EM 2016: Partypatriotismus und Nationalismus Je mehr Fahnen, desto nationalistischer?

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Professorin für Sozialpsychologie Universität Osnabrück

Expertise:

Julia Becker ist Professorin für Sozialpsychologie an der Universität Osnabrück. Sie forscht unter anderem zum Gruppenverhalten, zu sozialen Identitäten und zum Sexismus. Zum Zusammenhang zwischen nationalen Symbolen, nationalistischen und patriotischen Einstellungen hat sie seit 2006 mehrere Studien durchgeführt.

Die Sozialpsychologin Julia Becker untersucht seit Jahren in Umfragen und Experimenten, was das Fahnenschwenken mit den Deutschen macht. Nur soviel vorab: Nichts Gutes.

Frau Becker, die Grüne Jugend hat kürzlich eine Debatte über das Fahnenschwenken bei der Europameisterschaft ausgelöst. Der Nationalismus, so die These, werde durch die starke Sichtbarkeit nationaler Symbole gefördert. Die Grüne Jugend hat deshalb dazu aufgerufen, Fahnen zu Hause zu lassen. Wie harmlos ist der Partypatriotismus?

Es gibt ihn sicher unter den Leuten auf den Fanmeilen, den harmlosen Partypatriotismus. Aber aus meiner Sicht ist der Fußball-Patriotismus nicht generell harmlos. Wir führen aktuell online und durch persönliche Befragungen auf der Straße beziehungsweise beim Public Viewing eine Studie dazu durch. Die Daten sind noch nicht vollständig, wir haben bislang 170 Personen befragt. Aber erste Ergebnisse belegen, dass es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen den Fahnen und nationalistischen Einstellungen gibt.

Was genau messen Sie in Ihrer Studie?

Wir erfassen zunächst, wie viele Fahnen die Leute bei den Spielen zeigen. Wir fragen etwa, wie viele Fahnen sie bei dem Spiel Deutschland gegen Nordirland dabei hatten und wie viele sie tragen würden, wenn Deutschland ins Finale kommt. Dann schauen wir, mit welchen Einstellungen und Lebensumständen der Leute die Anzahl der Flaggen, die sie zeigen, zusammenhängt.

Es gibt einen - wenn auch statistisch nicht sehr starken - Zusammenhang zwischen Fahnen und Nationalismus.

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Und welche sind das?

Es spielen sehr viele Faktoren eine Rolle. Einen starken Zusammenhang - und das ist wenig überraschend - gibt es mit dem Patriotismus. Patriotisch eingestellte Menschen stimmen Sätzen zu wie „Ich liebe mein Land“, „Ich bin stolz Deutscher zu sein“ oder „Deutschsein ist ein wichtiger Teil meiner Identität“. Auch mit nationalistischen Einstellungen gibt es einen Zusammenhang, wenn auch weniger stark. Nationalisten sehen das eigene Land außerdem als überlegen an. Sie stimmen Aussagen zu wie: „Im Allgemeinen kann man sagen, dass es anderen Nationen besser geht, je mehr sie von Deutschland beeinflusst werden“ oder „Deutschland ist das beste Land der Welt“. Wir haben auch die sogenannte „Schlussstrich-Mentalität“ in Bezug auf die Geschichte des Nationalsozialismus erfasst. Wir fragen etwa, ob die Menschen Aussagen zustimmen wie: "Politiker sollten aufhören, immer wieder die negative deutsche Geschichte auszupacken“. Auch da gibt es einen Zusammenhang zu der Anzahl der Fahnen, die jemand mitführt. Außerdem sind unter Leuten mit vielen Fahnen Vorurteile gegenüber Migranten und Migrantinnen stärker verbreitet.

Kann ich also zählen, wie viele Fahnen jemand an seinem Auto hat – und dann Rückschlüsse auf seine Einstellungen ziehen? Zwei Rückspiegel-Fahnen, aha, ein Patriot. Noch ein Wimpel auf dem Dach - eher ein Nationalist?

So einfach ist es natürlich nicht, aber es gibt tatsächlich einen. Noch aufschlussreicher ist aber die Frage, wie wichtig den Menschen die deutsche Flagge ist. Bei Männern ist der Zusammenhang zwischen Nationalismus und der Zahl der Flaggen übrigens stärker ausgeprägt als bei Frauen - ich bin gespannt, ob sich das erhärtet, wenn ich den ganzen Datensatz kenne, bislang sind es ja, wie gesagt, nur 170 Personen. Aber es scheint weniger in die nationalistische Richtung zu gehen, wenn Frauen sich Flaggen beispielsweise ins Gesicht malen, als wenn Männer Flaggen zeigen.

Menschen in einer wirtschaftlich prekären Lage zeigen häufiger Fahnen.

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Welche anderen Faktoren beeinflussen denn, ob ich mit oder ohne Fahnen Fußballfan bin?

Der Soziologe Wilhelm Heitmeyer hat die Hypothese aufgestellt, dass Menschen durch den Fußball wieder in die Gesellschaft integriert werden, die ansonsten desintegriert wären. Heitmeyer nimmt an, dass Personen, die unzufrieden sind, die wenig Anerkennung bekommen, besonders häufig am Fußballflaggenspaß teilnehmen. Diese Hypothese wollte ich gern empirisch testen, weil ich diesbezüglich ein paar Zweifel hatte. Wir haben also Fragen für soziale Desintegration entwickelt, zum Beispiel, wie zufrieden die Menschen mit ihrem Freundeskreis, ihrem Partner oder ihrer Partnerin, ihrem sozialen Umfeld sind, mit der Arbeit, ob sie Hobbies haben, sozial und ökonomisch gut integriert sind und so weiter.

Und trifft die Hypothese zu?

Teils teils, unsere Daten sagen, dass das Fahnenschwenken nicht damit zusammen hängt, wie gut jemand sozial eingebettet ist, ob er viele Freunde und eine gute Beziehung zu seiner Familie hat. Es hat auch wenig mit dem Selbstwertgefühl der Menschen zu tun. Aber es hat etwas mit ökonomischer Desintegration zu tun. Wer sich selbst in einer prekären wirtschaftlichen Lage sieht, ist eher geneigt, mehr Flaggen zu zeigen. Das ist kein sehr starker, aber ein signifikanter Zusammenhang.

Nationalfahnen können die Aggressivität nationalistisch eingestellter Menschen erhöhen.

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Die These der Grünen Jugend ist ja auch, dass das Fahnentragen nicht nur Ausdruck nationalistischer Einstellungen ist, sondern den Nationalismus auch verstärken kann. Was meinen Sie?

Dazu haben wir in unserer aktuellen Studie keine Daten erhoben - aber generell teile ich das. Wir konnten in anderen Studien zeigen, dass Flaggen eine enorme Wirkung auf das Verhalten von Menschen haben und dass zum Beispiel Vorurteile verstärkt werden.

Wie zeigt sich das?

Wir haben in einem Online-Experiment Personen einen Fragebogen ausfüllen lassen. In einer Ecke des Bildschirms haben wir unterschiedliche Flaggen gezeigt, einigen Teilnehmern die Deutschlandfahne, anderen eine US-Flagge, wieder anderen gar keine Flagge. Die Teilnehmer haben dann Fragen beantwortet, bei denen unter anderem Vorurteile erfasst wurden. Das Ergebnis war: Eher nationalistische Personen, die die Deutschlandflagge sehen, reagieren mit mehr Vorurteilen, als wenn sie keine Flagge sehen. Das tritt aber nur auf bei Personen, die ohnehin nationalistisch eingestellt sind. Bei den übrigen hatte es keinen Effekt, welche Flagge sie gesehen haben.

Also verstärken die Flaggen bestehende Einstellungen von Nationalisten. Aber greifen sie auch über? Können sie Menschen „infizieren“, die bis dahin nur Patrioten waren?

Fahnen können ein Gemeinschaftsgefühl noch einmal einheizen. Oft wird Patriotismus als gute Form der Identifikation mit Deutschland angesehen, aber die Grenzen zum Nationalismus sind fließend, Patriotismus kann in Nationalismus umschlagen. Da muss man in Deutschland vorsichtig sein. Ich bin den Flaggen aufgrund meiner Forschung auch kritisch gegenüber eingestellt.

Nationalfahnen verstärken Vorurteile gegenüber anderen Gruppen.

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In der aktuellen Debatte wird auch ein Zusammenhang zwischen erhöhter Gewaltbereitschaft und dem verstärkten Zeigen von Flaggen behauptet. Haben Sie dafür Belege in Ihrer Forschung?

Natürlich ziehen Menschen, die eben noch beim Public Viewing waren, nicht weiter und verprügeln Flüchtlinge, nur weil sie eine Fahne geschwenkt haben. Dennoch können Nationalsymbole Aggressionen erhöhen. 2014 haben wir beispielsweise untersucht, wie die Deutschen reagieren, wenn Menschen die Flagge einer Nation zeigen, gegen die die deutsche Mannschaft gerade verloren hat - was also passieren würde, wenn am Samstag die Italiener gewinnen und danach Italienfans in Berlin die italienische Flagge zeigen. Da hat sich gezeigt, dass deutsche Fans mit mehr Wut und auch mit mehr Vorurteilen gegen die gegnerische Nation reagieren, wenn deren Fans mit Fahnen unterwegs sind statt ohne. Man kann das theoretisch auch gut erklären, mit der Theorie der sozialen Identität. Alle Menschen gehören Gruppen an, sie sind Frauen, Männer, Parteimitglieder. Auch Nation ist eine Gruppe. Wenn wir uns mit einer Gruppe identifizieren, wollen wir, dass sie besser dasteht als andere Gruppen. Wir nennen das "ingroup bias". Dieser "ingroup bias" kann in Diskriminierung und Aggression umschlagen. Auch andere Studien zeigen, dass nationale Symbole diesen bias verstärken können.

Sind diese Phänomene begrenzt auf die Zeit eines Turniers, oder hat die Stimmung während einer EM oder WM Einfluss auf die Zeit danach?

Eine ganz konkrete Antwort habe ich nicht, wir haben keine Zeitreihen erhoben. Aber es gibt Hinweise, dass zumindest der Einfluss von Nationalstolz auf Vorurteile bestehen bleibt. Der WM-Sommer von 2006 war eine Art Tabubruch, seitdem wird verstärkt Flagge gezeigt. Wir haben uns 2006 zum ersten Mal angeschaut, wie der Zusammenhang zwischen Nationalstolz und Vorurteilen ist. Wir haben damals vor und nach der WM eine repräsentative Befragung durchgeführt. Das Ergebnis war, dass der Zusammenhang zwischen Nationalstolz und Vorurteilen durch das „Sommermärchen“ keineswegs abgenommen hat, er war nach der WM sogar stärker ausgeprägt als vor der WM. Jemand, der ein starkes Nationalstolzgefühl hat, hat auch stärkere Vorurteile gegen Migrantinnen.

Aber haben Turniere nicht auch viele positive Effekte, für das Gemeinschaftsgefühl, das soziale Miteinander?

Ja natürlich, aber ich würde sagen, das geht auch ohne Flagge. Es geht um das Event, um den Fußball, darum Spaß zu haben.

Ulrich Wagner, ein Sozialpsychologe aus Marburg, sagt in dieser Debatte, die Deutschen seien einfach noch nicht reif für den Partypatriotismus. Wie sehen sie das?

Ich wäre überrascht, wenn es in Deutschland irgendwann einen Partypatriotismus gäbe, der nichts mit Nationalismus zu tun hat. Die Deutschen assoziieren übrigens mit ihrer Flagge auch völlig andere Dinge als andere Nationen. Wir haben einmal in zehn Ländern gefragt, was sie eigentlich mit ihrer Nationalflagge assoziieren. Wir haben Werte gelistet wie Demokratie, Toleranz, ein friedliches Miteinander, aber auch Macht, Prestige und weitere, unter anderem auch Sport und Fußball. Interessanterweise verknüpfen die Deutschen die Flagge tatsächlich in erster Linie mit Sport und Fußball. Demokratie, Humanität, Toleranz werden weniger assoziiert. In allen anderen Ländern steht die Flagge aber eher für demokratiebezogene Konzepte. Nur in Australien ist der Zusammenhang zwischen Fußball und Fahne ähnlich stark.

Das Gespräch führte Anna Sauerbrey.

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EM 2016: Patriotismus = Nationalismus?

Dieser Text ist Teil einer Debatte auf Tagesspiegel Causa, dem Debattenmagazin des Tagesspiegels. Emma Sammet, Sprecherin der Grünen Jugend Berlin sagt: "Lasst die Fahnen zu Hause". Die CSU-Staatssekretärin Dorothee Bär hingegen meint: "Die Fahnendebatte ist rituelles Party-Crasher-Theater." Und der Soziologe Ulrich Wagner sagt: "Deutschland ist noch nicht reif für den Partypatriotismus."

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