Genome Editing und Embryonenschutzgesetz Im Sinne der medizinischen Forschung muss der Embryonenschutz überdacht werden

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Mitglied der Nationalen Akademie, Leopoldina - Nationale Akademie der Wissenschaften

Expertise:

Prof. Dr. Bärbel Friedrich wurde 1973 an der Universität Göttingen im Fach Mikrobiologie promoviert. Bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 2013 war sie Professorin für Mikrobiologie an der FU Berlin und an der HU Berlin. Seit 2008 ist Bärbel Friedrich Wissenschaftliche Direktorin des Alfried Krupp Wissenschaftskollegs Greifswald. Sie ist Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und war bis 2015 deren Vizepräsidentin. Von 1997 bis 2003 war sie Vizepräsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft und gehörte von 2003 bis 2005 der Enquete-Kommission des Bundestages „Ethik und Recht in der modernen Medizin" an. Bärbel Friedrich erhielt unter anderem den Arthur-Burkhardt-Preis.

Eine Expertengruppe der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina fordert eine Änderung des Embryonenschutzgesetzes. Embryonen ohne reale Lebenschance sollten für wissenschaftliche Zwecke genutzt werden dürfen. 

Eine Expertengruppe der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, deren Mitglied ich bin, hat am 29. März 2017 das Diskussionspapier „Ethische und rechtliche Beurteilung des Genome Editing in der Forschung an humanen Zellen“ veröffentlicht. Die Autorengruppe, darunter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Biowissenschaften, der Medizin, Recht, Ethik, Philosophie und Theologie möchten mit der Veröffentlichung darauf hinweisen, dass ein breiter öffentlicher Diskurs über das Thema Genome Editing in der Forschung an humanen Zellen, wie er international bereits intensiv geführt wird, auch in Deutschland dringend geboten ist, denn die neuen Methoden des Genome Editing eröffnen medizinische Grundlagenforschung mit nie dagewesener Präzision und Effizienz sowie langfristig neue klinische Anwendungen.

Wir brauchen einen breiten öffentlichen Diskurs über das Thema Genome Editing.

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Da die menschliche Embryonalentwicklung beispielsweise in der Genexpression und Zelldifferenzierung deutlich von der Entwicklung bei Tieren abweicht, sind Erkenntnisse aus Tiermodellen in diesem Forschungsbereich nur begrenzt auf den Menschen übertragbar. Der Einsatz von Genome Editing an menschlichen Keimbahnzellen (Eizellen, Spermien und ihre direkten Vorläuferzellstadien) und frühen Embryonen ist für das Verständnis der menschlichen Embryonalentwicklung besonders wichtig. Er wird daher in mehreren international angesehenen Forschungsinstitutionen, wie dem Karolinska-Institut in Schweden und dem Francis-Crick-Institut in London, bereits praktiziert. Damit können die Ursachen von Erbkrankheiten, die etwa zu Stoffwechselstörungen, Unfruchtbarkeit oder hohen Risiken für Fehlgeburten führen, prinzipiell an diesen Zellen mittels Genome Editing weitaus besser erforscht werden als mit den konventionellen Methoden. Auf der Grundlage dieser Ergebnisse könnten beispielsweise die Verfahren der In-vitro-Fertilisation verbessert und bisher unbekannte Therapieansätze für genetische Erkrankungen entwickelt werden.

Der Einsatz von Genome Editing ist für das Verständnis der menschlichen Embryonalentwicklung besonders wichtig.

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Die Forschung an menschlichen Embryonen, selbst in sehr frühen Stadien wie der einzelligen Zygote, ist in Deutschland durch das Embryonenschutzgesetz von 1990 verboten. Das Gesetz deckt jedoch nicht alle Fragen ab, die die neuen Methoden des Genome Editing und weitere wissenschaftliche Durchbrüche aufwerfen. So ist zum Beispiel fraglich, ob hinreichend sichere genetische Eingriffe an Embryonen, die ihrem Erhalt, also ihrer Gesundheit dienen, überhaupt verboten sind. Ebenso ist unklar, wie mit artifiziellen Embryonen, wie sie zum Beispiel aus Hautzellen der Maus durch Reprogrammierung hergestellt werden konnten, umzugehen ist, falls dies auch mit menschlichen Zellen gelingen sollte.

Wir müssen uns in Deutschland die grundsätzliche Frage stellen, wie wir zu den Erkenntnissen gelangen, die wir uns für die Behandlung von genetischen Erkrankungen wünschen. Warten wir erst auf Fortschritte im Ausland und importieren dann einfach die Therapien? Oder leisten wir selbst einen wissenschaftlichen Beitrag und entwickeln dabei auch die dazu zugehörigen ethisch-rechtlichen Rahmenbedingungen aktiv mit. Folglich müssten wir das Embryonenschutzgesetz den neuen wissenschaftlichen Entwicklungen anpassen.

Wir müssen das Embryonenschutzgesetz den neuen wissenschaftlichen Entwicklungen anpassen. 

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Kürzlich haben die US-Amerikanischen National Academies of Sciences, Medicine and Engineering eine ausführliche Stellungnahme zum Genome Editing an humanen Zellen veröffentlicht, die die Ergebnisse des International Summit on Human Gene Editing im Dezember 2015 und darauf aufbauender Aktivitäten zusammenfasst. Die Stellungnahme hat Aufsehen erregt, da darin unter anderem erklärt wird, dass Keimbahntherapien, das heißt Gentherapien, deren genetische Veränderungen weitervererbt werden können, unter bestimmten Bedingungen nicht ausgeschlossen und die dafür notwendigen Grundlagen weiter erforscht werden sollten. Die deutschen Wissenschaftsakademien und die DFG haben sich in ihrer Stellungnahme „Chancen und Grenzen des Genome Editing“ deutlich gegen Keimbahneingriffe in der Fortpflanzungsmedizin ausgesprochen, jedoch auch gefordert, die methodische Fortentwicklung des Genome Editing nicht unverhältnismäßig einzuschränken.

Aus Sicht der Autoren des Diskussionspapiers sollte auch weiterhin jede gezielte Keimbahnveränderung mit Auswirkungen auf einen später geborenen Menschen beim derzeitigen Stand der Forschung unterbleiben. Bevor ein solcher Eingriff überhaupt in Erwägung gezogen werden kann, sollte zunächst ein vertretbar niedriges Risiko dieser Intervention erreicht und festgelegt werden, für welche Erkrankungen derartige Interventionen überhaupt in Frage kommen. Die wissenschaftlichen Grundlagen für diesbezügliche Risiko-Nutzen-Abschätzungen können nur durch Forschung geschaffen werden. Hier hat die Forschung an Keimbahnzellen und Embryonen eine besondere Relevanz. In Deutschland ist es derzeit aufgrund der restriktiven Regelungen des Embryonenschutzgesetzes nicht möglich, hinreichende wissenschaftliche Grundlagen für die Entwicklung und normative Beurteilung von Keimbahntherapien zu schaffen.

Auch in Deutschland sollten Embryonen für hochrangige medizinische Forschungszwecke verwendet werden dürfen. 

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Die Autorengruppe spricht sich daher dafür aus, dass auch in Deutschland Embryonen für hochrangige medizinische Forschungszwecke verwendet werden dürfen. Hierbei sollte die Herstellung von Embryonen allein zu Forschungszwecken ausgeschlossen werden und nur sogenannte „verwaiste“ Embryonen verwendet werden, die keine reale Lebenschance haben und im Einvernehmen mit den Spendern für diesen Zweck zur Verfügung gestellt werden. Im Rahmen der In-vitro-Fertilisation, wie sie in Deutschland jährlich ca. 50.000 – 60.000 Paaren in Anspruch nehmen, wird eine Vielzahl von Embryonen erzeugt, die für Fortpflanzungszwecke nicht mehr verwendet werden und die im Embryonenschutzgesetz nicht konkret berücksichtigt sind.

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