Flüchtlingslager Tempelhof: Droht Berlin ein Ghetto? Flüchtlinge sollten Tempelhof mitgestalten

Bild von Kilian Kleinschmidt
Berater, Vorsitzender Innovation & Planning Agency (IPA)

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Kilian Kleinschmidt ist Gründer und Vorsitzender der Innovation and Planning Agency (IPA) in Wien und berät die österreichische Bundesregierung in Flüchtlingsfragen. Zuvor arbeitete er 22 Jahre für das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR), zuletzt als Leiter des Flüchtlingslagers Zaatari an der syrisch-jordanischen Grenze.

Durch die Luftbrücke war Tempelhof schon einmal Symbol der Solidarität und Humanität - das muss jetzt wieder so werden. Doch das kann nur gelingen, wenn die dort lebenden Flüchtlinge ihren Alltag aktiv selbst gestalten können und der Dialog zwischen ihnen und den Berlinern von Anfang an gefördert wird.

Tempelhof ist für mich immer das Symbol der Solidarität gewesen. Der mythische Ort, über den die Luftbrücke nach Berlin abgewickelt wurde. Bilder, die mich als Kind beeindruckten, obwohl es vor meiner Zeit als zugezogener Wessi in den Siebzigern war. Rosinenbomber auf dem Rollfeld war das Bild, das mich beeindruckte und das war nur wenige Jahre vor meiner Geburt. Für mich wurde der Flughafen auch zum Symbol von Reise und Freiheit, denn mit der Pan Am flog man damals hinaus. Als UM als unbegleiteter Minderjähriger flog ich fast zehn Jahre lang in die Ferien zu meinem Vater, von einer Stewardess durch den offenen Hangar zum Flugzeug geführt.

Der geschichtsträchtige Ort soll eine Brücke zwischen der armen, geschundenen und unserer wohlhabenden Gesellschaft sein

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Tempelhof wird nun zum Symbol des Willkommens, zu einem Symbol dafür, dass die Welt nicht nur zuschauen kann, wenn sich andere zerfleischen, dass auch wir, selbst wenn es nicht einfach ist, zurückgeben, was man uns gegeben hat. Dass wir begriffen haben, dass auch wir verantwortlich sind für eine immer noch sehr ungerechte und ungleiche Welt von der wir profitieren. Das riesige Gelände mit viel Geschichte wird zu einem Ort der Hoffnung und einer Brücke zwischen der armen und geschundenen Welt und unserer bis vor Kurzem sehr unbesorgten und wohlhabenden Gesellschaft.

Mit der Entscheidung, Tempelhof als Flüchtlingsunterkunft zu nutzen, kommt eine große Verantwortung auf uns alle zu. Entweder wird es zu einem Ort der Begegnung, des Ankommens und des Beginns eines gegenseitigen Verstehens und Gewöhnung oder es wird zu einer gesichtslosen Unterkunfts- und Registrierungsmaschine, die Menschen kategorisiert, ablagert, am Leben erhält und so zu einem Problem wird.

Es ist wichtiger, mit den Bewohnern von Anfang einen Dialog zu führen als sofort perfekte Unterkünfte zu schaffen

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Es wird wichtiger sein, mit siebentausend Menschen von Anfang an einen Dialog zu führen, als dass die Unterkünfte sofort perfekt werden. Wir müssen Begegnung schaffen das erfordert Möglichkeiten, diese durch Aktivitäten und Räume zu fördern. Das Tempelhof-Gelände sollte für die Bürger Berlins entwickelt werden. Das muss und soll auch weiter passieren! Ganz im Gegenteil ist das nun eine einzigartige Chance, dort noch mehr zu tun. Kreativität und Aktion zu fördern, Sport und Freizeit jeder Art. Siebentausend Menschen haben etwas zu zeigen und zu lehren aus ihren sehr alten Kulturen und Ländern mit einer oft atemberaubenden Geschichte.

Es ist essentiell, dass die Bewohner Eigenverantwortung übernehmen und den Alltag aktiv mitgestalten können

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Was auch immer die Aufenthaltsdauer der Flüchtlinge sein wird es wird darunter Menschen geben, die andere kontrollieren wollen, Menschen, die andere ausnutzen möchten und das auch tun, wenn Tempelhof nur als eine logistische Aufgabe gesehen wird. Es erfordert direktes Engagement und viel Geduld, diese Minderheit einerseits auszugrenzen, ihr aber auch die Möglichkeit zu geben zu lernen, dass sie dadurch weniger Chancen bekommt. Es wird essentiell, dass die Angekommenen Eigenverantwortung für ihr Leben übernehmen können und mitwirken an ihrem täglichen Leben. Gestalten können, entscheiden dürfen selbst wenn es nur die Wahl der Farbe der Bettwäsche ist oder die Wahl der Kleidung ist der erste Schritt, die Würde wieder zu erlangen, die unseren neuen Mitbürgern auf dem langen Marsch nach Berlin oft so schmerzhaft genommen worden ist.

Durch die Luftbrücke war Tempelhof schon einmal Symbol der Solidarität und Humanität - das soll heute wieder so werden

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Wäre es nicht schön und menschlich, wenn sie diesen langen Weg in einem Flugzeug zurücklegen und auf dem Rollfeld von Tempelhof aussteigen könnten? Fast 70 Jahre später würde dann Berlin wieder zum Symbol der Solidarität Tempelhof zum Symbol der Humanität! 

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