Das Sterben der letzten Zeitzeugen  Der Holocaust wird von Zeitgeschichte zu Geschichte

Bild von Charlotte Knobloch
Präsidentin, Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern

Expertise:

Charlotte Knobloch ist seit 1985 Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Von 2005 bis 2013 war sie Vizepräsidentin des Jüdischen Weltkongresses (WJC). Vom 7. Juni 2006 bis zum 28. November 2010 war sie Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. 1942 nahm eine Familie sie auf, gab sie als eigenes Kind aus und rettete sie somit vor dem Holocaust.

Auch ohne die Zeitzeugen bleibt die Geschichte ein fester Bestandteil des kollektiven Bewusstseins. Es wird sich eine neue Form der Sachlichkeit einstellen, die Emotionalität wird weniger werden. Das muss nicht schlecht sein. 

„Braucht es Zeitzeugen um die Geschichte an nachfolgende Generationen zu vermitteln?“ werde ich immer häufiger gefragt. Meine Antwort lautet: Nein. Ansonsten wäre „Geschichte“ immer nur der Rückblick auf maximal 100 Jahre. Erinnerung kann und muss auch ohne Zeitzeugen stattfinden und funktionieren. Aber sie verändert sich – zwangsläufig.

Der Holocaust wird von Zeitgeschichte zu Geschichte 

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Wir stehen an einer historischen Schwelle. Die Zeit des Nationalsozialismus entschwindet ihrer Genossenschaft. Der Holocaust wird von Zeitgeschichte zu Geschichte. Mit den letzten Zeugen brechen bisher tragende Säulen der deutschen Erinnerungskultur weg und es ist an den nachfolgenden Generationen, das Gerüst einer klugen und nachhaltigen Kultur des Gedenkens stabil zu halten und eigenverantwortlich auszubauen. Die Zeitzeugen hatten, beziehungsweise haben noch eine zentrale Bedeutung. Sie können etwas leisten, was kein Geschichtsbuch, kein Besuch einer Gedenkstätte oder eines Dokumentationszentrums, keine Geschichtsstunde und kein auch noch so guter Lehrer bewirken kann. Die Begegnung, das Gespräch mit einem Zeitzeugen, das Nachspüren seines persönlichen Schicksals, löst im Gegenüber Betroffenheit aus – und unweigerlich Nachdenklichkeit. Und Nachdenklichkeit zählt zu den knappen Ressourcen unserer Zeit. Indem „Opfer“ – aber auch „Täter“ – als Menschen erlebt werden, stellt sich im besten Fall die Erkenntnis ein: Der Mensch ist zu Unmenschlichkeit imstande. Das ist im Kern die Botschaft des Holocaust – sie ist universell, international und generationsübergreifend. Es ist zugleich der Grund, warum Erinnerung niemals enden darf, warum es ohne Geschichte keine Zukunft gibt. Um es mit den Worten des spanischen Philosophen George Santayana zu sagen: „Wer sich seiner Vergangenheit nicht erinnert, ist verurteilt, sie zu wiederholen.“

Erinnerungskultur muss mit der Vermittlung eines aufgeklärten Patriotismus einhergehen

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Der Holocaust, jenes präzedenzlose, singuläre Verbrechen der Menschheitsgeschichte ist in letzter Konsequenz unvorstellbar – bis heute, für Juden wie für Nicht-Juden gleichermaßen. Doch nichts passierte einfach so. Es waren Menschen, die das schleichende Schikanieren, die Ächtung und Entrechtung vorantrieben. Es waren Menschen, die die Enteignung, die Verfolgung und die Ermordung befahlen. Es waren Menschen, die massenhaft, millionenfach quälten und ermordeten. Und es waren Menschen, die dem zustimmten, applaudierten, es mittrugen, billigend in Kauf nahmen oder schlicht wegsahen. So schmerzhaft und unerträglich es ist: Niemand kann sich vor der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit verstecken. Entscheidend ist der richtige Umgang mit dem Ungeheuerlichen. Dabei gibt es zwei Fehler, die das originäre, bei jungen Menschen durchaus vorhandene Interesse an der Geschichte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit abtöten. 1.) Wenn den jungen Menschen ein wie auch immer gearteter Schuldvorwurf gemacht oder bei ihnen Scham provoziert wird. 2.) Wenn den jungen Menschen nicht unmissverständlich deutlich gemacht wird, dass das Vergangene unmittelbar mit ihrem Leben, mit ihrer Gegenwart, mit ihrer Zukunft zu tun hat. Erinnerungskultur braucht den Brückenschlag in die Gegenwart und sie muss einhergehen mit der Vermittlung eines gesunden, geläuterten, aufgeklärten Patriotismus, der weder von nationalistischem Hochmut geprägt ist noch von Kleinmut, welchem ein suggerierter Schuldkomplex zugrunde liegt, und der früher oder später zu einer hochexplosiven Trotz- oder Abwehrreaktion führen kann.

Die moralische Keule muss bei der Aufklärung im Schrank bleiben

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Ich wünsche mir, dass die jüngeren und jungen Menschen in unserem Land, sowie die nachfolgenden Generationen die Aufarbeitung der Geschichte selbstbewusst und aus eigenem Antrieb in die Hand nehmen. Ich wünsche mir, dass sie verstehen, dass Freiheit und Demokratie verletzlich sind, verteidigt werden müssen, dass die Decke der Zivilisation dünn und dass es ihre ureigene Verantwortung ist, das friedliche und respektvolle Gemeinwesen, ihre Zukunft mitzugestalten. Ich habe großes Vertrauen in die jungen Menschen. Sie haben als Erkenntnisgeneration den Stab der Erinnerung angenommen. Im Gegensatz zur Erlebnisgeneration, müssen Sie die Geschichte mit eigenen Nachforschungen erkunden. Das erfordert Motivation und Ausdauer, aber ich bin sicher, dass die jungen Menschen dies wollen und können, wenn man sie unterstützt und sie nicht mit destruktiver emotionaler Überforderung bremst. Deswegen: Finger weg vom Zeigefinger, die moralische Keule muss im Schrank bleiben. Die jungen Menschen sind imstande, Richtig und Falsch, Gut und Böse selbstständig zu erkennen.

Ohne Zeitzeugen werden sich die Erzählung des Holocausts und die Gedenkkultur verändern

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

In der Ära ohne Zeitzeugen werden sich die Erzählung des Holocausts und die Gedenkkultur verändern. Ohne Empirie wird sich eine neue Form der Sachlichkeit einstellen, die Emotionalität wird weniger werden. Das kann von Vorteil sein. Es kann aber auch zu weniger Betroffenheit und mithin größerer Distanz und schließlich Gleichgültigkeit führen. Genau aus diesem Grund bedarf es mit wachsender Distanz zu den historischen Ereignissen für die jungen Menschen nachvollziehbarer Bezüge zu ihrer Gegenwart. Dabei gilt es, Ähnlichkeiten herauszuarbeiten und nicht Vergleiche anzustellen, die zwangsläufig hinken, denn der Holocaust ist – Gott sei Dank – mit nichts vergleichbar, was wir gegenwärtig erleben. Historische Vergleiche können relativieren, statt zu sensibilisieren. Es reicht aus, die Missstände der Gegenwart herauszuarbeiten, ohne ein neues 1933 herbeizuphantasieren. Die Lehren aus der Vergangenheit sind nötig, um gegenwärtige Fehlentwicklungen zu erkennen, etwa die braune Renaissance in ganz Europa – auch hierzulande, oder die erstarkende Judenfeindschaft in all ihren Ausprägungen (rechter Antisemitismus, linker Antisemitismus, muslimischer Antisemitismus, Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft). Weltweit werden wir heute Zeugen von Krieg und grausamem Terror. Aber auch auf den Schulhöfen, an den Stammtischen, in den Fußballstadien und auf unserer Straßen hören und sehen wir menschenverachtende Exzesse, die wir als freiheitliche Demokraten nicht hinnehmen können. Wer schweigt, wer wegschaut, macht sich ein Stück weit mitschuldig.

 Einer Gesellschaft ohne Geschichtsbewusstsein droht neues Unheil

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Deswegen dürfen die historischen Ereignisse nicht vergessen werden. Auch ohne die Zeitzeugen bleibt die Geschichte ein fester Bestandteil des kollektiven Bewusstseins. Die Gegenwart hat einen Kontext. Einer Gesellschaft ohne Geschichtsbewusstsein droht neues Unheil, das sich verhindern ließe, wenn man die Lehren aus der Geschichte zieht und beherzigt. Denn völlig richtig stellte der US-Schriftsteller William Faulkner fest: „Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen.“ 

Sie können an dieser Stelle derzeit keinen Kommentar schreiben.