Hass im Netz Der Hass bleibt oft in der "Filterbubble"

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Professor für Politikwissenschaft Universität Mainz

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Kai Arzheimer ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Mainz. Zu seinen Fachgebieten gehören die Wahlforschung, die Forschung zu rechtsextremen Einstellungen und die politische Psychologie.

Die Hasskommentare nehmen zu, ein Zeichen für eine Radikalisierung der Gesellschaft ist das nicht, ganz im Gegenteil.

Beinahe täglich berichten die Medien über die zunehmende Hetze im Internet: Politiker, Journalisten und normale Bürger mit ausländischen Wurzeln, vor allem aber die Flüchtlinge, die momentan nach Deutschland kommen, werden beschimpft und verächtlich gemacht. Nicht selten folgen auf die Diffamierung Drohungen oder der Aufruf zur Gewalt. Zumindest in einigen Fällen lässt sich nachweisen, dass Anschläge online geplant wurden.
Wird Deutschland extremistischer?

Aus den Hasskommentaren lässt sich nicht auf eine Zunahme extremistischer Einstellungen schließen - im Gegenteil

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Lässt sich aus dieser Verrohung der online geführten Debatte schließen, dass Deutschland zusehends rechtsextremistischer und fremdenfeindlicher wird? Das Gegenteil ist der Fall. Die Zahl der echten Rechtsextremisten - Personen, die sich zum Nationalsozialismus und ähnlichen Ideologien bekennen und die liberale Demokratie rundweg ablehnen - ist wegen des staatlichen und sozialen Drucks schwer zu erfassen, dürfte aber konstant im niedrigen einstelligen Prozentbereich liegen.
Interessanter ist das weitere Feld derer, die die Demokratie im Grundsatz akzeptieren, aber so starke Vorbehalte gegenüber bestimmten sozialen Gruppen haben, dass sie deren Rechte massiv einschränken wollen. Von solchen Tendenzen sind derzeit vor allem die Flüchtlinge sowie die in Deutschland lebenden Muslime, aber auch Menschen aus den ärmeren osteuropäischen EU-Staaten sowie die Roma betroffen. In ganz ähnlicher Weise wurden in der jüngeren Vergangenheit aber auch Polen, Ostdeutsche, oder deutsche Spätaussiedler und Vertriebene diskriminiert.

Insgesamt wird Deutschland toleranter, das belegen alle nationalen und internationalen Vergleichsstudien

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Alle nationalen und internationalen Vergleichsstudien belegen aber, dass in Deutschland die Bereitschaft zur Diskriminierung tendenziell sinkt. Besonders deutlich zeigt sich dies am Beispiel der rasant gestiegenen öffentlichen Unterstützung für die rechtliche Gleichstellung homosexueller Paare. Verglichen mit den 1980er Jahren ist die Bundesrepublik sehr viel weltoffener und toleranter geworden. Wie kommt es also zur Hetze im Netz?
Der raue Ton im Internet ist kein neues Phänomen. Neu sind jedoch das enorme Wachstum und die veränderte Zusammensetzung der Online-Öffentlichkeit. Eine wesentlich Ursache dafür ist das Wachstum von Facebook, dessen Nutzerzahlen in Deutschland sich seit Anfang 2010 mehr als verfünffacht haben. Inzwischen zählt etwa ein Drittel der Bevölkerung zu den aktiven Nutzern des Dienstes.
Online- und Offline-Kommunikation unterscheiden sich stark: Oft kennen sich die Interaktionspartner nicht persönlich. Soziale Beziehungen können deshalb ebenso schnell aufgebaut wie abgebrochen werden, ohne dass man negative Konsequenzen fürchten muss. Online-Diskussionen sind keine Briefromane, vielmehr schreibt man, wie man sprechen würde. Zugleich fehlen nonverbale Kommunikationskanäle - Mimik, Gestik, Tonfall. Dadurch gehen wichtige Nuancen verloren, und es kommt rasch zu Missverständnissen. Durch die Schriftlichkeit gewinnen Aussagen, die im normalen Gespräch daher gesagt werden, eine oft verstörende Verbindlichkeit.

Durch die Schriftlichkeit gewinnt Dahergesagtes eine oft verstörende Verbindlichkeit

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Hinzu kommt ein weiteres Phänomen: Online-Foren ziehen oft diejenigen an, die ein besonders intensives Interesse an einem bestimmten Thema haben. In Alltagsgesprächen zwischen Menschen, die sich nur flüchtig kennen, werden potentiell heikle Themen oft vermieden, um Konflikte und Misshelligkeiten zu vermeiden. Online hingegen suchen und finden viele ein Forum, in dem sie ihre Meinung möglichst lautstark und ohne Rücksicht auf Verluste äußern können.
In der Frühzeit des Internets führten diese Konstellation zu den “flame wars”, in denen aus Diskussionen über Technik Glaubenskriege entstehen konnten. Trotz homogener gemeinsamer Interessen und eines sehr hohen Bildungsniveaus konnte ein neues System von Kommunikationsnormen, die sogenannte “Netiquette”, nur langsam und unvollständig durchgesetzt werden.

Durch Facebooks große Nutzerzahlen werden die hässlichen Seiten der Onlinekommunikation sichtbarer

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Der Mehrzahl derjenigen, die sich heute im Internet äußern, fehlt diese Sozialisationerfahrung aber gänzlich. An die Stelle vieler spezialisierter Foren mit wenigen aktiven Mitgliedern ist mit Facebook ein universelles Kommunikationsnetzwerk mit einer kritischen Masse von Benutzern getreten, das überdies den Zugang zu den Kommentarseiten vieler Websites eröffnet. Allein dadurch, dass so viele Menschen in einem quasi-öffentlichen Raum kommunizieren, werden die hässlichen Seiten der Online-Kommunikation auf breiterer Front sichtbar als noch vor einigen Jahren.
Hinzu kommen drei Spezifika: Erstens verschwimmen auf Facebook systembedingt die Grenzen zwischen privater und öffentlicher Kommunikation. Fragwürdige Inhalte die früher per Kettenemail verschickt wurden, werden nun (oft unabsichtlich) mit einem größeren Publikum geteilt. Zweitens ist Facebook gezielt auf das rasche Teilen multimedialer Inhalte ausgelegt, die eine Emotionalisierung fördern. Dies wird (auch) von politischen Akteuren aus dem rechten Spektrum gezielt genutzt. Drittens schließlich ist der in Facebook implementierte Algorithmus darauf ausgelegt, vor allem solche Inhalte zu präsentieren, die dem Benutzer gefallen. Zumindest in der Theorie hat dieser “Filterbubble"-Effekt zur Folge, dass bereits vorhandene Meinungen verstärkt werden und es zu einer Polarisierung und Fragmentierung der Online-Öffentlichkeit kommt.

Die "Filterbubble" führt dazu, dass die Kommentare ihre Adressaten oft gar nicht erreichen

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Wie wirken Hasskommentare, und was kann man tun? Dass Drohungen und Hasskommentare die Betroffenen in ihren Persönlichkeitsrechten verletzen und oft auch eine erhebliche psychische Belastung darstellen, steht außer Frage. Paradoxerweise führen Filterbubble-Effekt und selektive Zuwendung zu attraktiveren Inhalten aber häufig dazu, dass Online-Hetze ihre Ziele gar nicht erreicht. Interessanter ist deshalb vielleicht die Frage, wie Hasskommentare auf ihre Produzenten selbst und auf deren Online-Umfeld wirken. Hier kann die kommunikative Isolation dazu führen, dass Angehörige einer radikalen Minderheit glauben, für die Mehrheit der Bevölkerung zu sprechen. Eine weitere Radikalisierung kann die Folge sein.

Eingeschworene Feinde durch Argumente überzeugen zu wollen, wäre vergebliche Liebesmüh

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Solche eingeschworenen Fremdenfeinde durch Argumente überzeugen zu wollen, wäre vergebliche Liebesmühe. Zu dieser Gruppe zählen aber die wenigsten Nutzer der sozialen Netzwerke. Wenn Bekannte oder gar Freunde im Internet Hassbotschaften teilen, lohnt es sich, sachlich nach Quellen zu fragen und Gegenargumente aufzuzählen. Noch sind die Fronten nicht verhärtet.

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