EM 2016: Fußballpatriotismus = Nationalismus? Fahnen schwenken und Farben bekennen!

Bild von Dorothee Bär
Staatssekretärin CSU

Expertise:

Dorothee Bär ist Staatssekretärin beim Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur

Schwarz-Rot-Gold ist ein stolzes Bekenntnis zur Freiheit, zur Demokratie und einer offenen und toleranten Gesellschaft, die nicht von oben herab als solche definiert. Wir sollten die Fahne nicht den Partycrashern und Montagsdemonstranten überlassen.

Manche Dinge kommen immer wieder. Das Full-House beim Kniffel zum Beispiel. Oder Hosen mit Schlag. Oder Wackel-Dackel-Elvis-Figuren im Auto. Ein neues Album von Rick Astley. Oder eben Deutschlandfahnendebatten. Und Letztere kommen immer kurz vor oder während einer Fußballeuropa- oder –weltmeisterschaft. Garantiert!

Die Fahnendebatte ist rituelles Party-Crasher-Theater.

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Allein dieser Umstand zeigt die Absurdität der Debatte und der Argumente der Fahnengegner, entfachen sie die Diskussion doch jedes mal genau dann, wenn Schwarz-Rot-Gold gemeinsam mit den Nationalfarben von Dutzenden anderer Länder gemeinsam auf den Fanmeilen auftauchen und sich deutsche, italienische, kroatische, türkische und französische Fans fahnenschwenkend in den Armen liegen oder entsprechend beflaggte Autos die Straßenbilder prägen. Wie ein nervendes Gewitter, das mit penetranten Blitzen und Donnergroll das ausgelassene Grillfest mit Freunden sprengt.

Das ist ein bisschen so, als würde man auf eine Party gehen, und sich dann, um Mitternacht, wenn alle singen und tanzen und die Stimmung auf dem Höhepunkt ist, in den Türrahmen stellen, die Musik leiser drehen und sich darüber beschweren, dass man jetzt aber echt mal was anderes hören wolle. Sowieso sähen alle voll albern aus mit ihrem Gehoppse, und man solle sich gefälligst wie erwachsene Menschen benehmen. Gähn.

Doch auch wenn man tiefer geht und die Party- und Begeisterungsebene verlässt, erscheinen die Aufrufe, sich nicht zu Schwarz-Rot-Gold zu bekennen, geradezu hanebüchen, wenn nicht noch schlimmer.

Die Fahne steht heute für die Überwindung der Teilung, für Aussöhnung und Verbrüderung.

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Das Schwarz, das für Knechtschaft und Unterdrückung steht wird vom Gold überstrahlt, das das Licht der Freiheit symbolisiert. Dazwischen steht mit Rot ein Symbol für die Überwindung der Dunkelheit und das leidenschaftliche Streben nach Freiheit. Die eine Deutung unserer Farben, die ich persönlich immer sehr mochte.

Haben unsere Nationalfarben ihren Ursprung in der Befreiung des Landes von Napoleon und für den Aufstand der Bevölkerung etwa beim „Hambacher Fest 1832“, wo Einheit, Freiheit und Volkssouveränität eingefordert wurden, wie sonst kaum zuvor und mit der entsprechenden Wirkung, so stehen sie heute für die Überwindung der Knechtschaft durch ein mauererrichtendes, die Bevölkerung spaltendes System und für die Wiedervereinigung eines durch Unrecht getrennten Landes. Sie stehen für das Wiederzusammenfinden von Familien und Freunden und für eine Aussöhnung und Verbrüderung von einst verfeindeten Nationen.

Die Gleichsetzung von Patriotismus und Nationalismus ist das Grundübel der Debatte.

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Wie wunderbar ist es, dass Schwarz-Rot-Gold auf der Straße des 17. Juni in Berlin zusammen mit der französischen Trikolore geschwungen wird, als sei es nie anders gewesen? Und spätestens seit 2006 sollte auch dem letzten Fahnenskeptiker klar sein, dass das Bekenntnis zur eigenen Nation nicht automatisch mit deren Überhöhung einhergeht, dass Patriotismus eben nicht Nationalismus bedeutet. Es ist die Unfähigkeit zu jener Unterscheidung, die ein Grundübel und ein fundamentales Missverständnis in fast allen Debatten unserer für die europäischen Nachbarn sicher mehr als befremdlichen Fahnendebatten darstellt.

Um dieses Missverständnis zu klären, bräuchte man nicht mal ein großes etymologisches Wörterbuch. Ein kurzer Blick in den Duden würde reichen: Unter ‚Patriotismus’ steht dort ‚Liebe zum Vaterland’. Für den Begriff ‚Nationalismus’ dagegen wählt der Duden die Umschreibung ‚(meist abwertend) übersteigertes Nationalbewusstsein’.

Fahnenschwenken setzt niemanden herab. Das zu denken, ist kleinmütig.

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Dabei offenbaren die Deutschlandfarbenkritiker ein eher merkwürdiges Selbstverständnis von ihrer nationalen Identität, suggerieren sie doch immer wieder aufs Neue, dass das Schwenken der eigenen die Herabsetzung und Verachtung der anderen Fahnen impliziert. Als sei ein Bekenntnis zur eigenen Heimat automatisch eine Ablehnung der Heimat der anderen. Wie kleinmütig ist ein solches Weltbild eigentlich?

Gehen wir zurück zum Begriff des Patriotismus, würde das in der Logik der Fahnengegner bedeuten, dass Liebe immer auch mit Geringschätzung verbunden ist. Fragen Sie einmal einen Vater oder eine Mutter, ob sie ihr Kind liebt und ob er oder sie dann ja logischerweise alle anderen Kinder verachtet. Sie können mir die Reaktionen gerne an mein Büro weitergeben. Die lustigsten veröffentlichen wir dann.

Natürlich missbrauchen einige Menschen die Fahne. Aber das ist kein Grund, sie sich zu schwenken.

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Natürlich gibt es Menschen, die die Deutschlandfahne missbrauchen, die ihre Symbolik umkehren und sie für ihre chauvinistischen und verfassungsfeindlichen Zwecke einsetzen. Aber sollen wir diesen Leuten unsere Farben überlassen und die Werte, für die sie stehen, verblassen lassen?

Ich sage: Im Gegenteil! Ich möchte nicht, dass die Deutschlandfahne nur noch montags neben Hassplakaten und Politikergalgen geschwungen wird. Ich möchte, dass sie als das genutzt und gezeigt wird, was sie ist: ein stolzes Bekenntnis zur Freiheit, zur Demokratie und einer offenen und toleranten Gesellschaft, die nicht von oben herab als solche definiert, sondern von den Menschen friedlich erkämpft und über Jahrzehnte entwickelt wurde.

Es ist übrigens ein interessanter und zugleich äußerst beängstigender Gedanke, was es eigentlich bedeutet, wenn man ein solches Symbol der Freiheit ablehnt oder sogar dazu aufruft, es abzulehnen...

Die Fahnenschwenker bei der EM unterstützen die deutsche Elf. So einfach ist das.

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Gegenüber von meinem Bundestagsbüro befindet sich das ARD-Hauptstadtstudio. Dort, im Foyer steht eine riesige Plüschfigur der Maus und des blauen Elefanten aus der „Sendung mit der Maus“.  Als ich letztens vorbei kam, habe ich ihnen heimlich zugezwinkert. Bereits vor vielen Jahren nämlich gab es einen Film der Maus, in dem erklärt wird, woher unsere Fahne eigentlich kommt. An den muss ich immer wieder denken. Dort wird der geschichtliche Hintergrund kindgerecht und doch sehr sachlich erklärt. Woher kommt unsere Fahne, was bedeutet sie und wie wird sie verwendet. Einleitend heißt es dort zum Einsatz bei Fußball-Großereignissen: „Die Fans wollen die deutsche Nationalmannschaft damit unterstützen und zeigen, dass sie zu Deutschland halten. Und die Fans der anderen Mannschaften machen es natürlich genauso. Mit IHRER Flagge“. So einfach ist es manchmal. Und so ist es gut.

- "Vorsicht mit nationalistischen Symbolen und Parolen beim Fußball", empfiehlt dagegen Ulrich Wagner, Professor für Sozialpsychologie an der Uni Marburg und fürchtet, die Deutschen seien nicht reif dafür.  Auch die Grüne Jugend ist gegen das Fahnenschwenken, weil Fußballpatriotismus nicht harmlos ist.

- Außerdem auf Causa: Wie weiter nach dem Brexit - hier geht es zur Debattenübersicht.

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