Datenschutz in der digitalen Wirtschaft "Wir machen uns erpressbar"

Bild von Katharina Nocun
Netzaktivistin

Expertise:

Die studierte Ökonomin und Netzaktivistin leitete zahlreiche Proteste gegen Überwachung durch Staat und Wirtschaft. Sie forscht zum Thema Wettbewerbsbedingungen auf digitalen Märkten. In Karlsruhe klagt sie derzeit gegen das Gesetz zur Bestandsdatenauskunft. Sie bloggt unter kattascha.de und twittert als @kattascha

Facebook ist kein soziales Netzwerk und Google keine Suchmaschine. Sie sind Unternehmen, für die Freiheit und Selbstbestimmung nicht zum Geschäftsmodell gehören. Hilflos ausgeliefert sind wir ihnen jedoch längst nicht. 

Wenn ich eines Tages die Wahl habe zwischen Rollator und Cyborg-Gehhilfe, entscheide ich mich sicherlich für letzteres. Bei Altersdiabetes wäre ich über Kontaktlinsen hoch erfreut, die meinen Zuckerspiegel messen. Und wenn mein Gedächtnis eines Tages nachlässt, werde ich es mit dem externen Gehirn „Internet“ auffrischen. Technik hat das Potential, uns Freiheit zu geben. Doch die Digitalisierung der letzten Jahre gleicht einem globalen Experiment: Was passiert, wenn man es der Wirtschaft überlässt, die Regeln zu diktieren? Die Folgen für die Freiheit sind fatal.

Die Wahlfreiheit der Verbraucher wird zur Farce

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In vielen Bereichen tendieren digitale Märkte zu Monopolen. Wir gehen nicht zum besten sozialen Netzwerk, sondern zum Anbieter mit den meisten Nutzern. Weil alle das tun, gibt es in weiten Teilen der Welt nur noch ein beherrschendes soziales Netzwerk. Schließlich würden wir auch keinen Handy-Vertrag abschließen, bei dem man nicht in fremde Netze kommunizieren kann. Neue Wettbewerber wie WhatsApp oder Instagram werden vom Platzhirsch kurzerhand aufgekauft. Lässt man solche Märkte unreguliert, kontrolliert schnell ein Anbieter den Markt und die Wahlfreiheit der Verbraucher wird zur Farce.

Wir nutzen Google, weil es bequem ist. Dutzende Dienste, die unser ganzes Leben abdecken, werden mit einem Account verknüpft. Google weiß, was wir suchen, noch bevor wir es eintippen, weil wir dort über Jahre hinweg die weltweit größte Sammlung von Nutzerdaten angehäuft haben. Dank dieser Datenberge lernen neue Technologien von Google schneller als die Konkurrenz. Je mehr Technologien auf „Deep Learning“ angewiesen sind, desto größer wird der Vorsprung von Daten-Monopolisten. Dies ist nur eines von vielen Beispielen dafür, wie sich Monopole in der vernetzten Wirtschaft auf nachgelagerte Märkte übertragen.

Wenn Anbieter wissen, dass Nutzer nicht wechseln werden, nutzen sie ihre Marktmacht aus.

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Facebook ist kein soziales Netzwerk und Google keine Suchmaschine. Maßgeschneiderte Werbung sichert Gewinne in einer Umgebung, in der Aufmerksamkeit der Nutzer ein knappes Gut ist. Die Privatsphäre gerät nicht unter Druck durch Technik, sondern durch Geschäftsmodelle. Wenn Anbieter wissen, dass Nutzer nicht wechseln werden, nutzen sie ihre Marktmacht aus.

Stellen Sie sich vor, ihr Telefon-Anbieter speichert ihre privaten Gespräche für Werbezwecke. Technisch wäre das kein Problem. Speicherplatz wird immer günstiger. Und doch wäre das ein gigantischer Tabu-Bruch – wir würden den Anbieter wechseln und klagen. In der Digitalwirtschaft lassen wir uns jedoch die Mär von der technischen Notwendigkeit aufbinden. Große Konzerne drängen sich in den Kernbereich unseres Privatlebens und versuchen ihn maximal ökonomisch zu verwerten. Technisch sind wenige Operationen trivialer, als Daten nicht zu speichern oder zu löschen. Verschlüsselung und andere Technologien könnten uns mehr Freiheit gegen allmächtige zentrale Anbieter geben. Doch Freiheit passt nicht in deren Geschäftsmodell, das auf maximaler Datensammlung basiert.

Die digitale Ausbeutung ist subtiler und gefährlicher als die analoge

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Dieses Geschäftsmodell droht ohne Regulierung auf immer mehr Aspekte unseres Lebens übertragen zu werden. Denn mit Daten lassen sich größere Gewinne abschöpfen. Online-Reisebüros berechnen den Preis anhand des Standorts, und so manches Produkt kostet mehr, wenn man es per Apple-Gerät kauft. Würde ein Café uns aufgrund von Kleidung oder Herkunft mehr Geld abknöpfen, wäre der Aufschrei groß. Online lassen wir es mit uns machen. Das setzt auch den Sozialstaat unter Druck. Derzeit schwatzt man uns mit Geschenken unsere Gesundheitsdaten noch freiwillig ab. Für Krankenversicherungen lohnt es sich extrem, den „guten“ und „schlechten Risiken“ unterschiedliche Tarife oder „Geschenke“ anzubieten. Wenn alle Krankenkassen auf den Zug aufsprängen, wäre das Solidarprinzip schnell am Ende.

In der analogen Wirtschaft haben wir unsere Erfahrungen gesammelt mit Blei im Kinderspielzeug, mit ozonlochverursachendem Haarspray und mit Brathähnchen auf Antibiotika. Die Folgen einer ungezügelten Datenökonomie sind subtiler. Der Verlust von Privatsphäre für Millionen und feudalistische Strukturen auf Märkten kosten eine Gesellschaft grundlegende Freiheiten. Dagegen ist die milliardenschwere Steuerflucht von Google ein Kavaliersdelikt.

Das Internet macht politisches Engagement leichter denn je

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Netzpolitik stellt die Machtfrage für die vernetzte Zukunft. Doch die kritische Infrastruktur der Zukunft ist längst privatisiert. Monopolisten pressen uns nicht nur maximal aus. Wer das Privatleben von Millionen durchleuchten kann, kennt unsere Geheimnisse und Schwachstellen. Das macht Bürger und Staat erpressbar. Geheimdienste nutzen den Status Quo als billige Rechtfertigung, um sich dort auch noch zu bedienen. Höchste Zeit, die Reißleine zu ziehen - solange wir es noch können.

Ohne Werkzeuge würden wir noch in Höhlen leben. Die Digitalisierung birgt für die Menschheit gigantische Chancen, unser Leben besser zu machen. Das Internet macht als externes Gehirn der Menschheit das Wissen der Welt für jeden verfügbar. Für soziale Bewegungen gab es in den letzten Jahrzehnten kein größeres Geschenk. Nie war es einfacher, sich politisch zu engagieren. Das alles ist so gewaltig und wird unser Leben derart umkrempeln, dass wir nicht so naiv sein sollten, auf den „Goodwill“ von Konzernen zu vertrauen. Die „unsichtbare Hand“ des Marktes wird es von alleine nicht richten. In der analogen Wirtschaft haben wir das unter Schmerzen auch gelernt. Höchste Zeit, danach zu handeln und endlich knallhart Geschäftsmodelle zu regulieren, die unserer Gesellschaft langfristig schaden.

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Lesen Sie hier die gesamte Debatte

Außerdem auf Causa: Wie ein Grundeinkommen den Staat entlasten würde

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