Debatte zum Frauentag: Sind Familie und Beruf vereinbar? Politik kann Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit schaffen - mehr nicht

Bild von Sigrid Nikutta
Vorstandsvorsitzende Berliner Verkehrsbetriebe

Expertise:

Dr. Sigrid Nikutta ist seit 1. Oktober 2010 Vorstandsvorsitzende und Vorstand Betrieb der Berliner Verkehrsbetriebe. Im Jahr 2012 wurde sie mit dem renommierten Preis „Managerin des Jahres“ der Mestermacher-Gruppe ausgezeichnet und 2011 von der „Financial Times Deutschland“ in die Liste der „25 Top-Business-Frauen“ aufgenommen. Spezialisiert auf moderne Managementmethoden hat sie in ihrer gesamten Laufbahn junge Talente und Frauen, gerade in technischen Berufen, gefördert.

Nicht nur in Politik und Wirtschaft, sondern auch in der Gesellschaft brauchen wir mehr Akzeptanz für individuelle Lebensentwürfe. Die Vorstandsvorsitzende der BVG Sigrid Nikutta, selbst Mutter von bald fünf Kindern, fordert mehr flexible Arbeitsmodelle für Männer und Frauen und weniger öffentliche Bevormundung.

In regelmäßigen Abständen flammt sie auf: die öffentliche Debatte darüber, wie Frauen und Männer heutzutage Beruf und Familie miteinander vereinbaren. Doch was ist richtig und was ist falsch? Gibt es überhaupt einen einheitlichen Weg?

Fakt ist: Fast jede zweite erwerbstätige Frau arbeitet in Teilzeit, aber nur jeder neunte erwerbstätige Mann. Frauen reduzieren ihre Arbeitszeit familienbedingt häufiger als Männer. Oft fallen Frauen und Männer bei der Geburt des ersten Kindes in traditionelle Rollenmuster zurück. Aber nicht nur die Betreuung der Kinder, auch die Pflege von Angehörigen leisten Frauen überdurchschnittlich häufig. In der Wirtschaft sind Frauen in vielen Bereichen dagegen in der Minderheit – insbesondere in Führungspositionen. Wir stellen fest: Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist nach wie vor nicht einfach und geht zu Lasten der Frauen.

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist nach wie vor nicht einfach und geht zu Lasten der Frauen.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Doch wie sieht die Wirklichkeit aus, die abseits der öffentlichen Debatte verläuft? Aus meiner persönlichen Erfahrung und aus dem, was ich bei der BVG, einem großen Unternehmen mit 14.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erlebe, ist die Realität sehr vielschichtig und nicht nur schwarz oder weiß. Immer mehr Männer gehen in Elternzeit – auch bei der BVG. Unter den 177 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, die im vergangenen Jahr Elternzeit genommen haben, waren 104 Männer. Der Wunsch, ihrer Familie auf der einen Seite und der Arbeit und den Kolleginnen und Kollegen auf der anderen Seite gerecht zu werden, besteht sowohl bei Frauen als auch bei Männern. Die Organisation des Privatlebens, beispielsweise bei einer Tätigkeit im Schichtdienst, ist für beide gleichermaßen eine Herausforderung. Nicht immer geht es nur um die Kinder. Auch die Pflege von Angehörigen oder andere Lebensumstände erfordern es, dass Frau oder Mann sich anders organisieren muss als bisher.

Der Arbeitgeber kann maßgeblich zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie beitragen, zB durch Teilzeitmodelle / Homeoffice

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

An dieser Stelle kann ein Unternehmen, kann der Arbeitgeber in großem Maße zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie beitragen. Die BVG wurde im Jahr 2015 zum dritten Mal mit dem Zertifikat berufundfamilie ausgezeichnet. Viele verschiedene Maßnahmen tragen dazu bei, die Rahmenbedingungen für Frauen und Männer zu verbessern. Dazu gehören beispielsweise verschiedene Teilzeitmodelle, die Möglichkeit von Wunschdiensten und Stammlinien bei Mitarbeitern im Fahrbetrieb, mobiles Arbeiten, Eltern-Kind-Büros und weitere Informations- und Hilfsangebote.

Die Vereinbarkeit von Beruf/Familie wird für Männer / Frauen bei der Entscheidung für einen Arbeitgeber immer wichtiger

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Doch nicht nur Unternehmen, auch Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen müssen ihren Anteil daran erbringen, dass die Vereinbarkeit funktioniert. Unterstützende Maßnahmen wie sie die BVG anbietet, sind kein Allheilmittel. Sie können aber dazu beitragen, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zufriedener sind – im Beruf und zuhause. Die Motivation und Einsatzbereitschaft ist insbesondere für ein Verkehrsunternehmen, einem Unternehmen, dem die Bürgerinnen und Bürger tagtäglich begegnen, besonders wichtig. Ich bin außerdem überzeugt: Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird für beide Geschlechter in Zukunft ein wichtiger Aspekt bei der Entscheidung für einen Arbeitgeber beziehungsweise für die Übernahme von Führungsverantwortung sein. Ein attraktives Arbeitgeber-Image ist ein Wert, der angesichts des demographischen Wandels und des zunehmenden Fachkräftemangels weiter an Bedeutung gewinnen wird. Flexible Arbeitszeitmodelle, mobile Arbeitsplätze und natürlich eine gute, flächendeckende Kinderbetreuung sind dafür eine wichtige Voraussetzung.

Die öffentliche Kritik an den verschiedenen Formen, wie Eltern Beruf und Familie vereinbaren, ist nicht zielführend

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Die öffentliche Kritik an den verschiedenen Formen, wie Frauen und Männer Beruf und Familie tatsächlich vereinbaren, ist aus meiner Sicht wenig zielführend. Die Entscheidung für oder gegen Kinder oder einen Beruf und der Umgang mit beidem ist eine individuelle Entscheidung. Sie geht zunächst nur die Beteiligten etwas an. Wir haben das große Glück in einer Gesellschaft zu leben, in der jeder sein Lebensmodell frei wählen kann. Politik und Wirtschaft müssen die Rahmenbedingungen schaffen, die möglichst viele Lebensmodelle ermöglichen und unterstützen. An diesem Punkt besteht sicherlich noch Aufholbedarf. Aber auch in der Gesellschaft brauchen wir mehr Akzeptanz für individuelle Lebensentwürfe – und weniger öffentliche Bevormundung. Anstatt viel darüber zu reden, ob und wie wir Beruf und Familie vereinbaren können, sollten wir sie einfach wagen!

In der Gesellschaft brauchen wir mehr Akzeptanz für individuelle Lebensentwürfe – und weniger öffentliche Bevormundung

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass es kein öffentliches Thema mehr ist, ob nun Frau oder Mann im Vorstand ist und der andere den Haushalt schmeißt oder beide Beruf und Familie partnerschaftlich aufteilen.

Sie können an dieser Stelle derzeit keinen Kommentar schreiben.