Wie steht es um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie? Frauen müssen mehr fordern!

Bild von Alexa Ahmad
Geschäftsführerin pme Familienservice

Expertise:

Nach ihrer Ausbildung zur Bürokauffrau und dem anschließenden Studium der Betriebswirtschaft war Alexa Ahmad im Immobilienbereich und in der Unternehmensberatung tätig. Sie begleitete Unternehmen in Veränderungsprozessen und leitete daraus ihren eigenen Veränderungsprozess mit einer Ausbildung zur staatlich anerkannten Erzieherin und einem anschließenden Studium der Sozialpädagogik ein. Seit 1993 ist für den PME Familienservice tätig, wo sie an der Organisation, Planung und Koordination von betriebsnahen Mitarbeiterunterstützungsprogrammen beteiligt ist. Unter ihrer Leitung entstanden innerhalb weniger Jahre im Auftrag von Unternehmen bundesweit über 3.000 Betreuungsplätze für Kinder. 1999 eröffnete Alexa Ahmad die erste Kindertagesstätte für Ausnahmefälle im europäischen Raum, das „Kids & Co. Back-up", ein „Back-up-Center", das rund um die Uhr für all jene Fälle da ist, in denen Eltern, beispielsweise wegen Dienstreisen oder Meetings, eine arbeitsplatznahe Betreuung für ihre Kinder suchen. Nach einer internationalen Coaching-Ausbildung installierte Alexa Ahmad außerdem eine der ersten unternehmensnahen EAP-Hotlines in Deutschland. Alexa Ahmad ist Mutter eines erwachsenen Sohnes und lebt in Frankfurt und Berlin. Sie engagiert sich in verschiedenen gemeinnützigen Organisationen.

In großen Unternehmen werden berufstätige Mütter weder die Karriereleiter hochgeschubst noch gefragt, was sie brauchen, um Beruf und Familie zu vereinbaren. Deshalb ist es umso wichtiger, dass Frauen das selbst klar formulieren. Je mehr Mütter in Führungspositionen mit gutem Beispiel vorangehen, desto leichter wird es für alle Frauen.

Ist es möglich, eine Karriere anzustreben und dabei ein erfülltes Familienleben zu haben? Sheryl Sandberg, Geschäftsführerin von Facebook, vermittelt in ihrem Buch für Frauen „Lean in: Frauen und der Wille zum Erfolg“ alles unter einen Hut zu bekommen: Jeden Tag verlasse sie um 17:30 Uhr das Büro, damit sie mit ihren Kindern zu Abend essen könne. Anfangs ging sie noch heimlich, später machte sie es öffentlich – auch um den Frauen in ihrem Unternehmen Mut zu machen, es ihr nachzutun.

Doch selbst wenn Sandberg Familie und Job gut vereinbart bekommt, so ist die Realität meist eine andere. Ein Beispiel ist Indra Nooyi, Vorstandsvorsitzende des amerikanischen Getränke- und Lebensmittelkonzerns Pepsico und Mutter zweier mittlerweile erwachsener Kinder. In einem Interview auf einer Konferenz in Aspen, Colorado, zieht sie die strenge Bilanz: Es ist unmöglich eine Spitzenkarriere zu verfolgen, ohne die Familie zu vernachlässigen. Auch Angelika Gifford, Geschäftsführerin bei Hewlett-Packard, gab in einem Interview mit dem manager magazin an, dass sie oft von einem schlechten Gewissen geplagt werde, keine gute Mutter zu sein. Bei diesen Beispielen handelt es sich um Frauen in Führungspositionen und sie zeigen: Frauen und Männer haben andere Lebenswelten. Wann in den Medien haben Sie zuletzt von einem Top-Manager gehört, der seine Karriere aufgrund der Familie zurückschraubte?

Natürlich hat sich in den letzten Jahren viel verändert. Viele Männer wollen nicht länger das konventionelle Familienmodell leben und mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen als ihre Vorgänger-Generation. Gleichzeitig möchten sie weiterhin in Vollzeit arbeiten und Ernährer der Familie sein. Nur, wie soll das gehen? Die in sich widersprüchlichen Bedürfnisse zeigen die Zwickmühle, in der viele Väter stecken. Und somit auch die Mütter. Immer noch kümmern sich Frauen hauptsächlich um Haushalt, Kinder und pflegebedürftige Angehörige. Väter nehmen sich häufiger Elternzeit, jedoch fast alle nur die sogenannten "Vätermonate". Also die zwei Monate, die Väter nehmen müssen, damit die Familie 14 und nicht nur 12 Monate Elterngeld bekommt. Danach arbeiten sie wie gewohnt 40 Stunden die Woche. Väter fürchten sonst dieselben Nachteile wie Frauen, wenn sie ihre Arbeitszeit zuliebe der Familie reduzieren: den Karriere-Knick.

Frauen müssen ihre Rechte stärker einfordern und aktiv dafür eintreten

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

An diesem Dilemma wird sich nichts ändern, wenn wir Frauen nicht anfangen, unsere Rechte einzufordern und selbst aktiv werden. Um Gleichberechtigung herzustellen, können wir uns nicht auf eine gesetzliche Frauenquote, Debatten in den Medien oder auf Dienstleistungen von Unternehmen verlassen, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie unterstützen. Wir müssen lernen, zu fordern, was wir wollen – und daran glauben, dass es machbar ist. Dasselbe gilt für Männer, die sich mehr Zeit für die Familie wünschen. Kein Vorgesetzter wird je einen Mann fragen: „Dein Kind ist krank? Möchtest du lieber zuhause bleiben?“

Wir Frauen trauen uns oft zu wenig zu und stehen uns dabei selbst im Weg. Das erlebe ich fast täglich in unserem Unternehmen, dessen Belegschaft aus 90 Prozent Frauen besteht. Immer noch herrscht bei unseren Mitarbeiterinnen pures Entsetzen darüber, dass selbst Männer in einem Frauenbetrieb ganz selbstverständlich mehr Gehalt einfordern. Es scheint ganz offensichtlich nicht in der weiblichen Natur zu liegen, Forderungen zu stellen. Stattdessen verharren wir Frauen zum Beispiel in einer beruflichen Position und sammeln solange Erfahrung bis wir uns zu hundert Prozent bereit fühlen, mehr Verantwortung zu übernehmen. Für mich als Führungskraft ist das ein Geschenk, weil ich mich auf die eigene Leistungsbeurteilung von Frauen verlassen kann. Wenn eine Kollegin sagt, sie kann den Job, dann kann sie das. So machen Frauen in männlich dominierten Unternehmen keine Karriere.

In großen Firmen fragt keiner, was man braucht, um Beruf und Familie zu vereinbaren - das muss man selbst formulieren

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Niemand wird mich dort die Karriereleiter hochschupsen oder fragen, was ich brauche, um Beruf und Familie zu vereinbaren. Ich muss selbst überlegen, wo ich hin möchte und was ich für meine Ziele tun kann. Und ich muss diese laut formulieren. Wir Frauen können von den Männern lernen: Sie gehen mit ihren eigenen Kompetenzen selbstbewusster um. Sie bewerben sich viel früher auf Führungspositionen. Sie können besser damit umgehen, wenn sie scheitern. Eine der größten Herausforderungen, denen wir Frauen uns stellen müssen: mehr Selbstbewusstsein zu entwickeln und lernen mit Misserfolgen umzugehen.

Wir brauchen mehr Frauen in Führungspositionen, die mit gutem Beispiel voran und um 17:30 Uhr nach Hause zum Kind gehen!

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Die Hürden liegen in unseren Köpfen. Wir können sie überwinden, wenn wir unsere Haltung ändern und mutiger werden. Denn Fakt ist: Wer mehr fordert, bekommt oft mehr! Dabei müssen wir uns nicht immer alleine durchbeißen. Es gibt viele Netzwerke für Frauen, die dabei helfen beruflich voranzukommen. Männer nutzen Netzwerke traditionell. Wir sollten den Weg zu mehr Gleichberechtigung gemeinsam mit den Männern gehen. Klar ist zwar: Mehr Gleichberechtigung nützt zunächst den Frauen. Wir haben einiges aufzuholen. Doch Chancengleichheit bringt Männer ebenso Vorteile. Sie sollten einen gleichberechtigten Zugang zu flexiblen Arbeitszeitmodellen haben und sich eine lange Elternzeit nehmen können ohne um ihre Karriere fürchten zu müssen. Ich bin überzeugt, unsere Rahmenbedingungen werden sich ändern, wenn mehr Frauen an den Unternehmensspitzen führen, die wie Sheryl Sandberg mutig um 17:30 Uhr nach Hause gehen, um mit ihrer Familie den Abend zu verbringen.

Sie können an dieser Stelle derzeit keinen Kommentar schreiben.