Vereinbarkeit Familie und Beruf Frauen können Männern mehr zutrauen

Bild von Jutta Allmendinger
Präsidentin Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung

Expertise:

Die Soziologin ist Präsidentin des WZB und Professorin für Bildungssoziologie und Arbeitsmarktforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zuvor war sie u.a. Direktorin des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg und Professorin für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Immer noch kümmern sich vor allem Frauen um Hausarbeit und Kinder. Das ließe sich ändern, denn junge Frauen und junge Männer haben inzwischen fast die gleichen Wünsche. 

Junge Menschen wollen eine eigene Familie mit Kindern. Und sie wollen erwerbstätig sein. Alle. Dabei fassen sie den Begriff „Erwerb“ sehr breit und verstehen darunter auch das Erwerben von Sinn, Nähe, Miteinander und des Gefühls von Selbstwirksamkeit. Nur so ist es zu verstehen, dass die überwiegende Mehrheit sagt: „Ich würde auch arbeiten, wenn ich darauf nicht finanziell angewiesen wäre.“ Dem Arbeitsplatz selbst stellen sie ein gemischtes Zeugnis aus. Auf der einen Seite, und sehr wichtig, sagen sie, dass ihnen ihre Arbeit Spaß macht und sie ihren Arbeitsplatz als sicher empfinden. Aber natürlich geht es auch um das Einkommen. Und hier ist die Zufriedenheit deutlich geringer. Nur die Hälfte der Befragten erachtet ihr Einkommen für angemessen.

Die Wünsche junger Frauen und Männer gleichen sich an: Alle wollen Erwerbsarbeit und Familie – für beide Geschlechter

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Diese Ergebnisse zeigen die von infas, WZB und ZEIT durchgeführte repräsentative Vermächtnis-Studie, eine neue Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung über junge Menschen in Bayern sowie ihre vielen Vorläuferstudien, die zusammen mit der Zeitschrift BRIGITTE entstanden sind. Über die Zeit stellen wir eine deutliche Entwicklung fest: Mittlerweile stimmen junge Frauen und Männer in ihren Wünschen weitgehend überein. Die Zeiten scheinen vorbei, in denen Männer die Bedeutung der Erwerbsarbeit für Frauen deutlich niedriger und die Bedeutung der Familie für Frauen wesentlich höher gewichteten. Umgekehrt ist das ebenso. Auch Frauen stereotypisieren Männer nicht oder sehr wenig: Ihre Einschätzung, was Männern wichtig ist, entspricht dem, was Männer von ihren Geschlechtsgenossen sagen. Nur ein Bereich fällt heraus: Kinder zu bekommen und eine Familie zu gründen ist in den Augen von Männern für andere Männer wesentlich wichtiger, als Frauen dies denken. Anders ausgedrückt: Frauen könnten Männern hier mehr zutrauen, als sie das tun.

Immer noch treten die Frauen zugunsten der Vereinbarkeit im Beruf kürzer – anstatt die Männer dazu aufzufordern

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So aber haben Frauen die Vereinbarkeit fast allein zu bewältigen. Deutlich mehr Mütter arbeiten in Teilzeit als Frauen ohne Kinder. Bei Männern ist dies nicht so. Bei ihnen bleibt der Anteil von Teilzeiterwerbstätigen unverändert, ob sie nun Vater geworden sind oder nicht. Ein großer Teil der jungen Menschen wünscht sich allerdings eine Arbeitszeit, die unter 35 Stunden liegt, also eher vier statt fünf Tage in der Woche umfasst. Es gibt nur eine Gruppe, bei der die tatsächlich geleistete Arbeitszeit und die gewünschte Arbeitszeit übereinstimmen: Frauen mit Kindern. Dies mag erklären, warum nur ein Fünftel der Frauen den Eindruck hat, dass wegen der Arbeit die eigene Familie zu kurz käme. Bei den Männern sagen über die Hälfte: „Bei der Arbeit habe ich oft ein schlechtes Gewissen, dass die Familie zu kurz kommt.“

Der Druck der Familie wiegt den Druck aus der Arbeitswelt nicht auf. Ergebnis: Auch junge Väter arbeiten wenig Teilzeit

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Wie kann es sein, dass sich die jungen Männer so ausdrücklich mehr Zeit für die Familie wünschen und ihre eigene Arbeitszeit dennoch nicht an die familiäre Situation anpassen? Offensichtlich ist der Druck durch die eigene Überzeugung und die Familie geringer als der Druck von Arbeitgebern. Jeder zweite Mann gibt an, lange Arbeitszeiten gehörten zur betrieblichen Kultur, ein Drittel sieht lange Arbeitszeiten und Karriereaussichten eng miteinander verflochten. Nur sehr wenige meinen, dass „heute in Betrieben viel Rücksicht auf die Belange von Familien genommen wird“ und „dass sich Familie und Beruf heute leicht vereinbaren lassen“.

Nicht nur Betriebe sind gefragt, wenn es um eine gerechtere Verteilung von Arbeit geht, sondern auch die Männer selbst

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Um hier eine bessere Balance zu finden, liegen Ansatzpunkte auf der betrieblichen Seite, ganz ohne Frage. Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber können den Anwesenheitsdruck reduzieren. Sie können dazu ermuntern, Teilzeit zu arbeiten und Elternzeiten zu nehmen. Aber auch die Männer selbst sind gefragt und in der Lage, ihre tatsächliche Arbeitszeit näher an die von ihnen gewünschte heranzuführen.

Keine Gleichstellung im Beruf ohne Gleichverteilung im Haushalt

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Dies würde ein weiteres Problem lösen. Männer sprechen sich ebenso häufig wie Frauen für einen Ausgleich zwischen Beruf und Familie aus und präferieren ein partnerschaftliches Lebensmodell. Betrachtet man aber neben der Verteilung der Arbeitszeit auch die Verteilung der Aufgaben im Haushalt, so fehlt von einem gelungenen Ausgleich der Lebenswelten jede Spur. Frauen stecken sehr viel Zeit und Energie in die Hausarbeit und erledigen viele Dinge ganz alleine. Männer halten sich vom Haushalt fern, auch wenn sie angeben, dies nicht zu wollen. Partnerschaftliche Lebensmodelle werden nicht realisiert. Solange die Hausarbeit so ungleich verteilt ist, können wir aber keine Gleichstellung von Frauen und Männern im Beruf erwarten.

Teilzeit bremst die Karriere und führt zu Altersarmut

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Den von uns befragten Frauen und Männern sind diese Schieflage und ihre Folgen glasklar. Sie sehen die Verdienstunterschiede zwischen den Geschlechtern, sie bestätigen, dass Männer schneller befördert werden und dass die Leistungen von Frauen und Männer unterschiedlich beurteilt werden. Die Fakten geben ihnen Recht. Teilzeit bremst die Karriereentwicklung, das belegen alle Studien übereinstimmend. Die Einkommensunterschiede werden sich also über den Erwerbsverlauf weiter ausbauen und sich dann besonders deutlich in der Altersrente zeigen. Diese liegt 2015 bei Frauen gerade halb so hoch wie bei Männern. Wenn wir nichts tun, wird sich daran nichts ändern.

Gefordert sind Männer, Frauen, Betriebe und die Politik

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Wir halten fest. Frauen mit Kindern reduzieren ihre Arbeitszeit und erkaufen sich damit Zeit für ihre Familie. Das verringert den Stress und das schlechte Gewissen gegenüber der Familie. Sie erledigen zudem die Hausarbeit überwiegend alleine. Verdienstunterschiede nehmen sie in Kauf. Sie fordern eine partnerschaftliche Familie, im eigenen privaten Umfeld tun sie hierfür aber oft zu wenig. Ähnliches gilt für Männer. Sie bleiben bei ihren Arbeitszeiten, verdienen mehr Geld, haben aber ein schlechtes Gewissen gegenüber ihrer Familie. Auch sie sprechen sich für partnerschaftliche Familienmodelle aus, im beruflichen Alltag ändern sie aber viel zu wenig. Aus diesen Befunden ergibt sich ein klarer Auftrag: Will man die Zufriedenheit der jungen Generation erhöhen, muss bei Beruf und Arbeit, finanzieller Unabhängigkeit und Altersvorsorge, aber auch bei der verfügbaren Zeit für sich selbst gesellschaftlich, politisch und betrieblich angesetzt werden.

Zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie gibt es unterschiedliche Ansichten - hier können Sie unserer Debatte zu dem Thema verfolgen. 

 

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