Zeitzeugen als Geschichtsquelle  Der Zeitzeuge ist der beste Freund und schlimmste Feind des Historikers 

Bild von Wolfgang Wippermann
Historiker Freie Universität Berlin

Expertise:

Professor für Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin. Gastprofessuren in Innsbruck, Peking (Teachers College), Bloomington (Indiana University), Minneapolis (University of Minnesota) und Durham (Duke University). Veröffentlichungen zur Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen, der Juden und Sinti und Roma sowie des Bonapartismus, Faschismus und Nationalsozialismus.

Zeitzeugen können den Historikern bei der Vermittlung und Darstellung der Geschichte helfen. Zeitzeugenberichte sind jedoch subjektiv gefärbt und verändern sich im Laufe der Zeit. Sie können die Vermittlung von Wissen ergänzen, aber keineswegs ersetzen.

„Das kannst Du gar nicht wissen. Du warst doch nicht dabei.“ Diese Vorwürfe wurden mir nach einem Vortrag gemacht, den ich Anfang der 1980er Jahre in meiner Heimatstadt Bremerhaven über die nationalsozialistische Verfolgung der Juden in Bremerhaven hielt. Meine durch schriftliche Dokumente belegte Darstellung wurde von einigen älteren Hörern bestritten. Sie beriefen sich dabei auf ihr Wissen als Zeitzeugen. Es kam zu einem Streitgespräch zwischen mir, dem nachgeborenen Historiker und den Zeitzeugen.

Zunächst ging es um ein Detail, um meine Behauptung, dass es auch in Bremerhaven  Parkbänke mit der Inschrift „Nur für Arier“ gegeben habe. Dies wurde von den anwesenden Zeitzeugen energisch bestritten. Ich dagegen konnte sie nicht beweisen, weil ich keine Fotos der Bremerhavener Parkbänke vorweisen konnte. Unerwartete Unterstützung erhielt ich von einem anderen Zeitzeugen, der meine Ausführungen über die judenfeindlichen Inschriften auf den  Bremerhavener Parkbänke bestätigte. Seinem Zeugnis konnten und wollten die übrigen Zeitzeugen nicht widersprechen.

Bei ihm handelte es sich um einen in Bremerhaven bekannten und geachteten jüdischen Kaufmann namens Kurt Maibergen. Er war später zu meinem Vortrag gekommen und hatte sich, unbemerkt von den anderen Zuhörern, in die hinterste Ecke des Veranstaltungsraums gesetzt. Schon sein Auftreten rief bei den übrigen Anwesenden fassungsloses Erstaunen hervor, denn in Bremerhaven gab es Anfang der 1980er Jahre keine Juden mehr. Die Bremerhavener jüdische Gemeinde war in der NS-Zeit vernichtet worden.

Kurt Maibergen hatte die NS-Zeit überlebt, weil er 1940 in die USA emigrieren konnte. Hier hat er sich ein Jahr später freiwillig zum Dienst in der amerikanischen Armee gemeldet, um als amerikanischer Soldat zur Befreiung Deutschlands und der Deutschen beizutragen. In seine Heimatstadt Bremerhaven war er gekommen, um bei der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit zu helfen.

Die Rolle der Zeitzeugen bei der Vermittlung der Geschichte ist sehr ambivalent 

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Zeitzeugen, wie es Kurt Maibergen einer war, wünscht sich jeder Historiker. Sie können das falsche Zeugnis anderer widerlegen und dem Historiker bei der Darstellung der von ihm selber nicht erlebten Geschichte helfen. Solche Zeitzeugen sind die besten Freunde der Historiker. Sie können die Historiker vor ihren schlimmsten Feinden schützen – vor Zeitzeugen, deren Darstellung verfälscht ist. Die Rolle und Funktion, die Zeitzeugen bei Darstellung und Vermittlung der Geschichte im allgemeinen, der NS-Zeit im besonderen haben, ist als sehr ambivalent einzuschätzen.  

Die Geschichtsbücher über die NS-Zeit sind immer besser geworden 

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Von den Zeitzeugen der NS-Zeit ist heute kaum noch einer am Leben. Die Historiker sind auf sich selber angewiesen. Sie können die Geschichte dieser Zeit nur noch mit Hilfe von bildnerischen und schriftlichen Zeugnissen schreiben. Das gelingt ihnen auch. Die Bücher der ausländischen und deutschen Historiker über die NS-Zeit sind immer besser geworden und werden auch von immer mehr Menschen gekauft. Einige sind sogar zu Bestsellern geworden.

Die Frage ist, ob die oft in einem fachwissenschaftlichen Jargon verfassten Studien über die NS-Zeit auch verstanden werden. Helfen sie dabei, die Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocausts zu einer wirklich begriffenen Geschichte zu machen? Da habe ich als Fachhistoriker, der sich seit über 30 Jahren in Forschung und Lehre schwerpunktmäßig mit der Geschichte des Nationalsozialismus und des  Faschismus allgemein beschäftigt hat, meine Zweifel.

Historiker sollten keine Journalisten imitieren

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Wir Historiker müssen vieles anders und besser machen. Doch was und wie? Sollen wir die Journalisten imitieren, die bei ihrer publikumswirksamen Darstellung der Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocaust alle möglichen Zeitzeugen zu Wort kommen lassen? Auch hier habe ich meine ganz persönlich gefärbten Zweifel. Von Hitlers Generälen und sonstigen Dienern, die in Guido Knopps "Hitler und..."-Filmen immer und immer wieder erneut erscheinen, möchte ich nichts mehr hören und sehen. Sie erzählen wenig Neues und viel Falsches.

Betroffenheit ist nicht ohne Wissen und Wissen nicht ohne Betroffenheit zu haben. 

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Anders ist es mit den aufgezeichneten Zeugnissen von Überlebenden des Holocaust, die von verschiedenen öffentlichen und privaten Organisationen gesammelt, digitalisiert und ins Internet gestellt worden sind. Sie helfen das Unvorstellbare vorstellbar zu machen und beeindrucken offensichtlich gerade die Angehörigen der jüngeren Generationen. Daher werden sie auch von vielen engagierten Lehrern im Unterricht eingesetzt. Doch zu welchem Zweck? Vermitteln sie Wissen oder rufen sie `nur´ das hervor, was mit dem abgenutzten Begriff der emotionalen Betroffenheit bezeichnet wird?

Das darf nicht sein. Betroffenheit ist nicht ohne Wissen und Wissen nicht ohne Betroffenheit zu haben. Zeitzeugenberichte sind subjektiv gefärbt und verändern sich im Laufe der Zeit. Sie können die Vermittlung von Wissen ergänzen, aber keineswegs ersetzen. Auch für den Lehrer kann der Zeitzeuge der beste Freund und schlimmste Feind sein.

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