Google gefährdet die Freiheit Nicht Staaten, Unternehmen gefährden die Freiheit im digitalen Zeitalter

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Direktorin International Freedom of Expression at the Electronic Frontier Foundation

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Jillian York ist Direktorin der "International Freedom of Expression at the Electronic Frontier Foundation".

Die wahre Gefahr für die Freiheit im digitalen Zeitalter geht vom Überwachungskapitalismus aus, schreibt die amerikanische Internetaktivistin Jillian York.

Wenn man die US-Wahlen vom Ausland aus betrachtet – und vor allem online – ist es verführerisch, die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen und dem Internet die Schuld für die derzeitige Situation zu geben. Von der Veröffentlichung der Emails von Hillary Clinton über Wikileaks bis hin zu den mazedonischen Teenagern, die mit falschen Meldungen Geschäfte machen, um Politiker und ihre Anhänger zu bedrohen, wurde das Internet untrennbar mit jeder Facette unseres politischen Lebens verbunden.

Es ist eine beängstigende Zeit, und es werden bald viele wichtige Entscheidungen darüber anstehen, wie wir nicht nur mit unseren bestehenden Werkzeugen umgehen wollen, sondern auch mit neuen und allgegenwärtigen Technologien über die wir wenig Kontrolle haben. Gesichtserkennung, selbstfahrende Autos und Roboter haben alle das Potenzial, unser Leben, wie wir es kennen, drastisch zu verändern. Unsere Angst, die Freiheit an dieses digitale Zeitalter zu verlieren, ist nicht unbegründet.

Aber ist es ein Fehler der Technologie, oder ist es ein Fehler der Gesellschaft, in der wir leben? Kommt die wahre Beschädigung der Freiheit von digitalen Werkzeugen, oder von dem Versäumnis unserer Gesellschaft, Strukturen zu schaffen, um diese Werkzeuge bestmöglich zu nutzen?

Technologie ist, ähnlich wie Staatsgewalt, ein zweischneidiges Schwert. Es kann benutzt werden, um unseren Alltag zu erleichtern, um uns Lernen zu helfen, oder sogar um Leben zu retten. Digitale Technologien wurden zum Umsturz tyrannischer Regierungen, zur Verfolgung von Sexualstraftätern oder zum Regieren von Ländern benutzt. Wie Staatsgewalt selbst, wurden sie aber auch als Werkzeug zur Unterdrückung benutzt: zu Überwachung, Zensur und Kontrolle.

Nicht digitale Technologien selbst, sondern wie Unternehmen sie verwalten, ist eine Gefahr die Demokratie.

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Die wahre Gefahr für die Freiheit geht aber nicht von der Technologie selbst aus, sondern von unternehmerischen Infrastrukturen, die den Großteil des digitalen Universums beherrschen. Technologie ist nicht neutral; ihre Werte werden von den Ingenieuren und Entscheidungsträgern, die sie entwickeln und die Algorithmen entwerfen, eingespeist. Um die Effekte digitaler Technologien auf unsere Gesellschaft zu verstehen, müssen wir hinter die Werkzeuge und auf die größeren Strukturen schauen.

Der Philosoph John Stuart Mill definierte bürgerliche Freiheit als „die Begrenzungen der Macht, die die Gesellschaft legitim über das Individuum ausüben kann“. Es ist nun an uns zu erinnern, wie Mill es sicher tun würde, dass es nicht nur Staatsgewalt ist, die Macht über uns ausüben kann, sondern auch andere Institutionen. Google und Facebook greifen vielleicht nicht auf Militär zurück, aber die Menge an Kontrolle, die sie über unsere Daten ausüben, ist erschreckend.

Nicht Staaten, sondern Unternehmen begrenzen unsere Freiheit. Wir leben im Überwachungskapitalismus.

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Der Überwachungskapitalismus ist unser neues Paradigma und, zusammen mit Zensur, zeigt es die wahre Gefahr die von Technologieunternehmen ausgeht. Shoshana Zuboff, die diesen Ausdruck prägte, beschrieb Google als „Nullpunkt für eine gänzlich neue Unterart des Kapitalismus, in der Profite abhängen von der unilateralen Überwachung und der Modifizierung menschlichen Verhaltens“. Dieser Einfluss auf unser Verhalten nimmt uns unsere individuelle Handlungsfähigkeit und greift mehr in die Privatsphäre ein, als jede westliche Regierung.

Technologie ist das, was wir daraus machen. Damit die Freiheit das digitale Zeitalter überlebt, müssen wir beides verstehen und Kontrolle zurückgewinnen – über unsere Daten, unsere Handlungsfähigkeit und über unsere Identitäten.

Dieses Thema wird am 20. und 21. März 2017 in Berlin bei der Konferenz Society 3.0+: Can Liberty Survive the Digital Age diskutiert. Jillian York wird auf der Konferenz sprechen. Weitere Diskutanten sind Vinton Cerf (Google), die ehemalige EU-Kommissarin Neelie Kroes, Richard Allan (Facebook), Jeannette Hofmann (WZB) und Gabriella Coleman (McGill University, Internetaktivistin). Programm und Anmeldung unter https://fungforum.princeton.edu/. Auf Twitter können Sie der Konferenz unter #PrincetonFung folgen.

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