Das demokratische Potential des Internet  "Das Internet produziert keine Vorurteile"

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Netzpolitische Sprecherin, Die Linke

Expertise:

Halina Wawzyniak ist Rechtsanwältin und Bundestagsabgeordnete der LINKEN. Sie ist rechts- und netzpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE im Bundestag. Sie ist Mitglied im Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz und Obfrau im Ausschuss Digitale Agenda.

Wer das Internet für Rassismus oder Überwachung verantwortlich macht, versteht nicht, dass es nur ein Werkzeug ist. Das Problem ist demnach nicht das Internet, sondern unser Umgang mit digitalen Technologien.

Das Internet ist schuld! Das Internet ist schuld, dass unsere Kinder keine CDs mehr kaufen. Das Internet ist schuld, dass junge Menschen keine Zeitungen mehr lesen. Das Internet ist schuld, das plötzlich alle Rassisten werden. So einfach kann für manche die Welt sein. Aber so einfach ist die Welt nicht. Schon gar nicht die digitale.

Als das Internet sich vor gut 25 Jahren anschickte, die Welt im Sturm zu erobern, war es das erste Medium, das eine aktive Teilnahme der Nutzerinnen und Nutzer ermöglichte. Während man beim Fernsehen oder Radio zum großen Teil zum Zuschauen und Zuhören verdammt war, konnte man im Internet endlich eigene Inhalte produzieren und online stellen. Voraussetzung war allerdings, dass man die komplizierte Programmiersprache des Internets verstand. Eine Hürde, die nur wenige überwinden konnten. Gleichwohl konnten diese Wenigen gleichberechtigt das Internet nutzen, egal ob man ein großes Unternehmen war oder ein einfaches Individuum. Mit der Zeit verschwand die Hürde, die die Programmiersprache bildete. Das Web 2.0 war geboren. Von da an war es ohne große Probleme möglich, Inhalte zu erstellen und zu teilen.

Aus dem Mitmach-Internet wurde ein Geldmach-Internet

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Heute bestimmen weniger die Nutzerinnen und Nutzer das Geschehen im Internet, sondern viel mehr die großen Internetkonzerne. Und in der Tat ist das ein Problem. Denn aus dem Mitmach-Internet ist ein Geldmach-Internet geworden. Geld macht dabei vor allem derjenige, der viel Aufmerksamkeit bekommt. Denn viele Klicks generieren viele Werbeinnahmen, über die sich viele Websites finanzieren. Auch in den sogenannten Sozialen Medien geht es vor allem darum, möglichst viele Menschen zu erreichen. Click-Bait (Klick-Köder) heißt das Zauberwort und funktioniert nach einer ziemlich perfiden Taktik. Überschriften stellen einen Sachverhalt verkürzt und oft auch sinnentstellt dar, Anreißertexte klären nichts auf, sondern sollen nur zum Klick verführen. Da werden dann Flüchtlinge in der Überschrift Straftaten angehängt und erst am Ende des eigentlichen Artikels wird aufgeklärt, dass es eigentlich ganz anders war. Nur liest sich kaum jemand einen Artikel bis zum Schluss durch. Hängen bleiben Überschrift und Aufhänger. So verfestigen sich Vorurteile und Klischees.

Das Internet produziert keine Vorurteile

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Doch ist das wirklich ein Problem des Mediums Internet? Oder ist es nicht eher ein Problem, dass diese Vorurteile und Klischees in den Köpfen der Menschen existieren? Das Internet produziert keine Vorurteile. Es verstärkt lediglich das Gefühl, dass viele Menschen – vielleicht sogar die Mehrheit – die eigenen Vorurteile teilen. Dieses Gefühl senkt die Hemmschwelle, die Vorurteile ins Internet zu stellen. Das kann man schon fast einen Teufelskreis nennen. Erschwerend kommt hinzu, dass sich viele im Internet in einer sogenannten Filterblase bewegen. Nicht nur, dass wir uns – wie im „richtigen“ Leben – verstärkt mit Leuten umgeben, die unserer Meinung sind, sondern auch, weil Soziale Netzwerke wie Facebook oder Suchmaschinen wie Google Ergebnisse nach unseren angeblichen Vorlieben herausfiltern. Schließlich geht es ja darum, dass wir auf einen Link klicken.  Deshalb werden uns Inhalte angezeigt , die uns vermeintlich interessieren. Das heißt, jemandem, der sich eher für soziale Themen interessiert, werden auch eher soziale Themen angezeigt. Und jemand, der zu rassistischen Vorurteilen neigt, wird vor allem Beiträge zu Gesicht bekommen, die diese bestätigen.

Das Internet ist nur ein Werkzeug

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Doch es gibt Möglichkeiten diesen Entwicklungen entgegenzuwirken. Und das sollten wir alle tun, denn noch ist das Internet nicht verloren. In der Pflicht sind dabei zuallererst Politikerinnen und Politiker. Viel zu häufig verwechseln diese noch das Internet mit ihrem schärfsten Schwert, der Presseerklärung. Sie stellen Inhalte ein, ohne sich dann weiter um Reaktionen zu kümmern. Dabei bietet das Internet die wohl einfachste Möglichkeit mit potenziellen (Nicht-)WählerInnen in Kontakt zu kommen. Doch vielen ist das zu anstrengend. Das ist schade, denn so bleibt viel Potenzial ungenutzt. Aber auch Nutzerinnen und Nutzer können einen Beitrag leisten. Sie sollten sich gewahr werden, dass sie sich in einer Filterblase bewegen, die sich aber leicht durchbrechen lässt.  Man sollte sich nicht von einer vermeintlichen Mehrheit erschlagen fühlen, sondern selbst dagegen halten. Wenn dies zwei oder drei tun, ist die Illusion der Mehrheit schon hinüber.

Letztlich ist das Internet nur ein Werkzeug. Ein Werkzeug, das demokratische Teilhabe für jede und jeden ermöglicht, wenn es entsprechend genutzt wird. Es liegt also nicht am Internet, wenn dies derzeit scheinbar nicht der Fall ist. Es liegt an den Menschen, die das Internet nutzen. Es ist demzufolge auch Aufgabe der Menschen, dies zu ändern. Denn letztlich ist nicht die Frage, OB das Internet ein demokratisches Medium ist. Wäre dem nicht so, wären Diktaturen nicht so erpicht darauf, den Zugang zum Internet streng zu reglementieren. Die Frage lautet stattdessen WIE wir das Internet demokratisch gestalten.    

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