Historie und ihre Zeugen Die Erinnerung ist unsterblich

Bild von Wolfgang Benz
Historiker Technische Universität Berlin

Expertise:

Der Historiker Prof. Dr. Wolfgang Benz lehrte bis 2011 an der TU Berlin und war von 1990 bis 2011 Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU.

Zeitzeugen schenken wertvolle Berichte. Historiker ordnen das Subjektive in einen historischen Kontext ein. Sie sind Partner, die einander nie ersetzen können. 

Jedem Opfer von Verfolgung gebührt Dank und Respekt für die Bereitschaft, über traumatische Bedrohung seiner Existenz auszusagen, die Erinnerung öffentlich zu machen, sich auszusetzen, Verletzung in der Wiederholung neu zu erleiden. Das umso mehr, als in den ersten Jahrzehnten nach NS-Herrschaft und Holocaust kaum jemand die Stimme der Zeitzeugen hören wollte. Inzwischen wird ihr zu erwartendes Verstummen als kulturelles Unglück betrauert. Die monotone Klage, wie es mit der Erinnerung weitergehe, wenn die Zeitzeugen gestorben sind, könnte den Eindruck erwecken, sie würden alle Kenntnis der Vergangenheit mit ins Grab nehmen und die Menschheit sänke ins archaische Stadium vollkommener Unwissenheit und Ahnungslosigkeit zurück.

Aber wozu gibt es Historiker? Deren Aufgabe ist es doch, nach den Regeln ihrer Kunst Geschichte darzustellen, in allen Einzelheiten und mit dem Blick auf das Ganze, den der Erlebende nicht haben kann. Und außerdem: Haben die Zeugen ihre Pflicht nicht längst getan? Ihr Wissen ist in Büchern und Filmdokumenten, auf Tonträgern und Festplatten gespeichert und abrufbar. Primo Levi und Hermann Langbein, Richard Glazar und Moshe Beirach oder Lina Haag und Max Mannheimer sind längst unsterblich, weil ihre Erinnerungen literarische Gestalt gefunden haben und zitierbar sind.

Zeitzeugen und Historiker sind keine Konkurrenten, sie ergänzen einander.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Der Historiker sei der natürliche Feind des Zeitzeugen, lautet ein verbreiteter Spruch. Die gerne zitierte Metapher ist natürlich falsch, weil sie einen grundsätzlichen Gegensatz konstruiert, und töricht, weil sie beide Seiten denunziert. Aber der Anspruch auf Authentizität (versus Quellenstudium und Literaturexegese), verbunden mit dem moralischen Postulat des Zeitzeugen, die Wiederholung des Verbrechens verhindern zu müssen (versus objektiver Wissenschaftlichkeit), kann durchaus zu Spannungen führen, vor allem dann, wenn Ansprüche auf Deutungshoheit erhoben werden. Das Publikum einschließlich Medien und Politik, ist unreflektiert auf der Seite des Zeitzeugen, weil er für Authentizität steht und, weil er dabei war, es deshalb scheinbar besser wissen muss als der Historiograf, der sein Wissen ohne persönliches Leid aus Quellen schöpft. Was den Historiker vom Zeitzeugen unterscheidet, ist die Pflicht zur Erforschung der Details, zur Interpretation und zur Einfügung des individuellen Berichtes in das Ganze, in die Historiographie des Völkermords. Historiker und Zeitzeugen sind aufeinander angewiesen, was nicht immer allen Beteiligten klar ist. Der Erlebende bringt sein Zeugnis als Quelle ein, der Historiker hilft als Interpret durch die Bestätigung von faktischen Sachverhalten, gibt dem Zeugnis seinen Platz in der kollektiven Erinnerung und fügt die Summe der Zeugnisse in die Deutung des Geschehenen ein. Die Emotionen der Verfolgung sind also unentbehrliche Quellen, nicht, weil sie erst die Verfolgung beweisen würden und müssten (dazu gibt es hinlängliches Material, das von den Tätern selber erzeugt wurde), sondern weil sie die menschliche Dimension der Katastrophe deutlich und in Ansätzen auch nachvollziehbar machen.

Subjektive Berichte sollten im öffentlichen Raum stets durch eine historische Einordnung begleitet werden.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Der Zeitzeuge/die Zeitzeugin als emblematische Figur agiert in unterschiedlichen Zusammenhängen auf verschiedenen Ebenen. Der forensische Zeitzeuge tritt bei öffentlichen Ritualen — Gedenkfeiern und dergleichen — vor das Publikum. Der pädagogische Zeitzeuge hat sein Wirkungsfeld in der Schule. Der mediale Zeitzeuge erscheint im Fernsehen, Hörfunk und in Printmedien und macht Features und Reportagen durch „O-Ton“ authentisch oder er wirkt autoritativ in Sachen „öffentliche Meinung“, als Kommentator, Teilnehmer an Talkshows usw.

Die Rolle des Zeitzeugen als Historiograf und Chronist ist in der Sache ein Widerspruch in sich. Deshalb ist es problematisch, wenn im öffentlichen Raum – ganz gleich ob im Fernsehen, in der Gedenkstätte oder in der Schule – der Zeitzeugenschaft die Deutungshoheit zugleich mit der didaktischen Kompetenz überlassen ist wie in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, wo ehemalige Gefangene der DDR-Staatssicherheit Besucher durch das einstige Gefängnis führen und mit schwarzer Pädagogik Entsetzen und Verstörung bei Schülern auslösen. Dafür muss man nicht die Zeitzeugen verantwortlich machen, wohl aber diejenigen, die ihnen das Feld überlassen. Das Problem übertragener oder usurpierter Deutungshoheit tritt keineswegs nur bei der Aufarbeitung jüngerer Vergangenheit wie der DDR-Geschichte auf, die gleiche Schwierigkeit besteht in der KZ-Gedenkstätte, wenn Besuchern eine subjektive Sicht oktroyiert werden soll, die mit der historischen Wirklichkeit in Widerspruch steht.

Historiker werden die Emotionen eines Zeitzeugen nie ersetzen können.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Historiker und Zeugen sind keine Gegner, sondern Partner. Aber ihre unterschiedlichen Domänen, sind zu respektieren: Die Emotion des Zeitzeugen, der Auschwitz erfahren hat, ist heilig und er verdient Dank, wenn er darüber berichtet. Die Erklärung, warum Hitler diesen oder jenen Entschluss fasste, weshalb dieses oder jenes Unheil geschah, ist jedoch nicht Sache des Zeitzeugen, sondern obliegt dem Historiker. So wenig der eine die Gefühle der Vernichtung vermitteln kann, so überfordert ist der andere, wenn faktische Probleme der Verfolgung und der Entschlussbildung dazu zu erklären sind. Die (oft absichtsvolle, gelegentlich usurpierte, meist unbewusste) Verwechslung der Rollen des Zeugen und des Historikers ist freilich seit langem öffentlicher Brauch. Und daher rührt auch die Klage über den vermeintlichen Verlust der Historie, wenn die Zeugen die Bühne verlassen haben.

Sie können an dieser Stelle derzeit keinen Kommentar schreiben.