Vereinbarkeit von Beruf und Familie Die Politik muss selbst ein Zeichen setzen

Bild von Silke Gebel
Umweltpolitische Sprecherin Bündnis 90/Die Grünen

Expertise:

Silke Gebel ist als Umweltpolitische Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Abgeordnetenhaus von Berlin für Fragen zu Abfall, Wasser, Luft, Larm, Boden und Altlasten zuständig. In Berlin engagiert sich die studierte Verwaltungs- und Sozialwissenschaftlerin für eine ökologische und digitale Stadt.

Damit junge Mütter beruflich Erfolg haben können, muss die Politik einen entsprechenden Rahmen setzen und selbst Vorbild sein, sagt Silke Gebel, umweltpolitische Sprecherin der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus, und berichtet über das Abgeordnetendasein mit Baby.

Jahrelang war Politik vor allem ein Männerbetrieb. Die Frage nach Vereinbarkeit von Familie und Politik stellte sich nicht. Warum auch, wenn die Ehefrau mit den Kindern zu Hause blieb und dem Herrn Abgeordneten die Freiheit verschaffte, Politik zu machen. Auch wenn es jetzt immer noch Vorwürfe von männlichen Kollegen, JournalistInnen oder besorgten Bürgern gibt, Politikerinnen würden bei Abstimmungen fehlen oder ihr Amt und Mandat nicht voll ausüben, oder sogar Politikerinnen selbst Kinder als Karrierekiller bezeichnen: Seit einigen Jahren wandelt sich die politische Kultur. Steigende Geburtenraten machen sich auch in den Parlamenten bemerkbar.

Im Berliner Abgeordnetenhaus haben seit Ende 2011 sieben Parlamentarierinnen Nachwuchs bekommen. Ich bin eine davon. Ich bin Mutter von zwei Kindern, drei Tage nach der Geburt meines ersten Kindes bin ich ins Parlament nachgerückt, die Mandats-Annahme habe ich im Wochenbett unterschrieben. Auf das Mandat zu verzichten (die Frage wurde mir tatsächlich von Kollegen gestellt) kam mir nie in den Sinn. Genau wie in allen anderen Jobs sind auch in der Politik die Rahmenbedingungen entscheidend.

Auf der einen Seite kann ich als  Abgeordnete keine Elternzeit nehmen, das Mandat ist an die Person gebunden und folglich kann einen niemand im Parlament vertreten. Auf der anderen Seite bin ich mir bewusst, dass ich das Privileg einer großen Flexibilität genieße, Arbeitszeiten freier einteilen zu können. Ich war und bin fest davon überzeugt, dass Vereinbarkeit von Politik und Familie geht, ja gehen muss. Politik sollte hier gelebtes Vorbild sein. Vereinbarkeit kann klappen. Drei Punkte, die dafür wichtig sind:

Eine gute Kinderbetreuung ist die Voraussetzung für Eltern arbeiten gehen zu können

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Mit dem positiven Schwangerschaftstest beginnt für die meisten Eltern in Berlin die Kitaplatzsuche. Das war auch bei uns so. Leider zunächst erfolglos. Ein zentrales Kitaplatzmanagement hätte vieles erleichtert. Nach 18 Monaten Suche hatten wir am Ende vier Zusagen, aber vorher sehr lange viel Ungewissheit. Da ich drei Monate nach der Geburt voll in die Abgeordnetenarbeit eingestiegen bin, musste es zu Beginn ohnehin die stillfreundliche Variante nah am Arbeitsplatz sein. Zu Fraktions- und Plenarsitzungen gibt es dort mittlerweile eine vom Abgeordnetenhaus gestellte Kinderbetreuung für Abgeordnete. Früher im ehemaligen Sanitätszimmer neben den Toiletten, heute, nach hartnäckigem Bitten von uns Müttern in zwei hellen Zimmern – einem zum Spielen und einem zum Stillen und Schlafen.

Alleine in dieser Legislatur wurde dieses Angebot von 13 Kindern – einige kamen regelmäßig, andere nur aufgrund von Kitastreik oder -schließtagen – wahrgenommen. Solch eine Option zur flexiblen Kinderbetreuung am Arbeitsplatz, die gerade auch im Notfall genutzt werden kann, ist das A und O eines familienfreundlichen Unternehmens. Ohne diese Möglichkeit hätte ich als junge Mutter nicht so gut das Mandat voll ausüben können. Mittlerweile sind meine beiden Kinder in einer Kita, in der sie sich wohl fühlen.

Die familienfreundliche Haltung des gesamten (Politik)-Betriebs ist ausschlaggebend

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Fehlt es am sogenannten „betrieblichen Familienbewusstsein“, wie es die Böckler-Stiftung in einer Studie nennt, stecken Frauen oft beruflich zurück. Als frischgebackene Mutter und Parlamentarierin musste ich meine Rollen finden und in sie hineinwachsen. Da war es nur hilfreich, dass ich die klare Unterstützung meiner Fraktion für das Mandat mit Kind hatte und das Präsidium des  Abgeordnetenhauses mit einer unkomplizierten Kinderbetreuung ein klares Unterstützungssignal sendete. Das ist noch nicht überall der Fall: So dürfen die Abgeordneten im Bundestag offiziell noch nicht mal Säuglinge mit in den Plenarsaal nehmen, und einen Kinderraum des Parlaments gibt es ebenfalls nicht. 

Die Präsenz(un)kultur, ständige Erreichbarkeit und der Überstundenwahn sind Vereinbarkeitskiller 

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Wir brauchen ein Umdenken für familienfreundliches Arbeiten. Denn mit Kind arbeitet man nicht notwendig weniger, man arbeitet anders. Mit Kind und nicht zuletzt mit zwei Kindern musste ich auch für mich selbst erst einmal lernen, dass Leistung nicht immer in 24/7 erbracht werden kann (und muss). Vielleicht ist diese „Politikerkrankheit“ ein grundsätzliches Problem, zu glauben das man sieben Tage die Woche immer im Einsatz sein muss, und man auf eine 70-Stunden Woche noch stolz ist. Dies ist weder für die Gesundheit noch für das Privat- und Familienleben gut. Ich habe klare Zeitfenster für die politische Arbeit und versuche die anderen Zeiten handyfrei mit den Kindern und der Familie zu verbringen. Vom Ergebnis her stimmt es, ich habe mit Anfragen, Anträgen und zivilgesellschaftlicher Bündnispolitik grüne Umweltpolitik in Berlin sichtbarer gemacht.

Und ohne den dazugehörigen, feministischen Mann hätte es mit Sicherheit nicht so gut geklappt. Jemand, der nachts aufsteht, damit ich im Ausschuss meine fünf Sinne beeinander habe. Ein Vater, der seine Verantwortung für die Kinder genau so übernimmt wie die Mutter, das hat mir die Vereinbarkeit von Familie und Politik ermöglicht. Das zeigt aber auch, dass Politikerinnen ohne einen solchen Partner einer ganz anderen Belastung ausgesetzt sind. Genau deshalb ist der Ausbau der Infrastruktur so wichtig. Damit nicht nur Mütter mit feministischen Partnern Politik machen können, sondern eben auch Alleinerziehende.

Jede Mutter, jeder Vater weiß wie schwer es ist, alles unter einen Hut zu bekommen. Das ist auch im Parlament nicht anders. Es gibt keine Lösung, die jedem Lebensentwurf gerecht wird. Manchmal muss man schon vor dem Aufstehen improvisieren. Umso wichtiger ist eine Infrastruktur, die gute Kinderbetreuung ermöglicht, und eine gesellschaftliche Haltung, die es begrüßt, dass junge Mütter auch im Beruf Verantwortung übernehmen. Politik muss da den Rahmen setzen und selbst Vorbild für ein familienfreundliches Berlin sein.

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