Hass im Netz Ob Trolle Täter werden, ist kaum erforscht

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Wissenschaftlicher Mitarbeiter Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung

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Anselm Rink ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung forscht zu Radikalisierung von Christen und Muslimen.

Das Löschen von Hasskommentaren ist vermutlich nicht die beste Lösung. Besser wirken Kontakte zwischen ethnischen Gruppen, die Vorurteile abbauen.

Hass im Internet ist kein neues Phänomen. Schon die ersten Chatrooms, die in den 90iger Jahren das Internet bestimmten, wurden für fremdenfeindliche Hetze missbraucht. Der Anreiz Online-Foren für Hassbotschaften zu instrumentalisieren liegt auf der Hand: Das Internet gewährt Anonymität, Sanktionsmechanismen wirken kaum. Im digitalen Zeitalter steht die Person im Hinter- und die Nachricht im Vordergrund. Wurden im Mittelalter die Überbringer schlechter Nachrichten geköpft, so kann heute selbst der extremste Inhalt meist ohne Angst vor Konsequenzen publiziert werden. Doch wie besorgt sollten wir uns angesichts der neuen Hasswelle gegen Flüchtlinge im Internet zeigen? Als Sozialwissenschaftler stellen sich mir drei Fragen.

Die Hasskommentare werden mehr: In Deutschland brodelt es und das schlägt sich im Internet nieder

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Zunächst muss gefragt werden, ob es in der Tat einen Anstieg von fremdenfeindlichen Kommentaren gibt. Dabei sollte klar sein, dass jeder niederträchtige Kommentar gegen eine ethnische Minderheit einer zu viel ist. Doch ist eine gesellschaftliche Debatte insbesondere dann produktiv, wenn ein neues Phänomen diskutiert wird. Andernfalls wird lediglich reproduziert, was in anderen Situationen schon thematisiert wurde. Schließlich postet die NPD seit Jahren Hetze im Internet und es wurde lange bewusst davor zurückgeschreckt die Partei zu verbieten oder umfassende Zensur walten zu lassen. Dennoch scheint eine rudimentäre Analyse von Google Trends und Twitter-Hashtags zu bestätigen: Der Hass nimmt zu. Artikel zu Flüchtlingen werden hundertfach kommentiert, fremdenfeindliche Facebook-Gruppen werden schneller geöffnet als geschlossen. In Deutschland brodelt es und das schlägt sich im Internet nieder.

Es kann gut möglich sein, dass man Hass im Internet besser mit offenem Visier begegnet

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An dieser Stelle nun kommt eine demokratie-theoretische Überlegung ins Spiel: Rechtfertigt der Anstieg von Hasskommentaren die Einschränkung von Meinungsfreiheit? Sollen fremdenfeindliche Kommentare und Gruppen also beobachtet und gegebenenfalls gelöscht werden? Im Gegensatz zu den USA ist die Meinungsfreiheit in Deutschland kein absolutes Gut. Mit guten Gründen hat unsere Gesellschaft einst entschieden, das Leugnen des Holocausts unter Strafe zu stellen. Ideen können gefährlich werden. Doch kann es ebenso gefährlich sein, Ideen zu unterdrücken: radikale Ideen mögen den Untergrund; hier sind sie vor der beißenden Kritik der freiheitlichen Gesellschaft in Sicherheit. Der springende Punkt ist also, inwieweit die Schwemme an Hasskommentaren einer liberalen Gesellschaft wirklich gefährlich werden kann. Eine Studie des Politikwissenschaftlers Richard Nielsen vom Massachusetts Institute of Technology hat kürzlich gezeigt, dass das „Töten“ von Ideen – beispielsweise indem Hassprediger stumm gestellt werden – keinen wirklichen Erfolg hat. Es kann also gut möglich sein, dass man Hass im Internet besser mit offenem Visier begegnet. Oder aber man ignoriert ihn – das täte den Verfassern wohl am meisten weh.

Die Verbindung zwischen Worten und Taten ist komplex

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Zuletzt stellt sich die Frage, inwieweit der Hass im Internet in Verbindung zu tatsächlichen Straftaten steht. Wer ist Troll, wer ist Täter? Der kausale Zusammenhang zwischen Worten und Taten beschäftigt Sozialwissenschaftler seit Jahrzehnten.Justizminister Maas hat in einem Gastbeitrag im Spiegels hierzu seine Meinung klargestellt: „Gewalt beginnt mit Worten“. Die Verbindung zwischen Worten und Taten ist jedoch komplex. In diesem Kontext sollte zunächst daran erinnert werden, dass das Anstiften zu einer Straftat schon jetzt rechtswidrig ist. Es kann also letztlich nur um die Beziehung zwischen generellen Anfeindungen und Straftaten gehen. Diese Verbindung ist derzeit kaum erforscht. Ob fremdenfeindliche Übergriffe abnehmen würden, wenn man Hass im Internet einschränkte, ist also nicht mit Sicherheit zu beantworten.

Das Löschen von Hasskommentaren ist vermutlich nicht der sinnvollste Weg

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Der Umgang mit Hasskommentaren im Internet stellt selbst die stärkste Demokratie vor schwierige Herausforderungen. Vielleicht ist es jedoch zielführender, Anfeindungen als Symptom für tieferliegende Probleme zu verstehen. Hass-Kommentatoren scheinen von einer Mixtur aus Angst, Desinformation und Vorurteilen getrieben. Im Umgang mit diesem Problem lohnt ein Blick auf Gesellschaften, die vergleichbare ethnische Spannungen meistern mussten. Die Konfliktforschung hat in etlichen Studien gezeigt, dass Vorurteile und Angst am besten durch Kontakt zwischen ethnischen Gruppen reduziert werden können. Das Löschen von Hasskommentaren ist also vermutlich nicht der sinnvollste Weg, die Stimmung des Hasses im Internet zu überwinden.

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