Digitalisierung und Meinungsbildung Dauernd abgelenkt: Wie die Digitalisierung die Demokratie gefährdet

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Philosoph Harvard University

Expertise:

Der amerikanische Philosoph Michael Sandel lehrt seit 1980 Politische Philosophie an der Harvard University. Er hält regelmäßig viel beachtete Onlinevorlesungen und führt Debatten zum Thema Ethik der Digitalisierung.

Der amerikanische Star-Philosoph Michael Sandel im Gespräch mit Tagesspiegel Causa über neue Gefahren für die Demokratie, die moralische Pflicht, Gesundheitsdaten zu spenden und die Unfreiheit der jungen Generation.

Mister Sandel, tragen Sie digitale Messgeräte, die Ihre Vitalfunktionen messen?
(lacht) Nein, nichts dergleichen.

Haben Sie Ihre DNA sequenzieren lassen und die Informationen der Wissenschaft zur Verfügung gestellt?
Nein.

Google-Chef Larry Page sagt, 100 000 Leben könnten jährlich gerettet werden, wenn alle ihre Gesundheitsdaten der Forschung überlassen. Kann es eine moralische Verpflichtung zur Datenspende geben?
Falls gezeigt werden könnte – wie es die Leute an der Spitze der Digitalökonomie so wortgewaltig behaupten –, dass das Zusammenführen der genetischen Informationen großer Bevölkerungsgruppen tatsächlich einen Beitrag zum Fortschritt der Medizin leistet, wäre das ein erstrebenswerter Nutzen für das Gemeinwohl. Falls gleichzeitig sichergestellt wäre, dass die Daten geschützt sind, dann, denke ich, könnte es eine solche moralische Verpflichtung geben. Aber wir sind nicht so weit. Dennoch ist es plausibel, dass solche Daten künftig zu medizinischen Durchbrüchen führen könnten. Weniger sicher ist, dass der Datenschutz funktioniert.

Sie verbinden die Möglichkeit allerdings noch mit einer ganzen Reihe von „Wenns“. Sie glauben also – anders als etwa Larry Page – nicht, dass wir schon an diesem Punkt sind?
Nein, wir sind noch nicht so weit. Aber wir könnten in Zukunft an diesem Punkt sein. Es ist plausibel, dass diese Daten in Zukunft zu medizinischen Durchbrüchen führen könnten. Weniger sicher ist, dass der Schutz der Daten tatsächlich funktionieren wird.

Bräuchte es dann ein Gesetz, dass sicherstellt, dass alle ihre Daten auch hergeben?
Das käme wahrscheinlich darauf an, ob es auch ohne Gesetz gelingt, eine ausreichend große und repräsentative Datenmenge zu erhalten, um die medizinische Forschung durchführen zu können. Ein freiwilliges System wäre in jedem Fall vorzuziehen. Sollte nur ein verpflichtendes System den gewünschten Effekt haben – und das müssten von jenen, die es fordern, sehr präzise belegt werden – ist es möglich – und noch einmal: Der Schutz der Daten müsste gewährleistet sein?

Im Moment geben wir die meisten Daten nicht aus moralischer Überzeugung weiter, sondern weil wir einen Gegenwert dafür erhalten. Google oder Facebook bieten einen Service dafür, etwa einen kostenlosen E-Mail-Account. Es ist letztlich eine Art Marktbeziehung.
Eine Art zu bezahlen. Man zahlt mit seinen Daten, mit einem Teil seiner Privatheit. Es wäre ein interessantes Experiment, zu sehen, was geschieht, wenn Facebook und Google ihren Kunden die Wahl ließen, ob sie den Service mit Geld oder mit Daten vergüten wollen.

Was tippen Sie, was die Leute vorziehen würden?
Mit Blick auf die jüngere Generation würde ich sagen: Sie würden zumindest nicht viel Geld zahlen.

Die Digitalisierung zeigt, wie wenig "freiwillige" Zustimmung als Grundlage von Recht und Demokratie wert ist.

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In Ihrem Buch „Was man für Geld nicht kaufen kann“ zeigen Sie, wie die Käuflichkeit einer Sache gleichzeitig auch ihren Wert an sich ändert. Wie würde es die Ethik von Big Data verändern, wenn wir etwas für unsere medizinischen Daten bekommen würden?

Das Übertragen der Marktgesetze auf alle Bereiche des Lebens beschädigt Werte oder lässt sie sogar verschwinden.

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Wenn man zum Beispiel einen Schüler dafür bezahlt, dass er ein Buch liest, erreicht man zwar ein wünschenswertes Ziel, aber beschädigt die Vorstellung, dass das Lernen an sich etwas Gutes ist, dass es die Liebe zum Lernen gibt. Oder wenn jemand dafür bezahlt wird, dass er abnimmt. Bei guter Gesundheit zu sein, sollte ein Wert an sich sein. In meinem Buch vergleiche ich das mit Bestechung. Vielleicht können wir den Fall, dass wir Daten für die medizinische Forschung spenden, am ehesten mit Blut- oder Organspenden vergleichen. Auch dafür sollte man nicht bezahlt werden. Es ist eine mühsame, aber wichtige Aufgabe, die Leute davon zu überzeugen, dass solche Spenden im Sinne des Allgemeinwohls sind. Fragt sich nur, ob das Spenden von Daten eher mit einer Blut- oder einer Nierenspende vergleichbar ist. Was meinen Sie?

Es hängt von den Konsequenzen ab. Was passiert, wenn es zu „Komplikationen“ kommt, wenn meine Daten missbraucht werden? Wenn es ein seriöses, unabhängiges medizinisches Projekt ist, würde ich sagen: Es ist eher wie Blutspenden.
Aber ist es wahrscheinlich, dass das Risiko gering wäre? Es gibt ein großes Interesse an diesen Daten. Lebensversicherungen wären begeistert, wenn sie hätten, was wir uns hier gerade vorstellen.

Der Krankenversicherer Generali will in diesem Jahr eine App auf den Markt bringen, die Gesundheitsdaten sammelt. Wer sie nutzt, erhält einen Rabatt.
Das werde ich gleich mit dem Publikum diskutieren. Was ist denn Ihre Meinung?

Ich empfinde es als Bedrohung für das Gesundheitssystem.
So sehe ich es auch. Wenn alle an ihre Gesundheit angepasste Prämien zahlen, wird das Solidarsystem ausgehebelt, das Prinzip einer Versicherung.

Im Fall von Google und Facebook gibt es kaum noch eine Wahl. Auf dem Markt für Krankenversicherungen könnte der Preisdruck irgendwann ähnlich groß werden. Wie frei sind wir überhaupt noch bei der Herausgabe unserer Daten?
Nicht besonders. Ich nutze Facebook nicht, aber Google. Junge Leute sind noch weniger frei.

Sie sind ein Kritiker der philosophischen Richtung des Liberalismus und des modernen Vertragstheoretikers John Rawls. Ihm zufolge ist der Mensch ein Wesen, das zumindest prinzipiell in der Lage ist, frei zu entscheiden. Sie ziehen das in Zweifel. Die Digitalisierung scheint Ihnen recht zu geben: Im Netz entscheiden wir nicht frei, sondern folgen oft dem sozialen Sog.
Ich verspüre keine Genugtuung dabei, recht zu haben. Aber es stimmt, die Digitalökonomie verstärkt die Brisanz dieser philosophischen Frage: Wie frei ist der Mensch in seiner Entscheidung? Und ist seine vermeintlich freie Zustimmung zu einer Sache eine gute Grundlage, diese Sache für legitim zu erklären? Nehmen wir Facebook: Ist das, was Facebook mit unseren Daten macht, legitim, nur weil die Nutzer formal ihre Zustimmung dazu geben? Wenn Sie eine App herunterladen, heißt es stets: Klicken Sie hier, um die Allgemeinen Geschäftsbedingungen zu akzeptieren. Haben Sie sie je zu Ende gelesen?

So gut wie nie.
Wie frei und informiert ist diese Entscheidung dann wirklich? Juristisch wird das als „Zustimmung“ gewertet. Doch diese „Zustimmung“ basiert darauf, dass nur eine verschwindend geringe Zahl derer, die zustimmen, sich wirklich bewusst sind, was sie tun. Das verdeutlicht doch auf dramatische Art und Weise, wie schwach das Prinzip „Zustimmung“ tatsächlich ist. Ich habe in meinen Büchern viele Beispiele dafür genannt, warum „Zustimmung“ eine schwache Begründung für die Legitimität einer Sache ist. Aber ich könnte mir kaum ein dramatischeres Beispiel vorstellen, als dieses „Klicken Sie hier“.

Die Annahme eines freien Willens – und natürlich auch Privatheit -  sind allerdings auch zentrale Grundlagen unserer Demokratie. Ist sie in Gefahr? In Deutschland hat das etwa gerade der bekannte Soziologe Harald Welzer in einem Buch dargelegt (hier geht es zum Tagesspiegel Causa-Gespräch mit Harald Welzer).

Der freie Wille ist ein Aspekt – darüber sprachen wir ja gerade. Was ich aber bedeutender finde – wenn wir über Gefahren für die Demokratie sprechen – ist der Effekt der Digitalökonomie auf den freien Diskurs. Die Digitalökonomie fördert kurze Redebeiträge – und kurze Aufmerksamkeitsspannen. Das lenkt uns ab von der Art von Rede und Aufmerksamkeit, die wir für die demokratische Entscheidungsfindung brauchen – und es entwertet den demokratischen Diskurs. Das ist aus meiner Sicht die direktere Gefahr, die das digitale Zeitalter für die direkte Demokratie darstellt. Abgeschwächte Formen der Zustimmung und das Erodieren der Privatheit spielen auch eine Rolle. Aber die größte Gefahr ist die unaufhörliche Ablenkungstendenz des Digitalen Zeitalters. Sie steht im Widerspruch zu der Aufmerksamkeit und der Bereitschaft, zuzuhören, die die Demokratie verlangt.

Die direkte Bedrohung des digitalen Zeitalters für die Demokratie liegt in dessen unaufhörlichen Tendenz zur Ablenkung.

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Denn eine lebendige Demokratie verlangt Aufmerksamkeit und die Bereitschaft zuzuhören.

Das Gespräch führte Anna Sauerbrey.

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Gefährdet die Digitalisierung die Demokratie?

Dieses Gespräch ist Teil unserer Debatte zum Thema Digitalisierung und Demokratie auf Tagesspiegel Causa, dem Online-Debattenmagazin des Tagesspiegels. Der Soziologe Harald Welzer sagt: "Im Internet wird Meinung monopolisiert." Darauf antwortet unter anderem die FDP-Politikerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger: Sie sagt: Das Internet nicht zu nutzen, würde es den Datenräubern noch einfacher machen. Die ganze Debatte hier.

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