EM 2016: Fußballpatriotismus = Nationalismus? Vorsicht mit nationalistischen Symbolen und Parolen beim Fußball

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Professor für Sozialpsychologie Universität Marburg

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Ulrich Wagner ist Professor für Sozialpsychologie am Fachbereich Psychologie und im Zentrum für Konfliktforschung der Uni Marburg und Leiter der Arbeitseinheit Sozialpsychologie

Ob Fahnen beim Fußball harmlos sind, hängt davon ab, wie reif eine Nation damit umgeht. Definiert sie sich noch über die Abstammung, über biologische Zugehörigkeit, kann Fahnenschwenken gefährlich sein, sagt der Sozialpsychologe Ulrich Wagner und erklärt, wo die Deutschen seiner Ansicht nach stehen. 

Fußball-EM. Wieder geht es los mit der Debatte um Nationalismus oder Partypatriotismus. Ist die Verwendung nationaler Symbole, das Tragen von Nationaltrikots, Nationalfahnen und das Abspielen von Nationalhymnen eigentlich gefährlich oder ein einfacher Spaß? Aus der Perspektive der Sozialwissenschaften gibt es zwei, scheinbar gegenläufige Antworten.

In Deutschland wird Zugehörigkeit biologisch definiert. Deutsch ist, wer deutsche Eltern hat.

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Zum einen zeigt die empirische sozialwissenschaftliche Forschung, dass ein hohes Maß an Identifikation mit einer Gruppe mit der Gefahr einhergeht, dass man die eigene Gruppe aufwertet und diejenigen, die nicht dazu gehören, abwertet, ausgrenzt und sogar attackiert. Dies gilt auch für die Identifikation mit nationalen oder ethnischen Gruppen. Der Zusammenhang zwischen nationaler Identifikation und Ausgrenzung von Fremden ist dann besonders hoch, wenn die Vorstellung vorherrscht, dass die nationale Zugehörigkeit biologisch weitergegeben wird: Man ist - unveränderbar - Deutscher oder Nicht-Deutscher, weil man von deutschen Eltern abstammt oder nicht.

Die gesteigerte Verwendung nationaler Symbole schafft ein Klima, das Nationalisten und Rechtsradikale anstachelt.

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Weiter ist belegt, dass die Identifikation mit der eigenen Gruppe und damit die Ausgrenzung von Fremden durch die Verwendung nationaler Symbole gesteigert werden kann. Dazu gehören auch Nationalfahnen oder Nationaltrikots. Nicht abschätzbar ist gegenwärtig, wie stark diese Effekte auf die Bevölkerung insgesamt sind, wenn nationale Symbole beispielsweise beim Public Viewing eingebracht werden. Wohl aber ist begründet anzunehmen, dass die gesteigerte Verwendung nationaler Symbole ein Klima schafft, in dem Nationalisten und Rechtsradikale sich dazu legitimiert sehen, jetzt offen ihre rechten Überzeugungen darzustellen. Das führt dann eben dazu, dass auf Fußballparties der Hitlergruß gezeigt wird. Die Debatte um die Verwendung nationaler Symbole wird außerdem bewusst politisch instrumentalisiert, indem rechte Parteien und Organisationen die Gelegenheit der Fußball-Europameisterschaft nutzen, um die Legitimität der Verwendung nationaler Symbole einzufordern. Oft verbinden sie das mit der Forderung nach einem Schlussstrich unter die Debatte zur deutschen nationalsozialistischen Vergangenheit.

Die Identifikation mit der Nation ist für den Zusammenhalt des Gemeinwesens erforderlich.

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All diese Befunde und Überlegungen machen deutlich, dass die Verwendung nationaler Symbole gefährlich sein kann. Auf der anderen Seite verweisen die Sozialwissenschaften und manchmal auch Politikerinnen und Politiker zu Recht darauf, dass Identifikation mit Gruppen - und so auch die Identifikation mit der eigenen Nation - erforderlich ist, um ein Klima gegenseitigen Vertrauens der Gemeinschaftsmitglieder zu schaffen, das den Zusammenhalt der Gruppe oder des Gemeinwesens sicher stellt. Auch diese Perspektive erfährt Unterstützung durch empirische Forschung.

Wichtig ist, wie die Gruppe sich definiert. Wenn sie geschlossen ist, wird es gefährlich.

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Was sind die Konsequenzen aus den beiden geschilderten, scheinbar entgegenlaufenden Befundlagen? Ist Identifikation mit der eigenen Gruppe gefährlich oder notwendig, und ist die Verwendung von gruppenbezogenen Symbolen gefährlich oder nur ein Spaß? Eine Antwort ist, dass es darauf ankommt, wie die Gruppe, die Gemeinschaft sich definiert. Sieht sie sich als Zusammenschluss auf der Basis biologischer Gemeinsamkeiten, die im Grunde geschlossen ist und keinen Zutritt von Fremden erlauben, kommt es zu Nationalismus mit Selbstaufwertung und Abwertung der Fremden mit all den bekannten Formen von Diskriminierung und Rassismus.

Von der Politik wird der Begriff Patriotismus gern missbraucht.

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Sieht sich die Gemeinschaft hingegen als Zusammenschluss von Menschen, die demokratische Werte von Gleichheit pflegen und schützen, kann gemeinsames Vertrauen entstehen und die Gefahr ist vergleichsweise gering, dass das mit der Abwertung von Fremden einhergeht. Voraussetzung ist allerdings, dass der Zutritt zur Gemeinschaft offen und barrierefrei ist, dass die vormals Fremden Gemeinschaftsmitglieder werden können, wenn sie das wollen. Eine Überzeugung, die dem entspricht, wird in den Sozialwissenschaften manchmal als Patriotismus bezeichnet - von der Politik wird dieser Begriff allerdings auch gerne missbraucht.

In Deutschland wird Gemeinsamkeit über Abstammung definiert, nicht über demokratische Überzeugungen.

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Ich glaube nicht, dass die Gemeinschaft, die sich Deutschland nennt, bereits einen solchen Entwicklungsstand erreicht hat, dass sich ihre Mitglieder vornehmlich über ihre gemeinsam geteilten demokratischen Überzeugungen definieren. Der Abstammungsgedanke des Deutschseins ist bei vielen von uns noch in den Köpfen. Das heißt, die erste der beiden geschilderten Perspektive gilt nach wie vor: Vorsicht mit nationalistischen Symbolen und Parolen. Fußball macht auch so Spaß.

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