschreibung benannt worden: Die Rechtschreibung ist ein wichtiges Werkzeug für die schriftliche Verständigung. Sie hilft uns, Texte zu schreiben und zu lesen. So wissen wir aus einer Schweizer Studie, dass zwar viele in sozialen Netzwerken ihre eigenen Texte gerne in der Mundart schreiben, aber nicht gerne lesen. Denn Texte mit einer stark abweichenden Schreibung sind nur mühsam zu lesen. Und genau aus diesem Grund hat sich ja auch im 19. und frühen 20. Jahrhundert eine einheitliche Rechtschreibung entwickelt – sie hilft vor allem den Leserinnen und Lesern beim schnellen und mühelosen Lesen.

Rechtschreibung ist keine Erfindung von Besserwissern, sondern das Ergebnis einer gesellschaftlichen Entwicklung.

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Die Frage, ob die Rechtschreibleistungen schlechter geworden sind, ist eine müßige Frage. Sie lässt sich nur schwer beantworten, weil sich die Bedingungen des Schreibens in den letzten 100 Jahren so stark verändert haben, dass hier eigentlich Äpfel mit Birnen verglichen werden. Allerdings zeigen alle vorliegenden seriösen Studien – wie Hans Brügelmann schon sagt – die Tendenz, dass die Rechtschreibleistungen nicht schlechter geworden sind. Und die eigentlich wichtige Frage ist doch, ob die Rechtschreibleistungen ausreichen für eine Gesellschaft, die ohne Schrift nicht mehr auskommt. Oder genauer gefragt:

Wie viel Abweichung oder Varianz verträgt die Rechtschreibung?                                    

Mit den zentralen Rechtschreibregeln lassen sich fast alle Wörter korrekt schreiben. 

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Dabei ist zu bedenken, dass das Schreiben völlig fehlerfreier Texte deutlich aufwändiger ist und auch mehr Lernzeit benötigt als das Schreiben mit einer gewissen Fehlertoleranz. Für den Deutschunterricht stellt sich die Frage, ob jenseits der zentralen Regeln alle Feinheiten an alle Schülerinnen und Schüler vermittelt werden sollen. Denn mit den zentralen Regeln lassen sich 90 Prozent und mehr aller Wörter korrekt schreiben. Dabei spielt die Zeichensetzung für das mühelose Lesen eine zentrale Rolle; dennoch wird gerade sie oft vernachlässigt. Hieran hat übrigens die Rechtschreibreform wenig geändert.

Rechtschreiben und Textschreiben sind zwei unterschiedliche Fähigkeiten.

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Kommen wir zu einer neuen Frage: In welchem Zusammenhang stehen Rechtschreibung und Textqualität? Oder anders gefragt: Sind korrekte Texte auch inhaltlich besser und umgekehrt? Das ist eine spannende Frage, weil – wie Heinz-Peter Meininger in seinem Beitrag ausführt – etwa Arbeitgeber von der Rechtschreibung eines Bewerbungsschreibens auf die Leistungsfähigkeit der Schreiber schließen. Ist das gerechtfertigt? Aus einer eigenen Studie zur Schreibkompetenz wissen wir, dass es sich beim Rechtschreiben und Textschreiben um zwei unterschiedliche Fähigkeiten handelt, die nur wenig miteinander zu tun haben.                                                                                                                                

Es gibt gute und schlechte Texte mit vielen bzw. wenigen Fehlern. Die Studie zeigt aber auch, dass Schülerinnen und Schüler der neunten Klasse deutlich weniger Fehler machen als solche aus der fünften Klasse. Auch in der Sekundarstufe verbessert sich die Rechtschreibung und die Schüler lernen dazu. Wir sehen zudem, dass es kaum Unterschiede zwischen unterschiedlichen Textsorten gibt. Wer also die Rechtschreibung beherrscht, nutzt sie in allen Texten gleichermaßen. Interessant ist des Weiteren, dass es – anders als vielfach vermutet – keine Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen gibt.

Die Rechtschreibung spielt beim Lesen und Verfassen von Texten eine wichtige Rolle.

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Aus der Leseforschung wissen wir, dass Kinder und Jugendliche, die einen Text nicht flüssig lesen können, den Inhalt oft nur schwer oder unvollständig verstehen und dann den Spaß am Lesen verlieren. Denn wer einen Text mühsam Buchstabe für Buchstabe und Wort für Wort entziffern muss, der belastet sein Arbeitsgedächtnis so stark, dass keine Kapazität mehr für die Verarbeitung der Inhalte bleibt. Deshalb bekommen schwache Leser spezielle Trainings, um ihre Leseflüssigkeit zu verbessern.

Ganz ähnlich ist es beim Schreiben: Nur wer einen Text flüssig schreibt, kann sich auf den Inhalt konzentrieren. Wer ein Wort Buchstabe für Buchstabe schreibt, hat nach dem zweiten oder dritten Wort bereits vergessen, was er schreiben wollte. Beim flüssigen Schreiben hilft zum einen ein Sichtwortschatz, also ein Bestand an häufig vorkommenden Wörtern, die automatisch geschrieben werden können. Und zum anderen die Rechtschreibregeln, die beim Schreiben seltener oder neuer Wörter zum Einsatz kommen. Auch diese Regeln – es sind am Ende eine überschaubare Anzahl – lassen sich lernen und vor allem automatisieren.

Man sollte Rechtschreibung auf vielfältige Weise im Unterricht vermitteln. 

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Sie gilt es Unterricht zu vermitteln und beim Schreiben von Texten nach und nach einzuüben. Dazu braucht es keine langweiligen Diktate, sondern vielfältige, herausfordernde und motivierende Schreibanlässe. Und beim Schreiben können und sollen alle Schreibmedien zum Einsatz kommen, Papier und Bleistift ebenso wie Computer, Tablets oder Smartphones.

Die Rechtschreibung ist also ein ausgesprochen nützliches Werkzeug für die schriftliche Verständigung – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Sie hilft Lesern und Schreibern gleichermaßen. Mit ihrer Hilfe lassen sich Texte leichter und flüssiger lesen und schreiben. 

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