Genome Editing und Menschenwürde Die Menschenwürde lässt sich nicht mit dem Mikroskop untersuchen

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Leiter des Lehrstuhles für Moraltheologie, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Expertise:

Eberhard Schockenhoff ist katholischer Priester und Professor für Moraltheologie an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg im Breisgau. Von 1992 bis 2004 war er geistlicher Assistent der Katholischen Ärztearbeit Deutschlands. Eberhard Schockenhoff ist seit 2001 geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift für medizinische Ethik. Er war von 2001 bis 2008 Mitglied im Nationalen Ethikrat (2005 bis 2008 stellvertretender Vorsitzender) und von 2008 bis 2016 Mitglied im Deutschen Ethikrat (2008 bis 2012 stellvertretender Vorsitzender). Seit 2016 ist er Präsident des Katholischen Akademischen Auslandsdienstes.

Die Frage nach dem Schutz von Embryonen ist keine Glaubensfrage; der wissenschaftliche Gebrauch ist vielmehr eine Missachtung der Menschenwürde. Eine Änderung des Embryonenschutzgesetzes muss daher unbedingt vermieden werden - trotz der wichtigen medizinischen Forschungsziele des Genome Editings.

Die Frage nach dem Beginn der Schutzwürdigkeit menschlicher Embryonen ist keine Glaubensfrage. Das deutsche Embryonenschutzgesetz beantwortet sie, indem es das oberste Achtungsgebot unserer Rechtsordnung, die Überzeugung von der unverlierbaren Menschenwürde, auf gesicherte biologische Erkenntnisse über den Anfang des individuellen Menschenlebens bezieht. Diese Würde kommt jedem Menschen von sich aus zu; sie ist unabhängig von Alter, Entwicklungsphase, Geschlecht, sozialer Gruppenzugehörigkeit oder anderen Merkmalen. Zwar werden, wie in jeder wissenschaftlichen Debatte, alternative Zeitpunkte (frühere und spätere) als die Auflösung der Kernmembranen von Ei- und Samenzelle und die Konstitution des neuen Genoms diskutiert. Doch spricht für den vom Embryonenschutzgesetz gewählten Zeitpunkt, dass er das willkürärmste Kriterium heranzieht und daher der Eigenperspektive des Embryos am besten gerecht wird. Die Festlegung auf spätere Entwicklungsphasen, wie den Abschluss der Nidation, die Herausbildung von Gehirnstrukturen oder die Durchtrennung der Nabelschnur bei der Geburt, sind in höherem Maße ergebnisbezogen; sie finden keinen objektiven Anhalt an der Embryogenese, sondern sind von den Interessen anderer her diktiert.

Die Frage nach der Schutzwürdigkeit menschlicher Embryonen ist keine Glaubensfrage. 

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Auch wenn es sich dabei um hochrangige Interessen handelt, kann das Leben des Embryos nicht gegen sie abgewogen werden. Denn das Leben ist das schlechthin fundamentale Gut und die existenzielle Grundlage aller individuellen Freiheitsrechte, die unsere Rechtsordnung schützt. Zudem ist es ein Alles-oder-Nichts-Gut, bei dem es nicht um ein Mehr oder Weniger an Schutzansprüchen, sondern um Sein oder Nicht-Sein, im Falle eines Embryos, um seine offene Zukunft, sein noch ungelebtes Leben geht. Anders als die Forschungsfreiheit, die einem schonenden Ausgleich mit anderen Ansprüchen, etwa den Anforderungen des Tierschutzgesetzes offensteht, kann man die Lebensperspektive eines menschlichen Embryos nicht teilweise einschränken, ohne sie als Ganze zu zerstören.

Die Forderung mehrerer deutscher Wissenschaftsorganisationen, das Embryonenschutzgesetz zu ändern, eröffnet keine neue Seite in einer ethischen Debatte. Vielmehr soll der politische Druck auf den Gesetzgeber erhöht werden, den Schutz des menschlichen Lebens in seinen Anfangsphasen zu lockern. Seit die französische Mikrobiologin Emmanuelle Charpentier und die US-amerikanische Biochemikerin Jennifer A. Doudna mit der sogenannten CRISPR/Cas-Methode eine präzise molekulare Genschere entwickelten, mit der sich Gensequenzen wie ein Text auf den Buchstaben genau untersuchen und „edieren“ lassen, sind menschliche Embryonen erneut ins Visier der Forschung geraten. Die genetischen Ursachen bislang unheilbarer Erkrankungen sollen durch den Einsatz dieser Genscheren zum frühest möglichen Zeitpunkt, noch bevor sie überhaupt ausbrechen, ausgeschaltet werden. Ist es nicht kleinlich, angesichts des schier grenzenlosen Verheißungspotenzials, das von den neuen gentechnologischen Verfahren freigesetzt wird, an die ethischen Grenzen jeder Forschung zu erinnern?

Der fremdnützige Gebrauch von Embryonen zu Forschungszwecken stellt eine Missachtung der Menschenwürde dar.

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Die Hochrangigkeit medizinischer Forschungsziele allein rechtfertigt es allerdings noch nicht, sie mithilfe aller denkbarer Mittel erreichen zu wollen. Vielmehr kommen dafür in ethischer Hinsicht nur solche in Betracht, die mit der Achtung der Menschenwürde und dem Instrumentalisierungsverbot vereinbar sind. Im Blick auf das Leben menschlicher Embryonen besagt dies: Ihr fremdnütziger Gebrauch zu Forschungszwecken stellt eine Missachtung der Menschenwürde dar, die auch dadurch nicht zu rechtfertigen ist, dass sie im Namen wissenschaftlicher Erkenntnisziele vorgenommen wird. Der Einwand, dass unter dem Mikroskop die Menschenwürde im Entwicklungsstadium eines 8-Zellers nicht wahrnehmbar sei, geht an der Sache vorbei. Träger der Menschenwürde sind nicht einzelne Zellen oder eine bestimmte Entwicklungsstufe im Leben eines Menschen, sondern dieser Mensch selbst zu jedem Zeitpunkt seiner Existenz, angefangen von der Bildung der Zygote bis zur Auflösung der leib-seelischen Einheit dieses Menschen im Tod. Der Blick in das Mikroskop ist, was die Anerkennung der Menschenwürde anbelangt, wenig hilfreich. Denn auch die Zellen eines erwachsenen Menschen lassen aus diesem Blickwinkel nichts von seiner Würde erkennen.

Der Blick in das Mikroskop ist für die Anerkennung der Menschenwürde wenig hilfreich.

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Der Einwand, eine kontrollierte Intervention in die menschliche Keimbahn mithilfe von Genscheren solle nur an überzähligen Embryonen erprobt werden, übersieht, dass überzählige Embryonen nicht als Abfallprodukte einer erfolgreichen Kinderwunsch-Behandlung durch die moderne Fortpflanzungsmedizin angesehen werden dürfen. Die Aussage, überzählige oder verwaiste Embryonen seien nicht mehr zum Leben bestimmt, klingt geradezu zynisch. Mit einer analogen Überlegung könnte man auch Forschungen an Wachkoma-Patienten mit dem Argument rechtfertigen, sie seien ohnehin todgeweiht. Zudem ist das Argument zirkulär, solange die Fortpflanzungsmedizin durch einen leichtfertigen Umgang mit der Dreierregel oder durch ihre gezielte Außerkraftsetzung dafür sorgt, dass der Nachschub an „überzähligen“ Embryonen nicht versiegt. Die erste moralische Grenzüberschreitung durch die Fortpflanzungsmedizin schafft auf diese Weise nur das Problem, zu dessen Lösung die Genforschung dann eine zweite moralische Grenzüberschreitung anbietet.

Schon die Erzeugung überzähliger Embryonen ist eine moralische Grenzüberschreitung durch die Fortpflanzungsmedizin.

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Auch das Argument der Auslandslegalität hält einer kritischen Überprüfung nicht stand. Der Hinweis, dass andere Länder niedrigere Schutzstandards im Blick auf menschliche Embryonen vorsehen, setzt eine Abwärtsspirale in Gang. An deren Ende geben nicht die Prinzipien der eigenen Rechtsordnung, sondern die Länder mit der geringsten Regelungsdichte die Maßstäbe vor. Demgegenüber zeichnete sich biomedizinische Forschung in Deutschland bisher dadurch aus, dass sie Wissenschaft und Ethik nicht als Gegensätze ansah, sondern ihre Erkenntnisziele innerhalb der Grenzen ethischer Verantwortung gewinnen konnte. Bei dieser Grundeinstellung der Wissenschaft sollte es auch angesichts der von Genscheren und Keimbahnexperimenten angeregten Zukunftsvisionen bleiben. Einen Unterbietungswettbewerb hinsichtlich von Schutzstandards und Sorgfaltsregeln, die der Forschung einen verantwortlichen Rahmen setzen, können wir mit Ländern wie Großbritannien und China ohnehin nicht gewinnen.

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