Debatte zum Frauentag: Sind Beruf und Familie vereinbar? Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist kein Frauenthema mehr

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Vorstand Personal, Soziales und technische Dienstleistungen Berliner Stadtreinigungsbetriebe

Expertise:

Martin Urban ist Vorstand Personal, Soziales und technische Dienstleistungen bei der BSR. Nach dem Studium der Physik in Stuttgart und Berlin war er bei der ÖTV Berlin als Leiter des Bereichs Organisation, Verwaltung und Finanzen tätig, danach verantwortete er für die ÖTV-Hauptverwaltung in Stuttgart den Bereich Informations- und Kommunikationssysteme und erwarb berufsbegleitend einen MBA. Seit 2000 ist er bei der BSR, wo er bis 2014 den Bereich Organisation und IT leitete. Im Juni 2014 wurde er in den Vorstand der BSR berufen. Martin Urban ist Vater zweier Töchter.

Väter kümmern sich rührend, Mütter fallen wegen ihrer Kinder aus. Der Personalchef der BSR, Martin Urban, berichtet aus eigener Erfahrung über Eltern-Stereotype und Vereinbarkeit - und fordert ein Umdenken.

Die Vereinbarkeit von privatem und beruflichen Leben bedeutet schlicht Lebensqualität als Grundlage von Leistung.

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Der demografische Wandel und die alternde Gesellschaft sind Top-Themen in fast allen Unternehmen. Bei der Berliner Stadtreinigung besonders, da vereinigungsbedingt lange Zeit kaum oder gar nicht neu eingestellt wurde, was zu einem zusätzlichen Anstieg unseres Durchschnittsalters führte. Im Schlepptau dieser Themen folgen dann die Schlagworte Fachkräftemangel, Frauenförderung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Und hier wird’s schon kompliziert: Die zunehmend Alterung unserer Gesellschaft sorgt dafür, dass die Pflege von Angehörigen an Bedeutung gewinnt und befördert so in der Tat die Wünsche nach einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ich möchte dieses Thema, die Vereinbarkeit, aber grundsätzlich völlig unabhängig von externen Faktoren verstanden wissen: Die Vereinbarkeit von privatem und beruflichen Leben bedeutet schlicht Lebensqualität als Grundlage von Leistung. Und zwar ganz unabhängig davon, ob wir das brachliegende Potenzial qualifizierter Frauen für unsere Volkswirtschaft mobilisieren wollen, der alternden Gesellschaft begegnen oder den Fachkräftemangel beheben.

Die BSR hat die Wichtigkeit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf früh erkannt und auch entsprechend gehandelt. In den jeweils gegebenen Rahmenbedingungen gibt es immer Möglichkeiten, etwas zu tun. Zu unseren Rahmenbedingungen als kommunales Unternehmen gehören wirtschaftliche Anforderungen, also niedrige Gebühren, ebenso selbstverständlich wie die tarifliche Entlohnung der Beschäftigten, Ausbildung über Bedarf, die hohe Qualität der Dienstleistungen und ein ausgeprägtes ökologisches Profil. Für unsere Zukunftsfähigkeit und Attraktivität als Arbeitgeber haben in den letzten Jahren zunehmend sogenannte weiche Faktoren an Bedeutung gewonnen. "Sogenannte", weil diese Faktoren im Sinne des oben Gesagten nicht wirklich weich sind. Wenn ich Beruf und Familie nicht - irgendwie, selbstverständlich mit Kompromissen - vereinbaren kann, kann ich die geforderte Tätigkeit gar nicht ausüben - das ist eher ein harter Faktor!

Auf die Erziehenden und Pflegenden zu verzichten, können sich weder Volkswirtschaft noch einzelne Unternehmen leisten

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Mittlerweile haben die meisten Menschen verstanden, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf kein Frauenthema ist. Und sich auch nicht nur auf Kinder, sondern ebenso auf zu pflegende Angehörige bezieht. Dieser Wandel ist in der BSR angekommen. Viele Väter müssen Arbeitszeit und Kita-Öffnung unter einen Hut bekommen, Alleinerziehende beiderlei Geschlechts haben es selten leicht. Deswegen wollen wir so weit als möglich allen Beschäftigten in ihren jeweiligen Lebensphasen gerecht werden. Das Potenzial der Erziehenden und Pflegenden nicht einzusetzen, werden wir uns weder als Volkswirtschaft noch als einzelnes Unternehmen erlauben können. Darum darf die Entscheidung für Kinder für die Väter und Mütter nicht zu einem Ausstieg oder zu einem Karriereknick im Berufsleben führen. Berlin ist hier mit angemessenen Kitaöffnungszeiten und schulischer Betreuung, die nicht automatisch mittags zu Ende ist, generell schon Vorreiter. Darüber hinaus benötigen wir hier wie andernorts für berufstätige Frauen und Männer auch neue, individuellere Arbeitszeitmodelle. Leider ist dies im operativen Geschäft der BSR schwieriger: Kann ein Angestellter ein krankes Kind mit ins Eltern-Kind-Büro nehmen, fällt eine solche Möglichkeit für eine Straßenreinigerin aus. Da müssen andere Angebote her – wir arbeiten daran. Wichtig ist dabei immer die positive Grundeinstellung: Familie sein bedeutet immer in einem gewissen Umfang berufliche Ausfallzeiten. Es geht darum, die Lasten und Chancen zwischen allen Beteiligten fair zu verteilen.

Die zahlreichen Maßnahmen in unserem Unternehmen zur besseren Vereinbarkeit will ich nicht einzeln aufführen. Nur so viel: Überall sind es zunehmend auch Männer, die diese  Angebote wahrnehmen. Da gibt es den männlichen Auszubildenden, der eine Teilzeitausbildung bei uns macht, um seinen Vater zu Hause zu pflegen und die männliche Führungskraft, die Elternzeit nimmt und auch andere Männer ermutigt dies zu tun.  

In der Öffentlichkeit werden berufstätige Vater wohlwollend betrachtet, berufstätige Mütter kritisch beäugt

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Ich selbst suche auch noch die ideale Vereinbarkeit. Meine Töchter sind 8 und 10 Jahre alt, und ich bin weder das erste noch einzige Vorstandsmitglied der BSR, das manchmal ein krankes Kind mit zur Arbeit nimmt. Meine Frau ist in einer ähnlichen Position tätig, von Anfang an war Erziehungsarbeit unsere gemeinsame Aufgabe. Wir erleben aber im Kleinen, was man gerade auch der Presse entnehmen kann: Wenn Sigmar Gabriel einen Tag bei seinem kranken Kind zu Hause bleibt, wird er als moderner Vater gefeiert, der sich kümmert. Bei Manuela Schwesig wird sehr kritisch gesehen, ob sie das mit Kind und Ministerinnenamt schafft. So ähnlich ist es bei uns: Wenn unsere Kinder nach Schulschluss um 16 Uhr kurz anrufen, um zu klären, wer mit welcher Freundin wohin gehen will und wann wo abgeholt werden muss, wird diese kurze Unterbrechung bei mir eher wohlwollend aufgenommen: Der kümmert sich. Meine Frau nimmt in der gleichen Situation öfter die Einschätzung wahr, dass sie wohl ihre Familie nicht im Griff habe. Es ist also noch ein langer Weg…

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